«Das Gehirn reagiert wie auf Kokain»

Zucker sei böse und töte, sagt Hans-Ulrich Grimm. Der Bestsellerautor hat ein Buch über Kinderernährung geschrieben und fordert, eine Coca-Cola müsse 12 Franken kosten.

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Kinder haben von Natur aus keinen Drang zu Süssem, sagen Sie. «Meines schon!», denken sich da wohl viele Eltern.
Zucker ist das erste industriell hergestellte Produkt. Es gibt deshalb keinen natürlichen Drang. Sonst müssten Ferrero und Co. auch nicht Milliarden für Werbung ausgeben. Wenn man ein Kind früh anfixt, dann mag es Zucker natürlich. Es gibt zwar keine offizielle Zuckersucht. Doch Studien legen nahe, dass Zucker im Gehirn ähnliche Reaktionen auslöst wie Kokain und andere Rauschmittel.

Zu viel Zucker macht dick und führt zu Karies. So weit die Volksweisheit. Sie bezeichnen Zucker sogar als «das Böse». Wieso?
Weil er psychisch und physisch schädlich ist. Zu viel Zucker führt schon bei Kindern zu Bluthochdruck, zum Beispiel durch Energydrinks. Ein Kinderarzt, mit dem ich gesprochen habe, sagte, er habe mit zwei Blutdruckmessgeräten angefangen, heute habe er zwanzig in der Praxis. Zu viel Zucker aus Softdrinks, sogar den vermeintlich gesunden Smoothies und den Quetschies, dem pürierten Obst aus dem Plastikbeutel, kann sich zudem in der Leber ansammeln, weil der Körper überschüssigen Zucker in Fett verwandelt – eigentlich eine pfiffige Form von Vorratswirtschaft, die Energie aus Früchten, die es nur im Sommer gibt, für den Winter einzulagern. Wenn aber ständig neues Nutella kommt und Cola und Quetschobst, führt das schon im Jugendalter zu einer Fettleber. Statt Smoothies könnte Mama dem Kind also gleich ein Bier geben.

Welches sind die psychischen Gefahren?
Das Zappelphilipp-Syndrom ADHS zum Beispiel. Neben Phosphaten und anderen Lebensmittelchemikalien stand da Zucker schon lange im Verdacht. Jetzt hat sich gezeigt, dass Diäten, die solche Auslöser vermeiden, weit wirksamer sind als die üblichen ADHS-Medikamente wie Ritalin. Ich hatte mal eine Mutter aus der Schweiz besucht, die hat aus ihrem hyperaktiven Sohn mit Ernährungsumstellung ein ganz normales, ausgeglichenes Kind gemacht. Was auch Zeichnungen des Kindes eindrücklich bewiesen: vorher unerkennbares Gekritzel, das ein Haus darstellen sollte, nachher klare Linien.

Eine Kindheit ganz ohne Zucker kann es doch auch nicht sein. Wie viel Zucker ist Ihrer Meinung nach erlaubt?
Ein Erwachsener isst täglich 100 Gramm Zucker. Dabei ist der Fruchtzucker, der fast noch schädlicher ist, nicht einmal eingerechnet. Das Durchschnittskind bei uns verzehrt noch weit mehr. Allein fast 60 Kilo Süssigkeiten im Jahr. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt täglich nur 25 Gramm Zucker für Erwachsene. Für Kinder gelten entsprechend dem Gewicht kleinere Mengen.

Kinder wachsen und bewegen sich mehr als Erwachsene. Bauen sie den Zucker denn nicht ab?
So weit kann es gar nicht rennen, dass es so viel Zucker verbrennen könnte. Und lassen Sie sich nicht vom Äusseren täuschen. Es gibt das Phänomen der Tofis – «Thin Outside, Fat Inside»: Fettdepots zwischen den Organen.

Wie reduziert man den Konsum von Zucker am effizientesten?
Das einfachste Rezept ist: keine industriell hergestellten Produkte essen. Also auch keine fertigen «Frucht»-Joghurts, keine Fertigmüesli. Hin und wieder eine Glace oder ein Stück Torte ist kein Problem. Problematisch sind regelmässig konsumierte Produkte wie Nutella, der Brei von Hipp oder Holle aus dem Gläschen, Red Bull oder Coca-Cola, die grösste Zuckerschleuder überhaupt. Zehn Prozent des globalen Ausstosses gehen auf deren Konto. Manche sagen, dass Coca-Cola gefährlicher sei als der IS. Klingt bizarr, stimmt aber: Laut einer Harvard-Studie fordern Softdrinks 180'000 Tote pro Jahr.

Braucht es auf stark zuckerhaltigen Produkten Warnhinweise wie bei den Zigaretten?
Die Politik weigert sich, solche Massnahmen zu ergreifen, obwohl sie sich das Volkswohl auf die Fahnen geschrieben hat. Und das Wohl von Kindern dünkt mich da die vornehmste Aufgabe. Stattdessen verweist man auf die Eigenverantwortung, was im Fall von Kindern nur zynisch ist: Kinder können es ja nicht besser wissen. Hinweise auf Verpackungen wären eine Lösung, aber auch eine Preiserhöhung fände ich angebracht. Wenn eine Flasche Cola 12 Franken kosten würde, wäre das ein klares Signal.

Wieso passiert in dieser Hinsicht nichts?
Es passiert ja was: Der Zuckerkonsum wird sogar staatlich gefördert, etwa durch die International Sugar Organisation in London, in der sich die zuckerproduzierenden Staaten dieser Welt zusammengeschlossen haben, unter anderem die Europäische Union, aber auch die Schweiz. Ausdrückliches Ziel: Förderung des Zuckerkonsums. Dafür arbeitet dieser staatliche Arm der Zuckerlobby auch mit den Zuckerbaronen dieser Welt ganz eng zusammen.

Sollten vernünftig erzogene Kinder eigentlich in der Lage sein, alles zu essen?
Vernünftige Kinder essen alles, was gut für sie ist. Das hat die US-amerikanische Kinderärztin Clara Davis herausgefunden, die Kinder im Alter von einem Jahr aus über dreissig Nahrungsmitteln frei wählen liess. Ergebnis: Die Kinder haben genau das ausgesucht, was für sie persönlich richtig war. Der «Trick» dabei war, dass nur natürliche Nahrungsmittel angeboten wurden, keine Süssigkeiten, kein Zucker, keine geschmacksverändernden Stoffe. Die Kinder waren hinterher pumperlgesund.

Sollte man Kinder zwingen, Gemüse zu essen?
Kinder mögen Gemüse nur hin und wieder, weil es für sie nicht genug Energie hat. Man sollte es ihnen deshalb nicht aufzwingen. Sie müssen ja wachsen und stehen deshalb eher auf Pasta, Pommes oder Reis. Das ist bei meinen Töchtern auch so. Gestern aber wollten sie unbedingt Kürbis. Haben wir halt Kürbis gekauft.

In Ihrem Buch kommt Vollkornbrot nicht gut weg. Warum nicht?
Vollkornbrot ist die Schwundform der Vollwerternährung und vor allem in Deutschland beliebt seit der Zeit des Reichsvollkornbrotausschusses. In der Schweiz herrscht berechtigte Skepsis gegenüber Vollkornbrot; es sei ein Eisenräuber. In Grossbritannien warnen die Behörden, Kindern unter fünf Jahren übermässig viel Vollkorn zu geben wegen der blähenden Effekte. Wichtig ist aber in der Tat, dass die Nahrung vollwertig ist, also möglichst viel Nährwert bietet, und nicht minderwertig wie der industrielle Brei aus dem Gläschen, bei dem der Nährwert der Haltbarkeit geopfert wurde: Der wird so lange erhitzt, bis er zwei Jahre hält und damit oft älter ist als das Baby, das ihn schluckt. (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 07:27 Uhr

Zur Person

Der Journalist und Autor kritisiert seit Jahren die Lebensmittelindustrie. In seinem neuen Buch «Gummizoo macht Kinder froh» (Droemer) befasst er sich mit Kinderernährung.

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