Brief fürs Läbä

«Mundart»-Kolumnistin Sarah Elena Müller führte kurzzeitig einen verstörenden Briefwechsel mit einem Kind aus der Zukunft.

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Liebs Mami vo de Zuekunft,

Ich schriibe dir us de Gebärmueter, aber scho glii wird ich us dem fürsorgliche Ruum usegschwemmt, wil du mich abtriibsch. Du bisch e bösi Häx und e schlächti Frau und hoffentlich musch du no ganz viel emotionali und körperlichi Schmerze erliide zur Straf. Au de Papi söll Schmerze erliide, aber ihn chani nid so direkt under Druck setze. Wo isch er eigetlich? Isch er au so en schlechte Mensch wie du? Denn sött mer en is Gfängnis stecke. Womöglich isch er scho det und du wilsch mich darum nöd ufd Welt bringe. Aber glaub mer, was au immer für e Müehsal du wirsch müesse ushalte, s Mitleid vo de biodynamisch intakte Familie, de Kampf mit de Ämter, d Beurteilig vo dim Dasii als Frau dur e Xellschaft, wo sich nach wie vor usenimmt, dis Läbä im Dienst vo de Fortpflanzig imene moralische Liecht z betrachte – das isch alles Pipifax gege die psychische und physische Höllequale, wo du wirsch durlebe, wenn du mich jetzt klammheimlich abtriibsch i de konspirative Düsternis vo dim, also mim, also oisem Mueterliib. Mord im Mueterliib! Demokratieschwund im Mueterliib!

Du fragsch dich jetzt vilicht: Wieso chan min Fötus scho rede und schriibe, wer het ihm die Wort is Muul gleit und warum schwebt er nid stumm und unschuldig i sim Fruchtwasser? Ich säge nume: Jedes Chind isch es Chind vo Gott. Au scho ghört? Denn weisch du hoffentlich au, wie gross s Mitgfühl isch, wo Gott und sini Ahängerschaft an Tag leget. Riesig. Also so immens überdimensional, dass es sogar dis Buuchfäll durchlüüchtet, und ganz tüüf i dini heilige Eizelle, ja sogar bis id Hode vo dim Sexualpartner dringt und döt i all siner deterministische Transzendenz erkennt, jawohl, das zuekünftige Läbä isch wertvoll und mues um jede Priis gläbt und is Läbä beförderet werde. Mir alli krieget mengsmal Gschenk, wo mir gar nöd wend. Aber au denn duet me sich höflich bedanke und laat s un-gwünschte Geschenk zume spötere Ziitpunkt diskret verschwinde. Zum Biispiel i de Babyklappe. Das duet vilich denn au es biz weh, aber das isch halt s Läbä. Und um das gahts ja. S Läbä. Wer s nid respektiert, söll mit Schuld belade umeschliiche. Wer s trotz aller Widrigkeite uf sich nimmt, söll vor Glück und Ergriffeheit hüülend es HD-Video mit original Ultraschallfotos drehe und s mit Klaviermusig und eme Striichorchester unterlege.

Liebs Chind vo de Zuekunft,

Dini Argumentation isch für es no nid mal 3 Monat alts Wese zwar recht usgriift und glichzitig ziemlich karg a Fakte. Es isch es biz unheimlich, dass du mir demit drohsch, dass de Maa, wo dich züügt het, is Gfängnis ghört, und glichzitig behauptisch, Gott seg din Vater. Ich chan da drus nur schlüüsse, dass du entweder es moralisches Problem mit em dur de Rechtsstaat organisierte Strafvollzug hesch oder dass Gott jetzt doch no für all die Läbä, wo i sim Name vermasslet worde sind, iisitzt. Beides het wenig mit de Vorgäng i mim Körper z tue. Dini Bedenke weg em Post-Abortion-Syndrom und de emotionale Quale würd ich ez eher de Stigmatisierig vom Schwangerschaftsabbruch zueschriibe – aber die Wirkig isch em Lebensrechtsaktivist und Erfinder vo dem «Syndrom», Vincent Rue, damals sicher au gad glege cho. Alles in allem sehr viel Zirkelschlüss i dine Überlegige. Ich han allgmein s Gfühl, mir hend sehr verschiedeni Konzept bezüglich Ursach und Wirkig, Schuld und Verantwortig. Drum und au us persönliche Gründ han ich beschlosse, de Briefkontakt mit dir nid wiiterzfüere.

(Der Bund)

Erstellt: 14.09.2018, 07:49 Uhr

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