Blutvergiessen im Stadttheater

Im Kubus des Stadttheaters hat für einen Abend der Boxsport Einzug gehalten. Es gab viel Drama. Und es ist noch mehr Blut geflossen – kein Theaterblut.

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Es dauert genau eineinhalb Box-Runden bis sich im Kubus des Stadttheaters das erste grössere Drama abspielt und dem Hintersten und Letzten im Publikum klar wird, dass das hier kein Theater ist. Der bedauernswerte französische Jungboxer Garry Moussa liegt nach einem bösartigen rechten Haken des Thuners Vahram Khudea mit einer Gehirnerschütterung auf dem Bretterboden und muss vom Ringarzt betreut werden.

Die Stimmung schnellt deswegen – wie an normalen Boxabenden üblich – nicht etwa in die Höhe. Es wird still im Auditorium. Sehr, sehr still. Der Ringsprecher hatte zuvor angekündigt, dass die beiden Boxer mit diesem Kampf ihre Amateurkarriere beenden und ins Profilager wechseln möchten, deshalb, und weil der Franzose einige Kilos leichter ist, habe man sich auf einen Kampf ohne Wertung geeinigt. Und nun das.

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Auch das zweite Faustgefecht des Abends ist nichts für Menschen mit sensiblem Gepräge. Zwei bisher ungeschlagene Kämpfer treffen aufeinander, der solide Pole Mateusz Krajewski versucht sich des ungarischen Brachialboxers Ferenc Berki zu erwehren – dessen Spezialwaffe ist der kernige Leberhaken. Bereits ab der dritten Runde spritzt polnisches Blut durch den Kubus des Stadttheaters, nicht aus der Lebergegend notabene; bevor der Ungare den Kampf mit einem Haken in die Körperseite vorzeitig beendet, hat er dem Polen die Nase dergestalt malträtiert, dass dessen Lebenssaft in rohen Mengen aus dem Riechorgan tropft. Und Drama gibts auch hier: Wie die Freundin des Polen den Untergang ihres Kämpfers in der Ring-Ecke mit verzweifelten Anfeuerungen und Schimpftiraden abzuwenden trachtet, ist herzzerreissend. Etwas später wird sie selber im Ring stehen, und es wird ihr – dies sei bereits vorweggenommen – keinen Deut besser ergehen. Das polnische Blutvergiessen wird an diesem Abend im Berner Stadttheater kein Ende nehmen.

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«Kultur im Ring» heisst der Anlass, den die LS Creative Kommunikationsagentur ausgeheckt und in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bern umgesetzt hat. So folgt nach den beiden aufwühlenden Boxkämpfen ein theatraler Programmpunkt. Der Chor von Konzert Theater Bern spielt eine Szene aus der Brecht/Weill-Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny». Geboxt wird auch hier. Und in Sachen Drama wird da ebenfalls einiges aufgetischt: Holzfäller Joseph verliert in einem Preisboxen gegen den Dreieinigkeitsmoses das Leben, nachdem er seinen besten Freund aufgefordert hat, sein ganzes Vermögen auf ihn zu setzen. Ein einziger Schlag reicht dem Moses, und schon liegt der Holzfäller am Boden, was von den Boxfreunden im zahlreich erschienenen Publikum mit einem müden Schmunzeln quittiert wird.

Ein Berner Boxtrainer, der sich die Sache mit schlecht unterdrückter Skepsis anschaut, pufft seinen Schützling in die Seite und flüstert ihm zu: «Ich werde dich morgen in dieser Theatergruppe anmelden. Ich denke, da hast du mehr Chancen als im richtigen Boxen.» Grosses Gelächter unter den Kollegen. Der Applaus nach der Oper-Intervention ist aus dem Block der herkömmlichen Theatergänger weit grösser als aus jenem der Boxfreunde. Man könnte von einer Abtastrunde zwischen den beiden Kulturen sprechen.

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Das Verquicken von Boxen und Kultur ist gerade in Bern kein wesentlich neuer Ansatz. Der honorige Berner Boxtrainer Charly Bühler, der in seinem Trainingskeller in der Kochergasse immer wieder Kunst ausstellte oder Jazzkonzerte organisierte, verglich das Boxen gerne mit der Improvisation in der Jazzmusik. Es gehe in beiden Disziplinen darum, unmittelbar auf sein Gegenüber einzugehen, eigene Aktionen zu starten und innerhalb von Sekundenbruchteilen auf Vorstösse des Gegners zu reagieren. So gingen bei ihm nicht nur Sportler, sondern auch Künstler, Politiker und Musiker ein und aus.

Obwohl sich der Sport in vielen Ländern noch immer im Milieu der Halbwelt abspielt, genoss er stets Respekt unter den Kunstschaffenden. Der Kubist Georges Braque oder der Surrealist Salvador Dalí waren begeisterte Boxer. Ebenso der Jazztrompeter Miles Davis, der imstande gewesen sein soll, den Punching Ball in seinem Boxclub im komplexen Be-Bop-Beat zu malträtieren. Joseph Beuys lieferte sich an der Documenta 1972 einen erbitterten Boxkampf gegen einen Studenten, Sartre, Hemingway oder Norman Mailer boxten ebenfalls, allerdings mit eher bescheidenem Erfolg. Der Berner Schriftsteller Pedro Lenz behauptete kürzlich, Boxen sei Literatur mit Fäusten – in beidem gehe es um Rhythmus und Pause.

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Erklärungsversuche für dieses Faszinosum gibt es einige. Einleuchtend scheint dieser: Künstler und Intellektuelle sehen im Boxen einen furiosen Rückfall in die Archaik, ein Rütteln an den Tabus unserer Zivilisation. Wie kann es sein, dass in einer gesitteten Kultur, Menschen mit Fäusten aufeinander losgehen? Die Schriftstellerin Joice Carol Oates griff diesen Vorwurf in ihrem berühmten Essay «Über Boxen» auf und entgegnete den Skeptikern: «Selbstverständlich ist Boxen primitiv, doch auch von Geburt, Tod und Sexualität könnte man sagen, dass sie primitiv sind». Sie sieht im Boxen gar eine Metapher zum schieren Dasein: «In seinen intensivsten Momenten ist das Boxen ein so machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts –, dass es das Leben selbst ist und kaum ein blosser Sport.»

So verwundert es nicht, dass das Theater an diesem Abend merklich Mühe bekundet, auch nur in Ansätzen ein ähnlich dramatisches Abbild des Lebens zu zeichnen. Nach der Pause lässt das Stadttheater den englischen Opernsänger Robin Adams gegen den surinamischen Tänzer Winston Ricardo Arnon zu einem improvisierten Gefecht antreten. Ersterer (nicht ganz austrainiert), versucht sich den tanzenden Gegner (weiches Kinn, weiche Knie) mit seinem markigen Bariton vom Leib zu halten, während Arnon vom etwas überengagierten Ringrichter (Jonathan Loosli) wiederholt angehalten wird, mehr Aggressivität an den Tag zu legen. Das Fazit: Zwei ausgeglichene Runden (in der dritten wird vornehmlich geklammert). Das Boxen wird hier zum Klamauk. Allerdings zum guten Klamauk. Doch die These, dass das Boxen auch dem Tanz nicht unverwandt sein soll, bestätigt sich in dieser Nummer nicht.

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Es ist wieder Zeit für ein richtiges Drama. Dafür sorgen die brasilianisch-oberländische Boxhoffnung Viviane Obenauf (Einlaufmusik: Rammstein) und die bereits obig erwähnte Polin Karina Kopinska (Einlaufmusik: osteuropäischer Hip-Hop), deren Hoffnungen auf einen unbeschwerten Abend sich bald verflüchtigen. Nach einem unabsichtlichen Kopfstoss blutet die Polin bereits ab der dritten Runde unschön aus einer Schramme an der Stirn, und muss auch sonst unten durch gegen eine mit gutem Distanzgefühl und wohldosierter Aggressivität agierende Obenauf. Der Punktsieg der Frau aus Oberried ist einstimmig. Die Polin, für die das Boxen tatsächlich ein Broterwerb darstellt, wird nach der 13. Niederlage im 23. Kampf künftig mit kleineren Gagen rechnen müssen. Existenzialismus in den Ringseilen.

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Im Hauptkampf demonstriert dann der in Bern lebende Ungare Gabor Veto, wie kultiviertes Boxen aussehen kann. Der Mann hat vor vier Jahren, ohne einen Kampf verloren zu haben und nachdem ihm der grosse amerikanische Boxpromoter Don King einen Vertrag für drei Fights angeboten hatte, seine Karriere überraschend beendet. Weil sein Umfeld nicht stimmte, wie er später angab. Der zweite Kampf nach seinem Comeback ist ein Steigerungslauf, ein Lehrstück in boxerischer Ökonomie und Taktik. Veto beginnt verhalten, boxt in den ersten zwei Runden kaum Kombinationen, doch just als sein Gegner Mfaume Mfaume aus Tansania immer mutiger wird, streckt er diesen in der dritten Runde mit einem linken Haken auf die Bretter. Tempo und Intensität nehmen in den folgenden Runden zu, was zur Folge hat, dass der Afrikaner zur sechsten Runde nicht mehr antreten mag.

Er habe sich die spektakulären Kombinationen für die nächsten drei Runden aufgespart, wird Gabor Veto nach dem Kampf sagen. Aus Sicht von Mfaume Mfaume ist es an diesem Abend aufgegangen, das Verhältnis zwischen Rhythmus und Pause. Trotz der Niederlage. Es hätte schlimmer kommen können. Blut ist hier keines geflossen. (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2016, 18:23 Uhr

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