Beschimpft und mit dem Tod bedroht

Dokumentarfilmer Fernand Melgar stellte Fotos von Drogendealern auf Facebook. Seither wird er verfolgt.

Fernand Melgar vor einem Spruch, der seine Ausschaffung fordert – als Reaktion auf Melgars Facebook-Post mit Fotos von Drogendealern. Foto: APN

Fernand Melgar vor einem Spruch, der seine Ausschaffung fordert – als Reaktion auf Melgars Facebook-Post mit Fotos von Drogendealern. Foto: APN

Er ist immer auf der Seite der Schwächsten. Doch jetzt klagt man ihn an, dass er sie verrate. Der Lausanner Dokumentarfilmer Fernand Melgar begann im Mai in seinem Quartier Maupas, Drogendealer zu fotografieren. Junge Schwarze, Migranten, die auf Kundschaft warten. Die Fotos stellte er auf seine Facebook-Seite. Diese Dealer stünden um jene Schule herum, die sein Sohn nach den Sommerferien besuche, schrieb er. Der Sohn seines Nachbarn, Gabriel, sei auf derselben Schule gewesen und mit Drogen in Kontakt gekommen. Mit 14 Jahren habe Gabriel von Dealern erstmals Rauschgift gekauft, wurde süchtig, entsagte den Drogen, wurde als 18-Jähriger rückfällig und starb in den Armen seiner Eltern an einer Überdosis Kokain. «Das Drama, ein Kind zu verlieren, wünsche ich niemandem, nicht meinem ärgsten Feind», schrieb Melgar. Doch Lausannes Stadträte verschlössen seit 20 Jahren die Augen vor den Drogenproblemen.

Nun wird der linke Filmemacher von seinem eigenen Publikum beschimpft, während Rechte ihm applaudieren. Seine Anhänger werfen ihm vor, er denunziere Migranten und damit die schwächsten Teile der Gesellschaft.

Fernand Melgars Facebook-Post mit Fotos von Drogendealern. Quelle: Facebook

Dabei hat Melgar in seinen Dokumentarfilmen genau die Notsituationen dieser Menschen aufgezeigt: «La forteresse» (2008) etwa führte ins Empfangsund Verfahrenszentrum Vallorbe im Jura. Der Film zeigte den behördlichen Umgang mit Asylbewerbern, auch die Momente von Empathie. Antrieb für den Film war Melgars Schock. 2006 verschärfte die Schweiz das Asylgesetz.

Anarchist, nicht Opportunist

Melgar wurde als Kind spanischer Gewerkschafter 1961 im Exil in Tanger geboren und kam 1963 heimlich in die Schweiz, wo sein Vater als Saisonnier arbeitete. Zum Regisseur bildete er sich selbst aus. Als er «La forteresse» drehte, sprach er davon, wie sich seine Eltern ständig davor fürchteten, ausgewiesen zu werden. Als Kind versteckte sich Melgar mit seiner Schwester unter dem Bett, wenn es an der Tür klingelte. Nach der Geburt seiner eigenen Kinder liess er sich einbürgern.

Seine Dokfilme – «Vol spécial» über Ausschaffungsflüge, «L’école des philosophes» über Schulkinder mit Behinderung –, sind kommentarlose Beobachtungen. Sie thematisieren die Systeme, durch die die Menschen geschleust werden, und zeigen beide Seiten, ohne zu urteilen. Partei nimmt er für die Schwächeren. Aber im Blick hat er auch die Schwierigkeiten, denen jene ausgesetzt sind, die bewachen, erziehen, befragen müssen. Was soll also dieser Facebook-Post? Aus der Beobachtung scheint Ermittlung geworden zu sein. Aus dem Zeigen das Verurteilen. Aus dem Blick fürs Ganze das Engagement gegen Einzelne.

In Melgars Quartier wurden in den letzten Tagen auf Hausfassaden der Spruch «Vol spécial pour Fernand Melgar» gesprüht. Dealer drohten ihm am Sonntag auf der Strasse mit dem Tod.

Botschaft an Fernand Melgar an einer Hauswand. Quelle: Facebook

Melgar gibt sich unbeeindruckt. Er sagt, er werde Strafanzeige gegen unbekannt erstatten. «Es handelt sich um eine mafiöse Organisation. Ich stehe zu dem, was ich tue. Ich bin kein Opportunist. Ich stamme aus einer Anarchistenfamilie und habe Lausannes Politiker aus ihrer Komfortzone gelockt. Als ich in ‹Vol spécial› Gesichter von Polizisten zeigte, haben mir gerade Linke applaudiert.» Melgar bestreitet, dass die fotografierten Dealer Asylsuchende seien. Man dürfe Delinquenten nicht mit Asylsuchenden verwechseln. Sie seien keine prekarisierten Arbeiter.

230 Personen, darunter die Lausanner Regisseure Lionel Baier und Jean-Stéphane Bron, werfen Melgar in einem offenen Brief «inakzeptable Methoden, jenseits der dokumentarischen Ethik» vor. Er bringe «eine Gruppe verwundbarer Leute in Gefahr», indem er deren Identitäten den Behörden aushändige und der Wut der Bevölkerung ausliefere. Damit «entfernt er sich von der Ethik eines Cineasten». Auch Studierende der Genfer Kunsthochschule, die Melgar nach den Sommerferien hätte unterrichten sollen, kritisieren ihn scharf. Ein Student schrieb auf Melgars Facebook-Seite: «Es ist übel, zu wissen, dass der Typ an der Schule unterrichten wird, an der ich studiere.» Melgar hat sich als Dozent zurückgezogen.

Derweil feiern die Bewohner seines Quartiers Melgar für seine Aktion. Bei einer Kundgebung beim Place Chauderon, einem der grössten Drogenumschlagplätze, kamen 300 Leute zusammen. Melgar attackierte den Stadtrat für seine Untätigkeit. Der linken Stadtregierung wurde unwohl. Polizeidirektor Pierre-Antoine Hildbrand (FDP) versprach mehr Polizeipräsenz und ein härteres Auftreten gegenüber Dealern. Die Afrikaner stehen seit einigen Tagen nicht mehr auf ihren Posten, jedenfalls nicht mehr vor den Quartierschulen.

DerBund.ch/Newsnet

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