Anmassungen sondergleichen

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten DerBund.ch/Newsnet-Journalisten heimliche Vorlieben. Heute: Franz Josef Wagner.

Ohrfeigen und Streicheleinheiten: Wagner-Kolumne in der «Bild»-Zeitung.

Ohrfeigen und Streicheleinheiten: Wagner-Kolumne in der «Bild»-Zeitung.

(Bild: Keystone)

Ein Leben besteht aus Ritualen. Für viele Menschen beginnt ein Tag mit einer Tasse Kaffee, Gassigehen mit dem Hund oder mit einer Zigarette. Für mich beginnt er erst richtig am Kiosk. Dort erstehe ich dreierlei Gedrucktes: den «Tages-Anzeiger», die «Süddeutsche» und «Bild».

Den Tagi lese ich, um über Zürich und die Schweiz im Bilde zu sein. Die «Süddeutsche» wegen des Feuilletons, der Medien- und Panoramaseite. Aus Zeitmangel wird sie meist bloss durchgeblättert, interessant erscheinende längere Stücke hebe ich mir für später auf.

Einen hebe ich mir nie für später auf: Franz Josef Wagner, «Chefkolumnist» der «Bild»-Zeitung. Seine «Post von Wagner», eine Rubrik, die seit 2001 besteht und die der heiss umstrittene Kolumnist seither täglich füllt, montags bis samstags, schlage ich immer gleich auf, mit – ich gestehe es – fast fiebrigen Fingern. Tag für Tag rückt er in seinen in Briefform verfassten Zeilen die Welt wieder zurecht, teilt Ohrfeigen und Streicheleinheiten aus.

Gott und die Welt

Dieses Zurechtrücken ist eine Anmassung sondergleichen – und davon lebt die Kolumne, zumindest für mich. Dicker auftragen als Wagner kann man nicht. Es gibt hell und dunkel, schwarz und weiss – und er, nur er, weiss, wie der Hase läuft. Er schreibt Briefe an Cindy Crawford, deren Bauch nicht mehr so «elastisch wie ein Sprungtuch» ist, an Andy Borg, der mit 54 von der ARD als Moderator des «Musikantenstadls» abgesetzt wurde, obwohl man in dem Alter noch Inlineskate fahren kann, an den dubiosen Rapper Bushido, den er eine «dumme Wurst» nennt, an den seelsorgenden Nachttalker Jürgen Domian («Sie waren ein Moderator der Dunkelheit. Ich mag das Licht»), an Grippekranke, die für Simulanten gehalten werden, an Gott und die Welt.

Immer sucht er die Position des hart arbeitenden Volkes einzunehmen. Er ereifert sich, reibt einem seine Meinung richtig rein. Vielleicht gibt es tatsächlich Menschen, die denken: «Ja, der spricht mir aus der Seele.» – Aber es spricht keine andere Seele aus diesen Briefen. Seine verstiegenen, pseudopoetischen Texte sind ein absurdes Amüsement.

DerBund.ch/Newsnet

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