Zum Hauptinhalt springen

Analyse: Das türkische Paradox

Die Türkei zensiert – nicht nur in der Schweiz.

Im eigenen Land haben Richter im letzten Jahr den Zugang zu mehr als 1000 Webseiten gesperrt. Es gibt Schriftsteller und Journalisten, die im eigenen Land nur mit Polizeischutz auf die Strasse können; Verleger, die ihrer Bücher wegen vor Gericht gestellt werden; Generäle, die einer Zeitung drohen. Und doch ist all das nicht einmal die halbe Wahrheit. Die Türkei ist ein Land im Umbruch - und mittlerweile ein solches Kaleidoskop an Stimmen, dass es die eigenen Bürger fast noch mehr verwirrt als ausländische Beobachter. Im besten Falle ist es eine auf lange Frist heilsame Verwirrung, denn sie löst Jahrzehnte von sturem Einheitsdenken ab.

Es mag paradox klingen, aber die Türkei war noch nie so frei wie heute. Die Generäle, die der Zeitung «Taraf» drohen? Werden schon am Tag darauf von derselben Zeitung erneut blossgestellt. Und die anderen Zeitungen halten solidarisch zu ihren bedrohten Kollegen statt zum Militär – zum ersten Mal. Für jeden Verleger, der vor Gericht steht, gibt es eine Hand voll anderer, die Bücher drucken, die hier früher nie hätten veröffentlicht werden können: Bücher über Armenier zum Beispiel. Bücher auf Armenisch. Die Autoren mit den Leibwächtern haben Tabus gebrochen und dafür Morddrohungen nationalistischer Extremisten erhalten. Sie leben in einer fürchterlichen Situation. Aber: Es ist nicht mehr der allmächtige Staat, der sie verfolgt und bedroht wie noch vor wenigen Jahren.

Alte und neue Kräfte im Clinch

In der Türkei ringen die alten und die neuen Kräfte miteinander. Denkverbote fallen. Die Zivilgesellschaft, die Kunst, sie erobern sich neue Räume. Der militärisch-bürokratische Komplex, der die Türkei so lange im Würgegriff hatte, er verliert an Boden. Aber er ist noch da, noch immer bereit, Schläge zu verteilen. Die Fronten, sie verlaufen in der Türkei - das macht dieses Land so verwirrend – auch zwischen Staatsapparat und Regierung. Und auch innerhalb der Regierung. Wenn Staatspräsident Abdullah Gül im Vorwort des Schweizer Festivalprogramms vom «grossen Reichtum der Vielfalt» seines Landes schwärmt, dann darf man ihm persönlich glauben, dass er das auch so meint: Am Mittwoch erst gab Gül bekannt, dass er den renommierten Kulturpreis des Staatspräsidenten an den Autor Yasar Kemal verleihen werde - einen Sozialisten und Kurden, der in Interviews Staat und Regierung regelmässig beschimpft.

Zum Festival: Die Zensur ist so absurd wie willkürlich. Das verbliebene Programm ist noch immer spannend und kritisch. Da findet sich der Pianist Fazil Say, der dieses Jahr erst seine Regierung schwer angegriffen und damit einen Skandal ausgelöst hat. Und da ist das Stück «Mehmet liebt Baris» über einen schwulen Kurden, der den Wehrdienst verweigert – für türkische Bürokraten alten Zuschnitts sind das gleich drei Tabus in einem Satz. Ich gehöre zu den Zensierten und würde mir dennoch wünschen, dass das Festival stattfindet – ein Blick ins Programm zeigt nämlich, dass eine Absage oder ein Boykott genau jene bestrafen würde, die daran arbeiten, den Zensoren von heute das Grab zu schaufeln.

Also: Hingehen, bitte!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch