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Adriene

«Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer hat eine virtuelle Yoga-Lehrerin und immer wieder Zweifel.

Lena Rittmeyer

Meistens sehe ich sie mehrmals pro Woche. Häufig also. Und nie ist sie schlecht drauf. Sie trägt jedes Mal neue Kleider, und immer sind sie perfekt aufeinander abgestimmt. Die Haare hat sie normalerweise zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden, der fröhlich hin und her wippt. Überhaupt freut sie sich jedes Mal, mich zu sehen, und sagt Dinge wie: «Lerne, deinen Körper zu schätzen.» Oder: «Das Universum ist auf deiner Seite.» Sie hat eine Ausstrahlung, dass ich mir daneben vorkomme wie ein grantiges Waschweib ohne Lebensfreude. Ihr Name ist Adriene und sie ist meine virtuelle Yoga-Lehrerin.

Und die von 2,4 Millionen anderen Menschen auf der Welt. So viele haben Adrienes Youtube-Kanal abonniert. Mit ihnen allen möchte ich jetzt nicht unbedingt in einem Raum sein und den Hund, der nach unten schaut, praktizieren. Aber muss ich ja auch nicht mehr, seit es das Internet gibt. Die Matte daheim ausgerollt, den Laptop aufgeklappt, und schon führt mich der Take-away-Guru Adriene durch meine private Yoga-Stunde.

Wobei, so einfach ist es nicht. Denn Adriene ist nicht nur «Schauspielerin, Yogi, Enthusiastin», wie sie sich selbst beschreibt, sondern auch eine Entrepreneurin. Als solche versucht sie natürlich, alle ihre Abonnenten abzuholen. Von Anfängern bis zu Fanatikern, von Kindern bis zu Alten, von Liebeskranken bis zu Migränepatienten, von Menstruationsgeplagten bis zu Gestressten, von Velofahrern bis zu Schwimmern. Und auch für nahezu jede Lebenssituation existiert ein Video. Ob man sich nun im Flugzeug, im Bett oder einfach in den Ferien befindet, ein paar Extremitäten verrenken lassen sich überall.

Nur: Wie weiss man da noch, was einem gut tut? Soll man nun etwas für den Rumpf tun oder doch lieber die Arme kräftigen? Braucht man eher ein energetisierendes Morgenritual oder ein schweisstreibendes Abend-Workout? Ist es besser, das Yoga-Video anzuklicken, das einem nebenbei auch noch Furchtlosigkeit beibringen will, oder hätte man eher Vergebung nötig? Zehn Minuten oder eher vierzig? Und wie soll man bei so viel Multioption noch entspannt eine Entscheidung treffen?

Zweifel statt Prana-Energie durchströmte meinen Körper. Und so kam es, dass wir uns seit einiger Zeit voneinander entfremdet haben, Adriene und ich. Ihre aufgestellte Art kam mir plötzlich falsch vor, ihre figurbetonte Sportaufmachung gesponsert, ihre lebensbejahenden Parolen wie Kalendersprüche.

Da fiel es mir wie Schweissperlen von den Chakra-Punkten. Adriene ist ein Influencer. Das sind Leute, die im Netz berühmt sind. Ihre Beiträge auf Social Media erzielen so hohe Reichweiten, dass sie für Firmen als potenzielle Werbeträger in Frage kommen. Leute also wie Adriene. Ich wurde misstrauisch. Ihre unerschütterliche Freundlichkeit, das vermeintliche Ergebnis regelmässiger Tiefenentspannung, erinnerte mich zunehmend an eine Verkäuferin im Detailfachgeschäft. Was will sie mir heimlich andrehen? Einen Duftspray für die Matte? Yogitee? Sport-BHs? Gute Laune?

Danke, nein, ich kaufe nichts. Andererseits könnte ich jetzt, nachdem meine negative Lebenseinstellung wieder einmal die Oberhand gewonnen hat, eine kleine Entkrampfung brauchen. Ich wähle das Video «Meditation für inneren Frieden». Hallo Adriene.

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