Zum «rechten 
Menschen» 
gehört Ordnung

Die frühere Erziehungsanstalt Landorf gilt heute als Beispiel 
für die unmenschliche Behandlung von Kindern. 
Der Heimleiter war mein Grossvater. Exkursion in eine Zeit 
des pädagogischen Umbruchs.

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Viele schämten sich, darüber zu reden. Bis sich Simonetta Sommaruga im Namen des Bundesrats für die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen von einst entschuldigte. Robert Blaser ist einer von denen, die seither von ihrer leid­vollen Kindheit erzählen. 1965 wurde er auf Anweisung der Vormundschafts­behörde seiner Mutter, einer geschiedenen Service­angestellten, weggenommen. Ohne Gerichtsurteil, ohne ­psy­chiat­ri­sches Gutachten.

Der Achtjährige kam ins Landorf, in eine «staatliche Erziehungs­anstalt» bei Köniz, wo er bis 1973 «versorgt» blieb, wie es damals hiess. Kollektivstrafen, Kopfnüsse, Ohrfeigen, Arbeit in der Landwirtschaft und ein Heimleiter, der ungehorsame Buben ins Büro kommen liess und ihnen mit dem Lineal auf den Handrücken schlug. Eine «Riesenkatastrophe» sei das Landorf ­gewesen.

Blasers Schilderung der Zustände im Heim (der «Bund» berichtete) hat eine Kontroverse ausgelöst. Kurt Vögeli, früher Lehrer im Landorf und später Schulinspektor, bezeichnete die Vorwürfe als «billig, wenn nicht unverschämt»: Dank Heimen sei vielen Kindern «ein Leben im Elend» erspart geblieben. Das wiederum fand der grüne Grossrat Bruno Vanoni schamlos: Vögelis «Ver­harm­losungs­versuch» ziele darauf ab, das Leid der Heimkinder «ungeschehen zu machen oder zumindest zu minimieren».

Der Hauptmann als Glücksfall

Ich habe schöne Erinnerungen an das Landorf. Der umstrittene Heimleiter war mein Grossvater. Vom Heimpersonal wurden meine Geschwister und ich auf Händen getragen. In der Speisekammer durften wir Süssigkeiten einstecken, im Stall die Ferkel unter der Wärmeglocke streicheln. Die geräumige Wohnung der Gross­eltern im herrschaftlichen Verwaltungsgebäude, der moderne Schwarzweissfernseher, die Landwirtschaft, die zum Heim gehörte, im Sommer der Bade­weiher: Das war für uns das Paradies. Kontakt zu den Heimbuben hatten wir kaum, von ihrem Leben keine Ahnung. Der Grossvater war ein kleiner König. Er fuhr eine amerikanische Limousine, war in Köniz hoch angesehen, sass im Kirchgemeinderat und zuvor im Gemeindeparlament. Ich habe ihn nicht als kalt und autoritär in Erinnerung; der Mann, den ich kannte, war liebenswürdig und eher zurückhaltend. Nach seinem Tod ­kamen in einer Schachtel Notizen für Vorträge und Berichte zum Vorschein, die ihn als Pädagogen und Heimleiter fassbar machen. Darüber zu schreiben, könnte wie der Versuch wirken, sein Handeln zu rechtfertigen. Doch ich will nur zeigen, warum Heime früher so waren, wie das heute nicht mehr möglich wäre.

Damals, 1944, ist mein Grossvater für den Regierungsrat eine gute Wahl auf den Posten des Heimleiters: 36-jähriger Hauptmann mit über 1500 Aktivdienst­tagen, also in der Lage, zu organisieren und für Ordnung zu sorgen. Zudem ­patentierter Primarlehrer, sprich Pädagoge, was keine Selbstverständlichkeit ist – noch gibt es Heime, die von Ingenieur-Agronomen geführt werden. Nur sechs Monate nach Amtsantritt, im April 1945, droht der neue «Herr Verwalter» in einem Bericht an seine Vorgesetzten mit der Kündigung:

«Die vorhandenen Gebäulichkeiten und 
Einrichtungen lassen derart zu wünschen übrig, dass das Dasein der Zöglinge 
nicht ein menschenwürdiges ist. Die Schlafsäle ohne Vorhänge und Bilder sind 
zu ver­gleichen mit den ältesten Kasernen. 
Die Buben haben nicht einmal jeder
seinen eigenen, verschliessbaren Schrank. 
Die Wasserzufuhr ist so prekär, dass 
die Waschlokale und Aborte häufig ohne Wasser sind. Das sind Ver­hältnisse, wie sie einfach nicht geduldet werden dürfen. Meine Frau und ich können es mit bestem Gewissen nicht länger verantworten, auf dieser Basis vorwärts zu schreiten.»

Viererbetten gegen Willen von Baudirektor

Die «möglichst grosszügige Reorganisation der Anstalt», die mein Grossvater fordert, wird in den ersten Nachkriegsjahren an die Hand genommen. Im Zug des Umbaus führt er Wohngruppen und Schlaf­räume mit vier Betten ein – gegen den Willen des sozialdemokratischen Baudirektors Robert Grimm; der einstige Führer des Landesstreiks von 1918 wünscht aus Kostengründen Zimmer mit acht Betten.

In den 1950er-Jahren reisen Fachleute aus dem In- und Ausland nach Köniz. Das Landorf ist zum Vorzeigeheim geworden. Damals gilt mein Grossvater als fortschrittlicher Heimleiter.

«D Mengi macht d Strengi»

Der «Heimvater» und die «Hausmutter», so der Auftrag des Kantons, sollen den Zöglingen Eltern sein. Eltern von 64 Kindern? An seiner Seite hat das Vorsteherpaar: vier Bauern mit Knechten, dazu einen Gärtner, einen Schreiner, einen Schuhmacher, einen Schneider, Hausdienstpersonal (die «Fräuleins») und – als einzige Pädagogen – vier Lehrer.

Dass gleich viele Bauern wie Lehrer angestellt sind, ist entlarvend: Die Einnahmen aus der Landwirtschaft sind fürs Heim überlebenswichtig; die Summe der vom Kanton beigesteuerten Kostgelder ist nicht einmal halb so gross. Als billige Arbeitskräfte im Stall und auf dem Acker müssen die Buben ihren Heimaufenthalt mitfinanzieren.

Ein Bub träumt von Winterferien

«D Mengi macht d Strengi», so hat es der Vorsteher eines anderen bernischen Heims formuliert. Für das Landorf, mit seinen 64 Kindern die grösste staatliche Erziehungsanstalt im Kanton, gilt das besonders: Der Mangel an Geld und Personal begünstigt autoritäre Methoden und militärische Formen. Ein personalsparendes Disziplinierungsmittel ist die Kollektivstrafe: Dadurch werden die Buben zu ihren eigenen Aufsehern gemacht, sie ­setzen die Regeln dann auf ihre eigene, manchmal grausame Weise durch. In der Massenerziehung verschwindet der Einzelne aus dem Blick des Personals, unter den Kindern entsteht eine unkontrollierbare Hackordnung. Der mildeste Ausdruck davon: Am Sonntag essen die Grösseren auch das Dessert der Kleineren.

«Schwierige Kinder», so schreibt mein Grossvater 1959 in den Notizen für einen Vortrag, seien häufig «durch den schlechten Einfluss der Umgebung, des Milieus, abwegig geworden», also vom «guten» Weg abgekommen. Formell nimmt nicht der Heimleiter den Eltern die Kinder weg, sondern die Vormundschaftsbehörde. Aber pädagogisch findet mein Grossvater das richtig: Man muss diese Kinder vor ­ihren Eltern schützen.

Zum unehelichen Kurt, 11-jährig, hält er knapp fest: «Darf niemals den Pfleg­eltern zurückgegeben werden.» Diese seien «weich, unwissend und inkonsequent». Schon nur wegen der «Abstammung» erstaunt ihn Kurts «Ver­wahr­losung» nicht. Die Mutter sei eine «welsche ‹Dame›», die sich «in einer Arbeitsanstalt einmal an zusammengeknüpften Leintuchstreifen aus dem Fenster gelassen» habe. Da genügt ein relativ harm­loser Vorfall, damit ein solches Kind in ein Heim eingewiesen wird: Kurt hat Geld gestohlen und in einem Sportgeschäft eine Skiausrüstung gekauft. Er träumt von Winterferien in Arosa.

«Der Vater ist etwas dumm»

Vor allem Kinder aus Unterschichtsfamilien werden als «verwahrlost» wahrgenommen. Sie passen nicht ins bürgerliche Bild der Idealfamilie, in der die Mutter die gute Hausfrau und der Vater der Alleinernährer ist. Zu den Ursachen der «Verwahrlosung» zählt mein Grossvater ausdrücklich die Konstellation, «wo der arbeitslose Vater die arbeitende Mutter im Haushalt ersetzt».

Franz hat keinen Vater mehr, der ist bei einem «Pintenschwinget im Emmenthal» umgekommen. «Die Mutter arbeitet in der Fabrik. Führte miserablen Haushalt. Hatte vom Samstag auf den Sonntag oft mehrere Liebhaber bei sich. Der Bub konnte in ­einer Nacht bis 3 Geschlechtsakten bei­wohnen.» Für die Brüder Willy und Hermann, 8 und 11 Jahre, stellt der Heimleiter eine «günstige Prognose» – weil sie «früh von den Eltern weggekommen» seien. «Der Vater ist etwas dumm, ein fleissiger Arbeiter (Automechaniker), die Mutter eine Dirne, die noch recht gut aussieht.» Nach der Scheidung seien die Kinder merkwürdigerweise der Mutter zugesprochen und einige Zeit bei ihr belassen worden. «Stets viele Liebhaber empfangen. Achtung vor Mutter verloren.»

«Schweinereien auf dem Pissoir»

Was die Gesellschaft als akzeptables Verhalten empfindet, ist streng normiert. Besonders die Sexualität wird als Bedrohung wahrgenommen. In «sexueller Zucht­losigkeit» sieht mein Grossvater eine Form der «Verwahrlosung», wobei für ihn schon das jugendliche Spiel mit den eigenen Geschlechtsteilen zuchtlos ist. «Schweinereien auf dem Pissoir» nennt er das. Der 15-jährige Richard landet faktisch wegen seiner körperlichen Frühreife im Heim. «Beischlaf mit 45-jähriger Frau Nacht für Nacht. Ging mit Sohn der Frau zur Schule. Diebstahl und Flucht.»

Ob «sexuell verdorben», «schwer­erziehbar» oder «psychopathisch»: Durch eine «normale geeignete Erziehung» will mein Grossvater aus den Buben «rechte Menschen» machen. Er vertraut dabei auf Zucht und Disziplin, notfalls muss mit körper­licher Gewalt nachgeholfen werden. Die pädagogische Mehrheitsmeinung geht damals davon aus, dass man Kindern Gehorsam, Ordnungssinn und Sittlichkeit aufzwingen kann, dass sich widerspens­tigen Wesen eine einwandfreie Lebens­führung gleichsam überstülpen lässt.

Der 14-jährige Max muss von seinem Freiheitsdrang «entwöhnt» werden. «In der Schule vom Basler Rheinhafen und seiner Bedeutung gehört; Entschluss gefasst, dorthin zu gehen, um dann eine Reise nach Amerika anzutreten; wollte dort Cowboy werden. Mit anderem Verdingbub weggeschlichen, beim Nachbar 50 Franken und ein Velo gestohlen.» Ein anderes Heimkind wird es dem Heimleiter zufolge «schwer haben im Leben», weil es schon früh «durch einen harten Kopf und eigenen Willen» aufgefallen sei. «Die ersten Arbeiten, zu denen er angehalten wurde, machte er einfach nicht (Schuheputzen, Holztragen, Abtrocknen usw.).»

Die alte Welt erodiert

Zum «rechten Menschen» gehört die Ordnung – und die hat sich in allen Dingen 
zu zeigen: Schmutzige und zerrissene Kleider, das sind für meinen Grossvater keine Äusserlichkeiten, sondern «seelische Anzeichen von Verwahrlosung». Dass jemand Papierfetzen auf den Boden wirft oder an ihnen vorbeigeht, «ohne Störung zu empfinden», findet er alarmierend. Beim Mittagessen lässt er die Buben aufstehen und kontrolliert, ob sie ein ­Taschentuch dabei haben. In der Nachkriegszeit boomt die Wirtschaft, die technischen und materiellen Möglichkeiten werden vielfältiger. Mein Grossvater reagiert skeptisch. Der «kulturelle und soziale Rahmen» sei nicht mehr so klar wie früher, das erschwere die Arbeit des Erziehers.

«Technik fördert die Verwahrlosung (Autorennen, Fussball, bei letzterem grobe Sprache). Telefon und Radio ersetzen die Unterhaltung zwischen Kindern und Eltern. Die gute Konjunktur ist eine grosse Gefahr. Zu viel Geld ist herum. Die Mütter übertreffen einander in der Garderobe ihrer Töchter. Schauen wir heute Mädchen vom 7.–9. Schuljahr! Lauschen wir ihren Gesprächen, wenn sie nach der Schule durch die Lauben spazieren, wie sie von den Männern reden und schwärmen.»

Die Welt ist in den Augen vieler Pädagogen aus den Fugen geraten. Im Buch «Heimkinder» beschreibt der Historiker Urs Hafner die Logik der verunsicherten und besorgten Erzieher: «Die Modernität, die Massengesellschaft und die Kultur­industrie stellen für die Menschen eine Bedrohung dar. Wenn die sozialen Hie­rar­chien durcheinandergeraten, wenn die Gesetze der Religion und Sittlichkeit nicht mehr gelten, dann drohen die Menschen von ihren Trieben übermannt und der Verwahrlosung ausgeliefert zu werden.»

Es herrscht Lehrermangel. Rudolf Poncet ist 19-jährig, als er 1966 ins Landorf kommt. Der Seminarist unterrichtet hier im obligatorischen halbjährigen «Landeinsatz», er hat antiautoritäre Ideen im Kopf, liest «Summerhill – das revo­lu­tio­näre Beispiel einer freien Schule» von A. S. Neill, der Ikone der pädagogischen Reformbewegung. Ende Jahr an der Weihnachtsfeier wird Poncet vom Präsidenten der Aufsichtskommission ­gefragt, ob er im Frühling eine Stelle als Oberstufenlehrer antreten wolle.

Lineal gegen Ungehorsamkeit

Poncet und andere junge Lehrer beziehen wie damals üblich die Aufsichtszimmer der Wohngruppen, wecken jeden Morgen die Kinder, haben zweimal pro Woche Abend- und regelmässig Wochenenddienst. «So konnten wir eine Beziehung zu den Buben aufbauen.» Poncet, heute 67-jährig, gibt gerne Auskunft, wie es früher im Landorf war. Die neuen Pä­da­go­gen erzählen den Buben Geschichten, führen das Theaterspiel ein, organisieren Konzertbesuche und Zeltlager. Was damals pädagogisch heran­zureifen beginnt, beschreibt die heutige Erzie­hungs­wis­sen­schaft so: Aufbau eines pädagogischen Verhältnisses, erlebnis­orientiertes Fördern von Fähigkeiten, ­Respekt vor der Individualität, Schulung des Sozialver­haltens und der Selbstverantwortung. Mein Grossvater sagt nichts, als sich die Junglehrer auch noch Bärte wachsen lassen. Stattdessen staunt er, was alles möglich ist, seit die Lehrer mit neuen Methoden arbeiten. «Er liess uns junge ­Typen gewähren, das schätzten wir sehr», so Poncet. «Sogar im Jahresbericht liess er uns zu Wort kommen.» Auch nach aussen will mein Grossvater zeigen, dass sein Heim nicht stehen bleibt. So heisst es in seinen Notizen für eine Rede in den ­späten 1960er-Jahren:

«Die Zahl der Kinder von 64 auf 48 gesenkt, aufgeteilt in vier Wohngruppen. Nebst Unterricht wird gebastelt, gemalt, modelliert, musiziert. Theaterspiel. Aufführung mit Gästen aus Dorf und Stadt stärkt Selbstbewusstsein. Freizeit muss nicht immer organisiert werden. Zeit für sich. Gute Jugendbücher, Zeitschriften und Zeitungen, auch der ‹Sport›. Matchbesuch auf dem Wankdorf. Das Heimkind darf auf keine Art und Weise gekenn­zeichnet sein. Individueller Haarschnitt. Der Anschluss an die Aussenwelt muss dauernd gesucht werden. Die Kinder besorgen ihre Kommissionen neu in den Dorfläden. Grössere Knaben haben am Sonntag Ausgang mit Taschengeld. Der Kontakt mit dem Elternhaus darf nicht abbrechen. Das Kind sehnt sich nach seinen leiblichen Eltern und umgekehrt die Eltern nach dem Kinde.»

Solche Worte sind damals fast visionär. Das meiste davon wird aber erst in den 1970er-Jahren verwirklicht. Im Heimalltag ist an dieser Bruchstelle der pädagogischen Entwicklung noch viel vom Alten da. Ausreissern rasiert mein Grossvater nach wie vor den Schädel kahl. Kinder, die nicht gehorchen, traktiert er mit dem Lineal. «Aber das kam selten vor», sagt Poncet. Vor allem die «Angestellten», wie die Mitarbeiter heissen, verpassen weiterhin Körperstrafen, wie das in den späten 1960er-Jahren viele Eltern und Lehrer ebenfalls noch tun.

Eine Kampagne rollt an

Bettnässer werden im Landorf nach wie vor blossgestellt: Am Morgen müssen sie das Leintuch selber waschen und sich danach im Speisesaal auf eine Linie stellen. Wie früher öffnet der Grossvater die Post der Buben. Und um 16 Uhr heisst es ­immer noch: «Antreten zur Arbeit.» Die Heime haben zwar mehr Geld, seit die Invalidenversicherung Subventionen zahlt. Aber immer noch zu wenig, um genug Personal einzustellen. Poncet: «Die Buben mussten beschäftigt sein, entweder in der Schule oder der Landwirtschaft.» Verschiedene Presseartikel, zuerst im «Beobachter», dann in weiteren Zeitschriften, erschüttern 1970 das Heim­wesen. Sie prangern die Lebensbedingungen in mehreren Erziehungsanstalten in der Schweiz an. Mein Grossvater hat Angst. «Ihm graute davor, dass sein Lebenswerk öffentlich durch den Schmutz gezogen werden könnte», sagt Poncet.

Die sogenannte Heimkampagne kommt ins Rollen. Ihre Protagonisten fordern Reformen, vereinzelt sogar die Abschaffung der Erziehungsanstalten. Mein Grossvater merkt, dass die neue Zeit 
und das Landorf, wie er es gestaltet hat, nicht mehr zusammenpassen. Doch es schmerzt ihn zu hören, dass alles, was er während fast dreissig Jahren als Heimleiter getan hat, schlecht gewesen sein soll. Am Kirchensonntag 1971 hält er in der Kirche eine Rede, in der er vordergründig über die «herausfordernde Jugend» und den «fast unüberbrückbaren Graben zwischen den Generationen» spricht. Allerdings können seine Worte auch als Reaktion auf die Heimkampagne gelesen werden: «Wir Älteren haben sicher manches falsch gemacht. Aber bei der rasenden Entwicklung kamen wir einfach nicht immer mit.» Geprägt von der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit der Zwischenkriegszeit, sei man lange damit zufrieden gewesen, die «notwendigsten materiellen Bedürfnisse zu decken». Inzwischen habe es die Jugend besser. «Wir bieten ihr viel und mit einem gewissen Recht hoffen wir auf Dankbarkeit. Doch die Jungen sind nicht besonders dankbar. Wir müssen viel dulden, ertragen und gutheissen lernen.»

«Erschütternde Szenen»

Am Ende seiner Karriere stellt mein Grossvater zwei Erzieherinnen ein, die in Bern die erstmals angebotene Ausbildung abgeschlossen haben; später wird daraus der Beruf der Sozialpädagogen. Andere Heimleiter zögern noch, professionelle Betreuungskräfte einzustellen. Und 1972 empfiehlt mein Grossvater den jungen Poncet als seinen Nachfolger. Ausgerechnet Poncet, der so anders ist als er und eine Freundin hat, die Wollpullover und bodenlange Röcke trägt.

Poncet blättert in einem Album mit ­Fotos, die er als junger Lehrer im Landorf geknipst hat. Auf der ersten Seite ist nur ein Bild eingeklebt, darauf lachen meine Grosseltern. «Es ist eine Tragik», sagt Poncet. «Wie andere Heimleiterpaare haben sie sich voll engagiert. Den schnellen Wandel konnten sie aber nicht mehr mitvollziehen.» Am Schluss seien sie «enttäuscht, vielleicht sogar verbittert» gewesen, jedenfalls «ohne Glanz» abgetreten. Poncet will meine Gross­eltern entlasten. Nicht ihret­wegen hätten viele Heimkinder gelitten, sondern weil die Behörden die Familien auseinanderrissen. «Die Buben fühlten sich einsam und hatten Heimweh.»

Er macht eine Pause. Das seien «erschütternde Szenen» gewesen. Eine sieht er noch vor sich: Eltern, aus dem Baselbiet angereist, essen mit ihrem Kind im Schuhraum Kuchen; alle drei weinen, schon bald müssen sie sich wieder verabschieden. Zweimal pro Jahr dürfen Eltern für vier Stunden ihr Kind besuchen. An der Weihnachts- und der Schulabschlussfeier sind sie nicht dabei. «Auch für Mütter und Väter, die Fehler gemacht haben und im Leben schlecht zurechtkommen, ist das schrecklich.»

Geschenke zu Weihnachten

«Die beginnenden 1970er-Jahre bilden für die Fremdplatzierung und die Heim­erziehung in der Schweiz eine Zäsur», schreibt der Historiker Hafner. Er sieht hier den Übergang von der «Phase der in vielem noch klassischen, durch das 19. Jahrhundert geprägten Heimerziehung in die Phase der modernen, vielfältigen Landschaft stationärer Versorgung zu ­Beginn des 21. Jahrhunderts». Ob eine Fremdplatzierung richtig ist, wird heute professionell abgeklärt. Heime arbeiten eng mit den Eltern zusammen, die sie genauso unterstützen wollen wie die Kinder. Dank mehr Personal ist die Betreuung inten­siver als früher, dank mehr Geld sind die Gruppen und Heime kleiner. Und der Erziehungsstil hat sich radikal geändert.

Auch das Landorf entwickelt und verändert sich in den 1970er- und 1980er-Jahren. Heute ist auch die Heilpädagogik ­jener Jahre wieder veraltet. Als mein Grossvater 1972 seinem Nachfolger Poncet in altväterischer Manier die Schlüssel übergab, sagte er: «Das Heim ist ein dauerndes Provisorium.»

Zweimal vor Weihnachten besuchte ein Ehemaliger, der Arzt geworden war, meinen pensionierten Grossvater. Das freute ihn sichtlich. Sicher auch deshalb, weil er genau wusste, dass viele Kinder in seinem Heim gelitten hatten. (Der Bund)

Erstellt: 20.12.2014, 15:08 Uhr

Wiedergutmachung

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