Wie Zombies

Die Shoppingmall gilt als fester Bestandteil Amerikas – und der Popkultur. Die Frage ist, wie lange noch?

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Theoretisch könnte man in der Mall of America leben: Es gibt ein Hotel, einen Food-Court, ein Fitnessstudio, einen Rummelplatz mit Achterbahn. Ein Aquarium mit Haifischen, eine Kapelle zum Heiraten – und natürlich über 520 Läden.

Als die Mall of America 1992 eröffnet wurde, war sie das grösste Einkaufszentrum der USA. Heute noch gilt sie als die besucherstärkste Mall der USA; über 40 Millionen Menschen strömen jedes Jahr nach Bloomington, Minnesota, und vergnügen sich in der 300'000-Quadratmeter-Konsumwelt.

Anfang Woche drohten nun Mitglieder der islamistischen Al-Shabaab-Miliz mit Anschlägen auf westliche Einkaufszentren, unter anderem auf die Mall of America. Die Drohung sass: Die Shoppingmall ist ein fester Teil der US-amerikanischen Kultur.

Modernes Utopia

Dabei stammte die Idee für eine gedeckte Einkaufswelt von einem Wiener. Der Architekt Victor Gruen konzipierte in den 1950ern die erste zweistöckige und klimatisierte Mall. Getrieben wurde Gruen aber nicht etwa von einer Begeisterung für Massenkonsum, sondern von seinem sozialen Gedankengut. Seine Malls waren als modernes Utopia gedacht. Sie sollten in den Zentren von Ortschaften entstehen; sollten mit Läden, Cafés, Büros, Arztpraxen und Wohnungen ausgestattet sein. Moderne, multifunktionale Marktplätze, wo sich die Menschen der Gemeinde trafen – wie einst auf den zentralen Plätzen der alten europäischen Städte.

Als Gruens Southdale-Mall 1956 in Edina, Minnesota, eröffnet wurde, bildete ein lichtdurchfluteter Platz das Zentrum; mit Bäumen, Springbrunnen und Fischteich. Die Presse war begeistert: So sah der künftige Mittelpunkt des amerikanischen Lebens aus. Die Shoppingmall entwickelte sich danach nicht ganz so, wie sich dies Victor Gruen vorgestellt hatte. Anstatt in den Ortskernen, wurden die gedeckten Einkaufszentren ab 1956 zu Hunderten in den Vororten sämtlicher amerikanischer Städte gebaut. Investoren hatten sie als Geldmaschinen für sich entdeckt: Man baut ein riesiges Einkaufszentrum auf billigem Land in den Suburbs und profitiert dann von Steuererleichterungen für Neufirmen.

Spielplatz für Teenager

Und doch wurde ein Teil von Gruens Vision Wirklichkeit. Mit den Boom-Jahren entwickelten sich die Malls tatsächlich zu gesellschaftlichen Mittelpunkten. Amerikas Mittelklasse hatte Geld, ein Auto und ein Häuschen in einer Suburb. An Samstagen fuhr man nun mit der Familie in die nächste Mall, flanierte, traf Bekannte, kaufte ein. In den 70ern und 80ern wurden die Einkaufszentren zu Spielplätzen für Generationen von Teenagern. Aus dieser Zeit stammt wohl auch der Begriff «Mallrat». Dieser wird für lungernde Teenager verwendet, die gerne auch mal den Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums provozieren.

Die Bedeutung, welche die Mall in der amerikanischen Gesellschaft erreicht hatte, zeigte sich nun auch in der Popkultur. Fotografen wie Michael Galinsky und Stephen DiRado dokumentierten die Mall-Kultur ausführlich. Spielehersteller Milton Bradley brachte das Brettspiel «Mall Madness» für Teenager heraus.

Vor allem aber hatten Filmemacher Freude an den Einkaufszentren. In «Dawn of the Dead» lässt Regisseur George Romero 1978 die Überlebenden einer Zombie-Apokalypse in einer Shoppingmall gegen die Untoten kämpfen. Der Film wird deshalb auch gerne als Konsumkritik gelesen. Filme wie «Weird Science» von 1985 und «Clueless» oder «Mallrats» von 1995 hingegen widmen sich der Bedeutung der Mall in der Jugendkultur. Das Einkaufszentrum wird hier zur Bühne, auf der sich die Dramen der Adoleszenz abspielen: Gehöre ich dazu? Wie habe ich Erfolg beim anderen Geschlecht?

Das Verschwinden der Mall

Wie vieles aus der amerikanischen Kultur verbreitete sich auch die Shoppingmall über die Welt. Die grössten Einkaufszentren entstehen heute in Asien oder im Nahen Osten. In den USA selber hat die Mall in den vergangenen Jahren stetig an Bedeutung verloren. 2007 war das erste Jahr seit den 1950ern, in dem in den ganzen Vereinigten Staaten kein einziges neues Shoppingcenter gebaut wurde.

Seither haben die Wirtschaftskrise und der wachsende Onlinehandel den einstigen Zentren amerikanischer Mittelklassekultur zugesetzt. Alleine zwischen 2007 und 2009 schlossen 400 der 2000 grössten US-Malls. Ökonomen gehen davon aus, dass in den kommenden zwei Dekaden gut die Hälfte der Einkaufszentren verschwinden wird. Viele der bestehenden Malls sind quasi lebende Tote, Zombies.

Die Autorin und Journalistin Joan Didion bezeichnete die Malls treffenderweise denn auch als «Pyramiden der Boom-Jahre». Dazu passt ein Trend, der sich in den USA seit einiger Zeit ausbreitet: Amateur-Fotografen lichten verlassene Malls ab, die noch nicht abgerissen wurden. Konsum-Archäologie, gewissermassen. Da, wo sich einst Teenager an freien Nachmittagen trafen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2015, 10:55 Uhr

Mall-Szene aus «Weird Science»

Die Mall in «Dawn of the Dead»

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