Whatsapp-Gruppen

«Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer kennt auch Ihre Whatsapp-Gruppen.

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Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Jetzt haben also auch die Politiker Whatsapp entdeckt. Bei Sitzungen brauchen viele die Anwendung, um mit ihren Parteigenossen in Echtzeit Strategien zu entwickeln, hiess es vor einiger Zeit in den Medien. Sollen sie halt. Gut für sie. Man kanns ihnen nicht verübeln. Wer allerdings mit dem Internet aufgewachsen ist, weiss: Sinn und Zweck von Whatsapp ist nicht die Praktikabilität, nicht die Frage, inwiefern die Applikation den Alltag erleichtern kann. Sondern die kollektive Zerstreuung. Das virtuelle Geplänkel.

Stichwort Gruppenbildung. Man kann sich so einen Whatsapp-Chat vorstellen wie ein Zimmer, das nur ausgewählte Mitglieder betreten dürfen. Je nach «boundary marker» halt, wie der Soziologe sagen würde, sind das ganz verschiedene Personen. Und dann unterhält man sich eben. Aber auch Schweigen ist okay. Im Grunde gibt es vier Typen von Whatsapp-Gruppen:

Die Familienzusammenkunft. Dieser Chat existiert auf jedem Handy eines Twenty- oder Thirtysomethings. Meistens umfasst er die Mitglieder der Kernfamilie, bei einzelnen Bekannten ist die gesamte Verwandtschaft vertreten. Die Gruppe dient zwei Dingen: dem Mitteilen mehr oder minder brisanter News (Schwangerschaften, aussergewöhnliche Anschaffungen, Prüfungserfolge etc.) sowie dem Einberufen von Versammlungen. Ältere Mitglieder verstehen Kurznachrichten meistens als digitale Versionen von Postkarten und beenden ihre Zeilen mit «viele liebe Grüsse» oder «ich sag dann mal tschüss». Spasslevel: stabil, vor allem, wenn sich bei den Eltern die Autokorrektur einschaltet.

Die organisierte Gemeinschaft. Nun gut, diese Gruppe hat ausnahmsweise doch einen praktischen Aspekt: Sie dient der Organisation. Zum Beispiel von Übungsräumen, Wohngemeinschaften, antifaschistischen Abendspaziergängen bis hin zu Überraschungspartys. Entsprechend knapp fallen die einzelnen Beiträge aus. «Okay, wenn ich mal den Hauswart frage wegen der kaputten Briefkastentür?» «Okay.» Spasslevel: natürlich ungenügend, weshalb viele Chat-Teilnehmer ihre Beiträge mit Emojis aufwerten.

Die Einwegunterhaltung. Hier kennt jedes Mitglied eigentlich nur den Administrator, das heisst jene Person, die die Gruppe gegründet hat. Die wollte im Prinzip nur eine Mitteilung verbreiten, war aber zu faul, den Computer zu starten und eine E-Mail zu schreiben. Also hat sie einen Chat erstellt, alle ihre Handy-Kontakte hinzugefügt und lässt jetzt zum Beispiel verlauten: «Hallo Leute, wäre mega cool, wenn ihr für mich und meine Band abstimmen könntet, vielleicht spielen wir dann schon bald auf der Waldbühne!» Was folgt, ist digitale Aufbruchstimmung: Ein Teilnehmer nach dem anderen verlässt die Gruppe. Wie würde das im realen Leben aussehen? Stumm aus dem Zimmer schleichen? Spasslevel: von kurzer Dauer.

Die anonymen Freunde. Auch hier kennt nur jene Person, die die Gemeinschaft einberufen hat, alle ihre Mitglieder. Allerdings flüchtet hier niemand, denn das moralische Pflichtgefühl gegenüber dem Gründer ist zu stark. Zusammengefunden hat man offenbar aus Motiven des sozialen Austauschs, aber so genau weiss das keiner mehr. Und so schreibt dann von Zeit zu Zeit ein Gruppenmitglied: «Hallo, kommt jemand heute Abend Bier trinken?» Weil sich aber niemand wirklich kennt, bleibt die Frage unbeantwortet im Chatfenster stehen. Spasslevel: von schlechtem Gewissen gedämpft.

Der Bund

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