«Vieles habe ich im Kopf, momou»

Sein Reich liegt im Keller eines Langnauer Schulhauses: Seit 17 Jahren ist der Briefträger Albrecht Siegenthaler Archivar des Eidgenössischen Schwingerverbands.

Das schwarze Notizbuch auf dem Tisch ist das älteste Dokument: Albrecht Siegenthaler im Archiv.

Das schwarze Notizbuch auf dem Tisch ist das älteste Dokument: Albrecht Siegenthaler im Archiv. Bild: Manu Friederich

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In Estavayer am Eidgenössischen wird ein Sägemehlring einen stolzen Durchmesser von 14 Metern aufweisen. Der schmucklose Kellerraum mit dem leuchtend grünen Linoleumboden hat hingegen eine Fläche von lediglich fünf mal vier Meter. Der Kontrast zum «Hoger» könnte grösser kaum sein. Neben der Tür steht auf einem Schild: «Telefonzentrale». Eine listige Schwinger-Finte?

Ja, das habe schon seine Richtigkeit, sagt Albrecht Siegenthaler. Der 59-jährige Briefträger aus Schangnau sitzt an einem schlichten Tisch, umgeben von Regalen und Schränken voller Ordner und Kartonschachteln. Einige Gestelle hat er selber montiert. «Als ich übernahm, musste ich ‹verruckt› viel aufräumen, teils hatte es riesige Stapel, ein ziemliches Durcheinander.» Jetzt sei es «gewiss nicht schlecht geordnet», sagt Siegenthaler. Vom Zentralvorstand des Eidgenössischen Schwingerverbands wurde er 1999 als Archivar in dieses Amt gewählt. Es sei ein wenig wie beim Papst, meint Siegenthaler verschmitzt: «Ich mache es so lange, wie ich will.»

Wer im Archiv ein folkloristisches Ambiente erwartet, wird allerdings enttäuscht: Weder Treicheln noch Fahnen oder gar Zwilchhosen sind hier auszumachen. Der Eidgenössische Schwingerverband habe das bewusst so gewollt, erklärt Siegenthaler, «niemand muss wissen, dass hier das Schwinger-Archiv ist».

Die meisten Schüler im Haus hätten wohl gar keine Ahnung, meint Siegenthaler, was hier in diesem kleinen Kellerraum aufbewahrt werde. Als da wären: Broschüren, Plakate, Festführer, Protokolle, Fotos und sämtliche Ausgaben der Schwingerzeitung seit 1907. Der Archivar findet alles, auch dank eines von ihm angelegten Verzeichnisses. «Einiges habe ich schon auch im Kopf, momou», meint der Mann, der als wandelndes Lexikon der Schwingergeschichte gilt. Die Digitalisierung sei noch kein grosses Thema, sagt Siegenthaler. Er könne sich aber vorstellen, dass dies bald einmal diskutiert werde: «Gegangen ist aber noch nichts».

Tödlicher Unfall 1911: Die Vitrine erinnert an den Sennenschwinger Christian Reber. (Bild: Manu Friederich)

Dokumentiert werden im Archiv seit dem ersten Eidgenössischen 1895 in Biel alle Schwingfeste mit eidgenössischem Charakter, unter anderem die beiden alle sechs Jahre stattfindenden Kilchberger- und Unspunnenschwinget. Siegenthaler legt ein kleines Notizbuch aus Leder auf den Tisch. Es ist das älteste Dokument im Archiv, darin enthalten sind in akkurater Kurrentschrift die Originalprotokolle des Schwingerverbands aus der Gründungszeit. Am 11. März 1895 wurde im Café Born in Bern der Eidgenössische Schwingerverband gegründet, zum ersten Obmann wurde ein Turnlehrer namens Franz Flück aus Burgdorf gewählt.

Tödlicher Unfall im Sägemehlring

Erst 1952 legte der Schwingerverband ein eigenes Archiv an: Zuerst im Restaurant Stärnebärg in Bern, ab 1968 in Langnau. Auch dort diente der Estrich eines Restaurants zuerst als Lagerort. «Aber in dieser Zeit konnte man nicht von einem Archiv sprechen», erzählt Siegenthaler, «nichts war erschlossen, und denken sie nur an die Feuergefahr». Bevor das Archiv schliesslich 1993 im Untergeschoss der Berufsschule Langnau untergebracht wurde, waren die Dokumente eine Zeit lang noch in der lokalen Ersparniskasse deponiert.

Zwei Gegenstände fallen auf im papierenen Reich von Albrecht Siegenthaler. Da steht zum einen eine kleine, verglaste Holzvitrine auf einem Regalbrett; eingerahmt von Kränzen mit Schleifen ist auf einer Schwarzweissfotografie ein junger Mann in Berner Tracht zu sehen. «Das ist der Schangnauer Christian Reber, es ist eine traurige Geschichte», sagt Siegenthaler. Am Eidgenössischen in Zürich 1911 hatte der Emmentaler Sennenschwinger vor dem letzten Gang den begehrten Kranz bereits auf sicher.

Im achten und letzten Gang kämpfte er um einen Spitzenrang, brach sich aber das Genick und erlag später im Spital seinen Verletzungen. Nachkommen von Christian Reber haben die Vitrine dem Archivar zusammen mit einer Holzkiste übergeben. Siegenthaler zeigt auf ein harassenförmiges Objekt auf einem der Schränke: «Diese Kiste hat der Reber Christian manchmal zum Krafttraining benutzt und jeweils mit Steinen gefüllt.» Hundert Jahre nach Rebers Tod wurde auf dem Friedhof Schangnau auf Initiative des Schwingerverbands eine Gedenktafel enthüllt.

Eher selten komme es vor, dass Schwingerfamilien Gegenstände und Objekte abgeben wollten, sagt Siegenthaler. Einiges gehe sicher auch ins Basler Sportmuseum, vermutet er. «Ich habe aber das Gefühl, das vieles leider im Container landet.» Gerade vor einigen Wochen habe ein Schwingerkamerad ein eingerahmtes Bild eines Emmentaler Schwingfests aus einer Schuttmulde «gerettet».

Zu Siegenthalers «Kunden» gehören vor allem Verbands- und Vorstandsmitglieder, die für anstehende Jubiläen ihrer Kantonal- oder Gauverbände eine Chronik verfassen wollen. Im Vorfeld von Estavayer bekam er auch Besuch von Mitgliedern des Organisationskomitees; auf dem Festgelände wird in einem Raum die Geschichte des Schwingsports und des Verbands dokumentiert. «Ab und zu kommen auch junge Leute», erzählt Siegenthaler, «die für eine Abschlussarbeit über das Schwingen hier Recherchen ­betreiben.»

Hin und wieder finden auch Leute den Weg nach Langnau ins Archiv, um Ahnenforschung zu betreiben. Siegentahler erinnert sich an Nachkommen der berühmten, in den 1920er-Jahren die Schwingplätze dominierenden Gebrüder Hans, Robert und Niklaus Roth. Eine Enkelin reiste extra aus Deutschland an, um mehr über ihre «bösen» Vorfahren zu erfahren. «Hans und Robert sind bis heute die einzigen Brüder, die beide Schwingerkönige wurden», sagt Siegenthaler. Niklaus hingegen hält einen Rekord besonderer Art, ist er doch bis heute der schwerste aktenkundige Schwinger: «Er brachte 175 Kilogramm auf die Waage, dagegen ist der Stucki Christian geradezu ein ‹Mägerlig›.»

Selber war er ein Fliegengewicht

Der Archivar der «Bösen» hat selber als Mitglied des Schwingclubs Siehen geschwungen, «zwischen meinem 16. und 33. Lebensjahr». Mit einer Körpergrösse von 168 Zentimetern und einem Gewicht von knapp 70 Kilogramm hatte das Fliegengewicht aber massive körperliche Nachteile. Zu einem eidgenössischen Kranz hat es nie gereicht. Hadern ist aber nicht seine Sache: «Das Schöne am Schwingen ist auch, dass Kleinere mit guter Technik einen grossen ‹Mocken› ­bodigen können.»

In diesem Jahr hat man Siegenthaler bereits an etwa 25 Festen gesehen, er war unter anderem auf dem Brünig, im Schwarzsee und beim Berner Kantonalen in Meiringen dabei. Die meisten Feste jedoch hat er als Betreuer seines 13-jährigen Sohns besucht. «Er hat dieses Jahr schon 15 Anlässe gemacht und jedes Mal gut abgeschnitten», sagt der Vater stolz. Sein Sohn ist bereits zehn Zentimeter grösser als der Vater. «Das kommt von der Seite der Mutter», sagt Siegenthaler. In der Familie seiner Frau habe das Schwingen auch Tradition, sie sei eine Bärtschi aus Lützelflüh, «schon ihr Vater war ein ‹Böser›».

In Estavayer am Eidgenössischen wird auch die älteste Tochter zu einem Auftritt kommen. «Sie war in Burgdorf vor drei Jahren eine Ehrendame und gehört zur Delegation, die in Estavayer die Fahne übergeben wird.» Der Archivar selber war am letzten Eidgenössischen in Burgdorf auch im Einsatz, er half beim Gabentempel und bei der Eingangskontrolle. Siegenthaler ist in Estavayer Ehrengast des Schwingerverbands – «mit gratis Essen und Übernachtung». Für seine ehrenamtliche Tätigkeit erhält er sonst keinen Lohn: «Eine Entschädigung will ich nicht. Ich bin so angefressen, dass ich das gerne mache.»

Hunsperger oder Meli?

Die Vorfreude auf den Saisonhöhepunkt ist gross. Das ständig wachsende Interesse an diesem nationalen Spitzenevent in Estavayer, auf dessen Festgelände sich am letzten August-Wochenende bis zu einer Viertelmillion Menschen aufhalten werden, bringt auch den Archivar ins Sinnieren. Viele kämen halt mittlerweile, um das ganze «Drumherum» zu geniessen. «Wen will man denn nach Hause schicken?», fragt er rhetorisch.

Er hoffe einfach, «dass nicht mal ein Blödsinn passiert und einer spinnt», wie es halt leider heutzutage in der Welt häufig der Fall sei. Viel lieber spricht er aber über die sportlichen Perspektiven. Siegenthaler ist zuversichtlich, dass die Berner wieder eine Hauptrolle spielen werden: «Also, es muss fast über unseren Teilverband laufen.» Wenn alles seinen normalen Gang nehme, «wird der Sieger Matthias Sempach, Christian Stucki oder Kilian Wenger heissen». Allerdings könnten sicher zehn Schwinger König werden in Estavayer, «und Junge wie Orlik Armon, Giger Samuel oder Käser Remo machen Druck».

Sein unbestrittener Liebling aber ist der Eggiwiler Zaugg Thomas, das Aushängeschild des Schwingclubs Siehen. Der 36-jährige Bauer und Zimmermann visiert in Estavayer seinen vierten eidgenössischen Kranz an und wird eine Woche nach dem Eidgenössischen seine Zwilchhosen beim lokalen Kemmeriboden-Schwinget an den sprichwörtlichen Nagel hängen. Der Schwägalp-Sieger von 2012 habe immer etwas im Schatten von Wenger, Sempach oder Stucki gestanden, «aber es ist nicht nur ein ganz flotter Kerl, sondern auch ein vielseitiger und äusserst konstanter Schwinger».

Zum Schluss des Besuchs soll noch eine Frage geklärt werden. Wer ist nun der beste Schwinger aller Zeiten? Siegenthaler nickt bedächtig. Gibt es Statistiken im Kellerraum, die ein objektives Urteil erlauben? Er verschränkt die Arme. «Wollen Sie meine Meinung hören?» Karl Meli sei zwar nur zweimal Schwingerkönig gewesen, habe aber sechs eidgenössische Anlässe gewonnen und unglaubliche neun eidgenössische Kränze gemacht. Also Meli? Hunsperger dagegen, gibt Siegenthaler zu bedenken, sei im Laufe einer viel kürzeren Karriere dreimal Schwingerkönig geworden. Also Hunsperger? «Von der Stärke her konnte dem Hunsperger niemand das Wasser reichen, da hätte auch ein Aberhalden keine Chance gehabt.» Also doch, der Hunsperger? Auf der anderen Seite gebe es auch Schwinger wie Vogt Peter und Lardon Willy, die beide in den 1940er-Jahren je drei Eidgenössische Schwingfeste gewannen, «zwei als Schwingerkönige und eines als Erstgekrönte». Es sei ja damals noch üblich gewesen, dass nach einem Gestellten im Schlussgang der Königstitel nicht vergeben wurde. Heutzutage sei das anders, da müsse man dem Volk einen Schwingerkönig präsentieren, meint er, darum sei der Forrer Nöldi 2001 in Nyon nach dem Gestellten im Schlussgang gegen Abderhalden Jörg zum König ausgerufen worden. Siegenthaler schweigt. Also wer ist jetzt der beste Schwinger aller Zeiten? «Ich sage immer, der Meli war der erfolgreichste und der Hunsperger war der böseste Schwinger.» (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2016, 09:31 Uhr

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