«Viel Papier für Gefühle»

Oliver Stein sucht auf der Strasse nach handgeschriebenen Zetteln und lässt sich von ihnen zu Geschichten inspirieren. Beinahe wäre er dabei schon über eine Liebschaft gestolpert. Aber nur beinahe.

«Der Fluch ist: Ich kann keine Strasse langgehen, ohne auf den Boden zu schauen»: Oliver Stein auf «Schatzsuche» im Berner Monbijou.

«Der Fluch ist: Ich kann keine Strasse langgehen, ohne auf den Boden zu schauen»: Oliver Stein auf «Schatzsuche» im Berner Monbijou. Bild: Adrian Moser

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«5 Baguette, zwei Gurken»: Was löst so etwas Alltägliches wie ein Einkaufszettel bei Ihnen aus?
Jetzt im Moment: ein starkes Hungergefühl, Tsatsiki mit Brot käme mir gelegen. Wenn ich länger darüber nachdenke, taucht eine Geschichte auf: etwa die einer verunglückten Party. Jemand ist das fünfte Rad am Wagen, und dieser Person muss nun mitgeteilt werden, dass sie in den Pärchenferien nicht ganz so willkommen ist wie angedacht. Es könnte aber auch sein, dass mich die Gurken auf eine andere Fährte locken, etwa die eines Gemüsebauern in Andalusien.

Sie suchen in europäischen Städten nach handgeschriebenen Zetteln und stricken daraus Geschichten. Was treibt Sie dazu?
Das Projekt entstand, nachdem ich in Belgrad einen Zettel fand, auf dem kyrillisch etwas geschrieben stand. Ich liess ihn übersetzen: «Eine bedeutende Nachricht an Dr. Joviza Zdrakovic: Ich brauche Ihre Diagnose nicht. Wenn Sie mich weiter damit belästigen, schalte ich die Polizei ein», stand darauf. Eine Drohung. Wer war wohl dieser Quacksalber? Und wer der Patient? Ich war angefixt, der Zettel hat mich nicht mehr losgelassen. Und plötzlich habe ich überall, wo ich war, Zettel gefunden. In London, Madrid, Berlin, Rom, München – und in Bern.

Lässt sich anhand der Zettel, die die Bernerinnen und Berner hinterlassen, ein Psychogramm erstellen?
Berner verbrauchen viel Papier für Gefühle. Ich finde viele Belege dafür, dass die hiesigen Menschen den schönen Seiten des Lebens Platz einräumen: der Liebe, der Freundschaft, den Hobbys. Ich finde Raptexte, Liebes- und Dankesbriefe. Belege für existenzielle Nöte finde ich kaum je. Ein Gegensatz dazu ist für mich Belgrad: Dort scheinen die Leute nicht so viel Zeit zu haben für Befindlichkeiten. Es geht um Wertschöpfung: Ersatzteilbestellungen, Terminnotizen, Organisatorisches.

Aus einem Terminkärtchen, das Sie in Bern gefunden haben, machen Sie einen Kurzessay über die Verbindung zwischen Tageszeit und Gemütszustand. Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Zettelgeschichte schreiben?
Ich assoziiere frei. Aus einem herzförmigen Zettel mit der Aufschrift «Because he means the world to me» entstand eine Art Liebes-Haiku. Aus einem Einkaufszettel mit dem Posten «Zwetschgenschnaps» machte ich einen theatralen Dialog über die Frage, wer nach dem Ausgang den Chauffeur macht. Ich setze mir wenig Grenzen, was Form und Inhalt angeht.

Welcher Zettel ist ein guter Zettel?
Fast jeder Zettel kann ein bemerkenswerter Zettel sein: die absurde To-do-Liste, das seltsame Arztrezept. Mich rühren alte Handschriften oder der fünfstrophige Asi-Rap, der gegen Ende immer ausfälliger wird. Auch die Postkarte aus dem Jahr 1972 aus Libyen hat es mir angetan. Bemerkenswert sind die vielen Zettel mit Handynummern drauf. Wurden sie im Club an das Objekt der Begierde ausgehändigt und anschliessend achtlos weggeworfen? Solche Zettel gibt es in allen Städten zuhauf.

Finden Sie genügend Material für Ihre Geschichten? Man sollte meinen, dass im digitalen Zeitalter die handschriftliche Notiz allmählich ausstirbt.
Das ist nicht der Fall. Der Einkaufszettel, das Liebesbillett, das Post-it, das Arztrezept, sie alle sind noch vorhanden, selbst in unserem elektronisierten Alltag. Offenbar bleibt das Bedürfnis nach dem physischen Blatt Papier bestehen.

Trotzdem, die Anzahl adressierter Briefe, die per Post verschickt werden, geht Jahr für Jahr zurück. Die Menschen suchen sich andere Kanäle, um zu kommunizieren.
Schon, dieser Rückgang umfasst aber nicht die ganze handschriftliche Kommunikation. Die hat zwei Ausprägungen: Ich kann sie als Botschaft an mich selbst oder an jemand anders richten. Die Menschen in der jetzigen Grosselterngeneration haben noch Schönschrift geübt. Was mir mein Grossvater jeweils für Briefe schrieb, das waren richtige Kunstwerke. Das ist sicher seltener geworden, ausser der Verfasser will gezielt Eindruck machen, bei einem Liebesbrief etwa oder einer Geburtstagskarte. Die Schrift für die Notiz an sich selbst dagegen, die Fresszettelschrift, die trainieren wir fast täglich.

Wie viele Zettel haben Sie mittlerweile gefunden?
146 Zettel habe ich für Geschichten verwertet. Ich besitze aber über 500 Zettel aus 13 Städten. Der Fluch ist: Es ist wie eine Schatzsuche. Ich kann keine Strasse langgehen, ohne auf den Boden zu schauen. Jede Woche kommen 15 neue dazu. Es ist eine Katastrophe.

Welches war bislang Ihr absoluter Lieblingszettel?
Schwierig zu sagen, wahrscheinlich jener Zettel, den ich in Berlin fand und der wohl einmal an einen Velosattel geheftet war: «Hey Witzbold, du hast dein Rad an meins gekettet.» Ausserdem stand da eine Telefonnummer in einer schönen weiblichen Schrift. Ich schrieb eine SMS. Es entstand ein kleiner Flirt, der mich zu einem Gedicht animierte, das mit folgenden Worten endete: «Ich habe nicht nur mein Rad an deins gekettet.» Kurz bevor das Ganze in einem Treffen mündete, kam heraus, dass der Zettelschreiber ein Mann war. Auch er hatte mich für eine Frau gehalten. Wir fanden die Aktion so absurd, dass wir uns trafen. Ein sehr sympathischer Kerl. Aber ich denke, wir werden trotzdem kein Paar.

(Der Bund)

Erstellt: 07.01.2015, 08:04 Uhr

Oliver Stein

Oliver Stein ist Autor, Schauspieler, Regisseur und Performer. 2002 wurde er erstmals in Bern engagiert, wo er seither zahlreiche Rollen spielte. Mit dem 2011 verstorbenen Berner Performance-Künstler Norbert Klassen arbeitete er mehrfach zusammen. Seit 2008 spielt Stein den Spurensicherer Oskar Müller beim «Tatort Bodensee». Sein Autorendasein begründete er an der Hochschule der Künste in Bern. Die Arbeit «Zettelwirtschaft» wurde am Centre PasquArt in Biel gezeigt. Oliver Stein lebt in Bern. www.oliverstein.ch. (hjo)

Die «Zettelwirtschaft»

«Zettelwirtschaft» nennt Oliver Stein seine wachsende Sammlung an literarischen Texten, deren kleinster gemeinsamer Nenner die handschriftliche Notiz ist – weggeworfen, verloren oder mit Bedacht hinterlegt im öffentlichen städtischen Raum. Auch die Stadt Bern gehört zu Steins Jagdrevier. Im «Bund»-Blog «Der Hauptstädter» werden nun die Berner Ableger der «Zettelwirtschaft» veröffentlicht –alle zwei Wochen am Mittwoch unter:
 blog.derbund.ch/hauptstaedter

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