Und in der Ferne glitzert die Gurke

Zu Besuch auf der Insel in turbulenten Zeiten: Wilfried Meichtry lebt seit Februar in London. Einem Komiker ist unlängst das Lachen vergangen, weil er die britische Hauptstadt nicht mehr erkennt.

Im Hintergrund: Die postmoderne Skyline Londons.

Im Hintergrund: Die postmoderne Skyline Londons.

(Bild: zvg)

«Always look on the bright side of life», singen die Gekreuzigten in der berühmten Schlussszene der Monty-Python-Filmkomödie «The Life of Brian» (1979). Einer der bekanntesten Exponenten der britischen Komikergruppe ist John Cleese, der als Schauspieler und Drehbuchautor («A Fish Called Wanda») Kultstatus in Grossbritannien geniesst.

John Cleese hat sich auch persönlich für die glitzernde Seite des Lebens entschieden. Vor knapp einem Jahr hat der 80-jährige Brexiteer «aus Enttäuschung über sein Land», wie er seine 5,6 Millionen Tweet-Follower wissen liess, England verlassen und seinen Wohnsitz auf die steuergünstigen Bahamas verlegt. Als er vor kurzem zum wiederholten Male twitterte, das multikulturelle London komme ihm vor wie eine ausländische Stadt, in der die englische Kultur verschwinde, antwortete ihm unter anderen auch Sadiq Khan. Der erste Londoner Bürgermeister muslimischen Glaubens sagte, die Londoner seien stolz auf ihre Offenheit und Vielfalt.

Noch bevor Cleese seine Kritik präzisieren konnte, griffen die Medien die breit ausgewalzte Debatte auf, die Cleese genauso viel Beifall wie Rassismusvorwürfe einbrachte. In einem Punkt hat John Cleese recht. London ist heute multikultureller denn je. Eine besondere Gefahr sehe ich darin allerdings nicht. Im Gegenteil: Das kulturelle Profil dieser Stadt ist ebenso einmalig wie es eindrücklich ist. Menschen aus über 200 Nationen leben hier, mehr als 100 verschiedene Sprachen werden gesprochen. Unzählige Welten, Communities und Mikrokosmen koexistieren mehr oder weniger friedlich nebeneinander.

Stadt der Einwanderer

In Whitechapel zum Beispiel, wo ich mit meinem Sohn seit fünf Monaten wohne, leben eher ärmere Einwanderer aus Indien, Pakistan und Bangladesh. «Banglatown» nennen viele die Gegend hier. Wenn ich über die Whitechapel Road zur Tube laufe, wähne ich mich mehr auf einem orientalischen Markt als in der englischen Hauptstadt. Ein Hauch von Curryduft hängt in der Luft, bärtige Männer in knielangen Hemden und verschleierte Frauen kreuzen meinen Weg. Untersuchungen zeigen, dass sich diese Menschen wie andere Einwanderergruppen auch ausgeprägt unter ihresgleichen bewegen, ihre eigenen Sprachen, Rituale und ihre eigene Religion pflegen.

Mein Bekannter Nick Hale, ein englischer Fotograf und Kameramann, lebt seit über einem halben Jahrhundert in der Stadt. «In London hat es seit den Hugenotten immer Einwanderer gegeben», sagt er und reicht eine Aufzählung nach: «Juden, Iren, Italiener, Jamaikaner, Polen, Pakistaner, Bangladesher und viele andere.» Ähnlich wie in der Schweiz sind viele davon Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, andere hat man als «Gastarbeiter» für Arbeiten geholt, für die sich die Engländer zu schade sind. «Ohne diese Immigranten hätte London nicht diese Offenheit», ist Nick Hale überzeugt. «Die Stadt lebt von ihrer multikulturellen Dynamik und hat sehr viel Übung im Umgang mit Chaos.» Wie jede Grossstadt steht auch London vor einer Fülle von Herausforderungen: Die Abfallberge, der drohende Verkehrskollaps, die Luftverschmutzung, Wohnungsnot, die sinkende Schulqualität, die überalterte Infrastruktur.

Das vielleicht explosivste Problem aber liegt in den immer grösser werdenden sozialen Gegensätzen. Vom Whitechapel-Markt sehe ich in der Ferne die im Sonnenlicht glitzernde postmoderne Skyline der Inner City mit der weltberühmten Gurke, einem 180 Meter hohen Büroturm, um den herum sich neue und immer höhere Wolkenkratzer gruppieren.

Die Sündenböcke

Ich brauche nur knapp 30 Gehminuten, um von einem der ehemals ärmsten Bezirke Londons in das politische und finanzielle Machtzentrum der Stadt zu gelangen. Männer in dunkelblauen Anzügen und Frauen in eleganten Kostümen hasten mit Aktenmappen durch die von immer gigantischeren Bürokomplexen gesäumten Strassenschluchten. Hier schlägt das Herz des englischen Kapitalismus. Hier sind grosse internationale Handelskonzerne, Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien domiziliert. Hier werden etwa ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung und über 50 Prozent der Wertschöpfung von ganz Grossbritannien erbracht. Hier werden im weltweiten Vergleich absolute Spitzenlöhne gezahlt. Und hier arbeiten etwa 30 Prozent Ausländer.

Die allermeisten Einwanderer in Whitechapel leben nicht auf der glitzernden Seite des Lebens. Eine ganz neue Gefahr für ihr Zusammenleben geht - wie mittlerweile an so vielen Orten auf dieser Welt - von populistischen Politikern aus. Immigranten, die seit langem in London leben, arbeiten und Steuern zahlen, werden von ihnen mit Sprüchen beleidigt oder zu Sündenböcken gestempelt.

Boris Johnson, der Favorit für die Nachfolge von Premierministerin Theresa May, geht höchstpersönlich mit schlechtem Beispiel voran. Burka tragende Frauen hätten eine gewisse Ähnlichkeit mit Bankräubern und Briefkästen, lästerte er vor einiger Zeit in seiner Kolumne im «Daily Telegraph». Die konservativen Tories sehen in solcherlei Sprüchen offenbar kein Problem.

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