Und der Stadtpräsident fordert: «Haltet die Plätze frei»

Die «Eventisierung» des öffentlichen Raums in Bern: Die erste Ausgabe der Gesprächsreihe «Café Publique» verlief ziemlich animiert.

Stadtpräsident Tschäppät: «Haltet die Plätze frei.»

Stadtpräsident Tschäppät: «Haltet die Plätze frei.»

(Bild: Keystone)

«Hast du an einem Sonntagnachmittag nichts Schlaueres zu tun?» So begrüsste Alexander Tschäppät launig eine junge Dame im Publikum und schien so seinem Ärger über eine Terminkollision Luft zu machen. Während der Stadtpräsident in der Grossen Halle der Reitschule – genauer: im Zelt, wo das temporäre Restaurant «Blinde Insel» Abendessen in vollständiger Dunkelheit anbietet – von der ganz in angriffigem Rot gekleideten Moderatorin Sandra Künzi in die Zange genommen wurde («Wird Bern unter Ihrer Führung zum Europapark?»), bestritten nämlich im Stade de Suisse die Young Boys den Spitzenkampf gegen Basel.

«Mediterranisierung» ist ein «Furz»

Während eines ganzen Jahres setzt sich das Projekt «Le bruit qui court» mit dem öffentlichen Raum in Bern auseinander. Die Initiative der städtischen Kommission Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) begann mit einem fiktiven, als Hörparcours erlebbaren Skulpturenpark «Der Elefant ist da» auf dem Helvetiaplatz. Der Stapi benahm sich indes nicht wie ein Elefant im Porzellanladen, er fasste sich vor einem etwa 60-köpfigen Publikum schnell und geizte nicht mit erhellenden Ansichten. Die «Mediterranisierung» der Altstadt mit «Palmen in der Kramgasse» hält er für einen «Furz». Der Druck der «Party- und Fungesellschaft» auf den öffentlichen Raum werde aber, dies sei auch an der Nachtleben-Debatte ablesbar, immer grösser. Wenn Veranstaltungen wie die Miss-Schweiz-Wahlen im öffentlichen Raum «reparabel» und «rückbaubar» seien, so Tschäppät, seien einzelne Events mit fragwürdigem Charakter nicht so tragisch. «Problematisch sind aber die Investitionen und bewilligten Baugesuche im öffentlichen Raum, mit denen Fakten geschaffen» würden. Deshalb laute seine Devise: «Haltet die Plätze frei.» Dieses Motto gilt zumindest als Vision offenbar auch für die Schützenmatte. Tschäppät erinnerte allerdings daran, dass die im Rahmen des «Stadtlabors Schützenmatte» eingegangenen Wünsche wie ein Skaterpark oder ein Ort für Urban Gardening nur die Bedürfnisse eines Teils der Interessengruppen widerspiegle: «Wenn wir in der Stadt eine bürgerliche Mehrheit hätten, würde da, wo wir jetzt sitzen, längst ein Hochhaus gebaut.»

Moderatorin Sandra Künzi regte sich als «feministische Tussi» auf über den «Hauch von Höschen» der Spielerinnen eines von einem grossen Schweizer Detailhändler gesponserten Beach-Volleyball-Turniers. Tschäppät schmunzelte, ihm seien diese Höschen gar nicht aufgefallen. Mit Blick auf den Bundesplatz konnte er einer strikten Trennung zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Veranstaltungen überhaupt wenig abgewinnen: «Vom Gemüsemärit bis zur Miss-Schweiz-Wahl haben alle diese Veranstaltungen ein kommerzielle Seite.»

Daniel Blumer belebte die Diskussion, indem er zwischen Gebrauchs- und Tauschwert von Veranstaltungen unterschied. Eine Miss-Schweiz-Wahl orientiere sich am reinen Tauschwert – PR und Imagepflege für die Stadt – und sei ein höchst exklusiver Anlass: «Ein Event, der durch ein Polizeiaufgebot geschützt werden muss, ist für das Gemeinwesen nicht unbedingt eine tolle Sache.» Blumer, der ein Kompetenzzentrum für gemeinnützigen Wohnungsbau führt, skizzierte lieber die Idee eines öffentlichen Raums, der vom Waisenhausplatz bis zur Schützenmatte reicht: «Das Waisenhaus müsste umfunktioniert werden, die Polizei könnte ja in den neuen Räumlichkeiten der Feuerwehr im Forsthaus untergebracht werden.» Der Architekt Fritz Schär, Präsident der KiöR, zieht die Grenze bei der Eventisierung dort, wo Autohersteller den Waisenhausplatz benutzen können, um ihre neuen Modelle zu präsentieren: «Das ist ein klarer Fall von Privatisierung des öffentlichen Raums.»

Die einzelnen «Cafés publiques» werden protokolliert und zeichnend dokumentiert. Die Ergebnisse werden auf der Website von «Le bruit qui court» dokumentiert und sollen als Ausgangsmaterial für Online-Diskussionen dienen.

www.lebruitquicourt.ch

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