Touristen vergraulen

Nach Island kommen jedes Jahr mehr Feriengäste, als es dort Einwohner gibt. Eine neue Webserie karikiert die unliebsamen Besucher – aber auch die Einheimischen.

Ein Hipster auf Entdeckungstour: Folge 5 von «Cloud of Ash».

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Der deutsche Hipster sucht ein Restaurant. Lokal und vor allem «cutting-edge» soll es sein. Blöd nur, dass er keine Meeresfrüchte mag, denn er befindet sich in einem Land, für das die Fischerei einen der wichtigsten Wirtschaftszweige darstellt: Island.

Aber das hat der Geck natürlich nicht bedacht. Wahrscheinlich hat ihm einfach jemand gesagt, zu welcher angesagten Kunstmetropole sich Reykjavik gemausert hat, trotz oder gerade wegen des Finanzencrashs von 2008, und nun ist er hier: ohne Kenntnisse der lokalen Essgepflogenheiten, geschweige denn der wirtschaftlichen Situation.

Magic Mushrooms statt Wikinger

Wie Touristenfantasien mit dem wirklichen Island kollidieren, davon handelt die neue Webserie «Cloud of Ash». Die Freunde Brogan und Atli arbeiten in einem Touristenshop in Reykjavik, müssen dort Islandpullis tragen und machen ausländische Gäste gegen Bezahlung mit landeseigenen Brauchtümern vertraut. Zumindest mit jenen, die sich vermarkten lassen, den Abenteuern der Wikinger beispielsweise. Der Konsum von Magic Mushrooms gehört da eher nicht dazu, wie der Besitzer des Ladens seine Angestellten ermahnt.

Die Serie greift eine sozialwirtschaftliche Entwicklung auf: Die Anzahl Feriengäste auf Island ist in den letzten Jahrzehnten markant gestiegen. Eine leichte Zunahme von Übernachtungen ausländischer Touristen ist zwar vielerorts der Fall, auf Island kam es aber 2000 erstmals dazu, dass die Anzahl Touristen diejenige der Einwohner überstieg. 2012 kamen bereits fast doppelt so viele Feriengäste. Tendenz weiterhin steigend.

Kiffen, saufen, knutschen

Wie bei vielen Ländern ist die Tourismusbranche auch für Island eine zentrale Einnahmequelle, trotzdem stehen viele Einheimische dem allsommerlichen Ansturm von Besuchern kritisch gegenüber. Eine Haltung, die sich auch bei den Protagonisten von «Cloud of Ash» widerspiegelt, die einerseits der Popularität ihres Landes ihren Job verdanken, und sich andererseits einen Spass daraus machen, diesen nicht allzu ernst zu nehmen und dadurch Feriengäste zu vergraulen.

Auch Island selbst kommt dabei wenig schmeichelhaft weg. Seine jungen Bewohner wissen nichts Rechtes mit sich anzufangen und verbringen ihre Freizeit kiffend, saufend und knutschend. Das Leben wirkt ähnlich eingeschlafen wie dasjenige von Hlynur, dem dreissigjährigen Arbeitslosen aus dem Film «101 Reykjavik» (2000). Enthusiastischen Neuankömmlingen begegnet man mit distanzierter Höflichkeit, die schnell in Sarkasmus umschlägt.

Von der isländischen Hauptstadt hat sich auch Brogan, die weibliche Hauptfigur von «Cloud of Ash», mehr versprochen. Als ausgebildete Schauspielerin wollte sie dort ihr Glück versuchen, wieder weil Reykjavik der Ruf einer Künstlerstadt vorausgeeilt ist. Heute muss sie sich mit Leuten abgeben, die den Namen ihrer Reisedestination wohl nicht einmal buchstabieren können.

DerBund.ch/Newsnet

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