TV-Kritik: «Ich wollte lange nicht in deine Sendung kommen»

TV-Kritik

Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät stellte sich Roger Schawinskis Sendung dessen Fragen. Es war ein Gespräch unter Freunden.

Hatte im Gespräch mit Alexander Tschäppät etwas das Nachsehen: Roger Schawinski.

Hatte im Gespräch mit Alexander Tschäppät etwas das Nachsehen: Roger Schawinski.

(Bild: Screenshot SRF)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Eines haben sie gemeinsam: Roger Schawinski und Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät sehen sich beide gerne als Anreisser- und Machertypen. Vieles soll ihre Idee gewesen sein, vieles sollen sie erfunden haben. Eines gehört nicht dazu: Bescheidenheit. Ob das nun gut oder schlecht ist, ist eine Stilfrage. Für etwas montagabendliche Unterhaltung reicht es immerhin.

Grosse Geheimnisse lüftete Tschäppät am Montagabend im Leutschenbach nicht. Was beinahe am meisten überraschte, wurde für die Schlussphase der Sendung aufgespart: «Ich wollte sehr lange nicht zu dir in die Sendung», wirft Tschäppät seinem Duzfreund entgegen. Und das vom Mann, von dem es laut Schawinski nicht möglich ist, kein Interview zu irgendetwas zu bekommen. Tschäppäts Begründung: «Du gehst manchmal einfach an die Grenze.» Schawinski vermutete eher, dass sein Gast Angst vor kritischen Fragen hat. Dabei war der Talkmaster gerade in dieser Sendung ziemlich zahm und liess sein Gegenüber oftmals sogar ausreden.

Tschäppäts wilde Jahre

Aber von Anfang an: Schawinski huldigt Tschäppät, nennt ihn den farbigsten und spannendsten Stadtpräsidenten der Schweiz. Dann darf Tschäppät erklären, wer er ist: Ein 100-Kilo-Lebemann, dessen grösste Schwächen essen, trinken und rauchen sind. Will er daran was ändern? Nicht wirklich. Nächstes Thema: Nachtleben. Tschäppät erzählte dabei von seinen wilden Jahren, in denen er sich Freiraum einfach genommen hat. Noch kurz schief gegrinst und dann kam Schawinski schon auf die Reitschule zu sprechen. Dazu Bilder, die schon etwas länger im SRF-Archiv liegen dürften.

Schawinski verglich die Reitschule mit Platzspitz und Letten. Tschäppät konterte: «Es gibt vor der Reitschule keine offene Drogenszene mehr.» Dennoch attestierte Schawinski ihr kein gutes Image. Das wiederum sah Tschäppät als «Zürcher Irrtum». Schliesslich sei die Reitschule das grösste Jugendzentrum der Schweiz. Drogen gebe es da auch, genauso wie es sie in der «Schickeria der Schweizer Clubs» gebe. Damit gab sich Schawinski zufrieden. Themenwechsel.

Einstein für mehr Touristen

«Roger, Roger», höhnt Tschäppät. Dass dieser ihm vorwirft, in Bern wenig erreicht zu haben, will er nicht auf sich sitzen lassen. Besonders die Verwandlung vom Parkplatz vor dem Bundesplatz zum «Ort, wo sich Bern tummelt» will sich Tschäppät gutschreiben lassen. «Umgesetzt von mir», stellt er klar. Weitere Punkte: Mehr Einwohner, mehr Steuereinnahmen, Eigenkapital angelegt und letztes Jahr fast Eishockey-Schweizermeister geworden. Erst als Schawinski den Zeigefinger hob, war es Tschäppät wichtig zu erwähnen, dass nicht alles sein Verdienst gewesen sei.

Danach wurde der Bärenpark betreffend Bauzeit und Kosten mit dem Berliner Flughafen verglichen, bevor Schawinski wieder etwas Lob für Bern übrig hatte, natürlich mit Hintergedanken. Zuerst: «Bern ist eine grossartige Stadt.» Etwas später: «Seid ihr zu träge und zu lasch, um Bern verkaufen zu können?» Schliesslich könne Zürich siebenmal mehr Übernachtungen verbuchen als Bern. Tschäppät lässt das kalt. «Bern soll kein Salzburg werden, wo der Tourist im Zentrum steht, sondern es soll eine Stadt sein, in der es den Einwohnern wohl ist.» Zwei Dinge seien bis anhin dennoch zu wenig vermarktet werden: «Das Unesco Weltkulturerbe und dass Albert Einstein in Bern die Welt revolutioniert hat.»

Die abwesenden Meinungsmacher

Weitere Fragen von Bedeutung: Wieso ist YB nicht mehr in Berner Hand («Hat etwas mit Stutz zu tun»), ist es wichtig Berner oder sogar Bernburger zu sein, um in dieser Stadt etwas erreichen zu können («Nein, dafür bin ich das lebendige Beispiel»), wie sieht die Sache in Zürich aus («Dort kommt es nur darauf an, wie viel du im Portemonnaie hast») und ist es eigentlich richtig, sich über hohe Steuern aufzuregen («Das ist einfach so ein Schweizer Gejammer»)?

Natürlich konnte es Schawinski nicht lassen, den Ort anzusprechen, wo man schon etwas Glück haben muss, um Tschäppät anzutreffen: Der Nationalratssaal. Dort sei er ein Hinterbänkler und noch schlimmer – der drittgrösste Schwänzer. Tschäppät findet das nicht tragisch, im Gegenteil: «Die Schwänzer-Top-Ten ist das Who is Who der Meinungsmacher.»

Keine Beiz mit Leuenberger

Zum Schluss wurde noch ein kurzer Blick in die Zukunft geworfen. Tschäppät hat sich seine Pläne für nach dem Karriereende bereits zurechtgelegt: Entweder zeitgenössisches Polit-Kabarett oder eine Beiz. Wenn zweiteres, dann etwa mit Moritz Leuenberger, wollte Schawinski wissen. «Nein, der kann viel zu gut kochen.» Für den Job als Kabarettist sieht sich Tschäppät schon besser vorbereitet. Schliesslich mache er seit dreissig Jahren Politik.

DerBund.ch/Newsnet

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