Szeemann, Berner Möbel, belgische Gedichte

Was schenken zum Geburtstag? Dieses Problems entledigt sich die Kunsthalle, indem sie selbst für ihre Geschenke sorgt: Nächstes Jahr wird sie 100, das Jubiläumsprogramm nimmt Formen an.

Symbolfigur: Der Kurator Harald Szeemann auf einem Foto von 1978.

Symbolfigur: Der Kurator Harald Szeemann auf einem Foto von 1978. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nicht ganz unerwartet schenkt sie sich ein Buch, wie schon zum 50.und zum 75. Geburtstag. Dieses Mal ist es ein Künstlerbuch, das die 25 Jahre seit dem letzten Jubiläum rekapituliert. Vorgestellt wird die von Florian Dombois und Valérie Knoll, Direktorin der Kunsthalle, herausgegebene Publikation voraussichtlich am 18. Mai 2018, dem Tag des offiziellen Festakts. Eingeweiht wird dann auch eine temporäre Erweiterung der Kunsthalle. Das Duo Lang/Baumann, bestehend aus Sabina Lang und Daniel Baumann, funktioniert den Vorplatz des Hauses in eine aussergewöhnliche Bar mit Bühne um.

Bar oder Baustelle?

Ob zu diesem Zeitpunkt die geplante Renovierung der Kirchenfeldbrücke bereits angelaufen und die Kunsthalle hinter einer Baustelle verschwunden sein wird (vgl. «Bund» vom 25. 8. 2017), ist noch immer nicht klar, die Verhandlungen mit dem Tiefbauamt dauern an. Unabhängig vom Jubiläumsbuch der Kunsthalle soll die historische Bedeutung des Hauses übrigens durch eine vom Institut für Kunstgeschichte und einer dort vor einem Jahr durchgeführten Tagung ausgehenden Publikation gewürdigt werden.

Eröffnet wird das Jubiläumsjahr am 23. Februar 2018 mit einer der Skulptur gewidmeten Gruppenausstellung. Sie habe festgestellt, dass einige Berner Künstler in ihrer Arbeit eine «Neigung zu Möbeln» hätten, sagt Valérie Knoll. Deshalb will sie ihr Haus, an sich schon ein wohnlicher White Cube, mit dieser Art von Einrichtungskunst einrichten. Dass die Direktorin die vor 100 Jahren von lokalen Kunstschaffenden aus der Taufe gehobene Institution zum Jubiläum den Nachkommen dieser Gründergeneration, ergänzt durch internationale Positionen, zur Verfügung stellt und nicht auf einen grossen Namen setzt, ist eine selbstbewusste, dem Geist des Hauses angemessene Geste.

Szeemann kehrt zurück

Zumal ein grosser Name natürlich auch kommt, der grosse Name schlechthin eigentlich. Von Juni bis September zeigt die Kunsthalle die am Getty Research Institute Los Angeles konzipierte Ausstellung über den Berner Kurator Harald Szeemann. Das geplante «Museum der Obsessionen» nimmt schon im Titel den Faden auf, den Szeemann nach seinem Abgang in Bern ausgelegt hat. Das «Museum der Obsessionen» war, wie die «Agentur für Geistige Gastarbeit», sein ideelles Ausstellungsgefäss, ein Konzeptrahmen, der ihm, bevor er die Documenta übernahm, ein scheininstitutionelles Dach über dem Kopf gab.

Das geplante «Museum der Obsessionen» 
nimmt den Faden auf, den Szeemann nach 
seinem Abgang in Bern 
ausgelegt hat.

Die Schau ist nicht nur für die Kunsthalle eine Prestigeangelegenheit, auch für das Getty Research Institut ist sie von Gewicht. Einerseits ist es die Abschiedsausstellung seines Direktors Thomas W. Gaehtgens. Andererseits präsentiert das Haus damit seinen grössten je gemachten Ankauf, nämlich das 2011 von dessen Witwe Ingeborg Lüscher übernommene Archiv Harald Szeemanns.

Ebenfalls auf diesen Korpus zurück geht die Ausstellung «Grossvater: Ein Pionier wie wir». Sie ist die Rekonstruktion einer kleinen Schau, die Szeemann 1974 zu Ehren seines Grossvaters, des Coiffeurs Etienne Szeemann, veranstaltete. Die Kunsthalle wird das Replikat, im Original schon ein Replikat der Wohnung des Grossvaters, vom Institute of Contemporary Art Los Angeles übernehmen und in Bern ausser Haus zeigen, nämlich da, wo sie Szeemann selbst eingerichtet hat: an der Gerechtigkeitsgasse in den Räumen der ehemaligen Galerie Toni Gerber.

Keine ewige Party

Diese gerade ziemlich populäre und nicht unumstrittene Ausstellungspraxis des kunstgeschichtlichen Kopierens ergänzt die Kunsthalle mit der Aufarbeitung ihres eigenen Archivs, die seit zwei Jahren im Gange ist und deren Resultate 2018 präsentiert werden sollen. Sie umfasst sowohl die konservatorische Pflege als auch die digitale Erschliessung der Bestände.

Die einzige Einzelausstellung des Jahres 2018 bekommt der belgische Maler Walter Swennen. Das sei zwar schon eine besondere Ehre, sagt Valérie Knoll, doch wolle sie das Jubiläum nicht so hochtourig abspulen, dass kein Courant normal, in Form von Einzelausstellung eben, mehr möglich sei. Der 1946 geborene Swennen gilt als Dichter unter den Malern. Seine Bilder sind kein besonders weit verbreiteter Gegenstand von Partygesprächen und bilden daher den Ausklang der Festivitäten.

Beschlossen wird das Hundertjährige wie jedes Jahr mit der Cantonale, an der dann wieder die bekannten und unbekannten Berner in ihrem weit herum bekannten Haus das Sagen haben. (Der Bund)

Erstellt: 19.10.2017, 08:06 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

History Reloaded Die willkommene Einmischung der USA

Geldblog Postfinance: Kein doppelter Einlagenschutz

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...