Söhne brauchen Väter. Und umgekehrt?

Analyse

Heute wachsen Jungen vielfach unter weiblicher Dominanz auf. Sie haben es schwer, ihre Rolle als Mann zu finden. Vor der Familiengründung schrecken sie zunehmend zurück. Eine Renaissance des Vaters ist nötig!

Klar gibt es sie, die «neuen Väter», die Freude an ihren Kindern haben und ihnen viel Zeit widmen. Anderen macht diese Perspektive Angst. Im Bild: Brad Pitt in einer Szene aus Terrence Malicks «The Tree of Life».

Klar gibt es sie, die «neuen Väter», die Freude an ihren Kindern haben und ihnen viel Zeit widmen. Anderen macht diese Perspektive Angst. Im Bild: Brad Pitt in einer Szene aus Terrence Malicks «The Tree of Life».

(Bild: PD)

Väter haben seit den späten Sechzigerjahren keine gute Presse mehr. Die englische Autorin Maureen Green formulierte zeitsymptomatisch: «Ein toter Vater ist Rücksicht in höchster Vollendung.» Im deutschsprachigen Raum kursierte das böse Wort, dass nur ein toter Vater ein guter Vater sei. Auch wissenschaftlich verbrämt wurde die vaterlose Familie gefeiert – die Mutter-Sohn-, Mutter-Tochter-Beziehung, ohne Mann und ergo auch ohne Gewalt, Tyrannei und Missbrauch.

Dass diese Idylle nicht stimmt, wissen wir inzwischen. Alle neueren Untersuchungen dokumentieren, dass häusliche Gewalt zwischen den Geschlechtern gleich verteilt ist. Söhne werden übrigens von ihren Müttern häufiger körperlich gezüchtigt als von ihren Vätern.

Schon vor den Siebzigerjahren haben die Sozialwissenschaften den Vater entsorgt. Vor allem die Entwicklungspsychologie hat exklusiv auf die Bedeutung der Mutter für die Erziehung der Kinder abgehoben. Die historische Väterforschung – noch immer in ihren Anfängen – konstatiert, dass Einfluss und Aufgaben des Vaters «gegen null gehen». In seiner historischen Darstellung «Vaterschaft» notiert Dieter Lenzen: «Am Ausgang des 20. Jahrhunderts erscheint das Konzept des Vaters und der Väterlichkeit in ähnlicher Weise als eine historisch überlebte Erfindung wie das Konzept der Kindheit.» Die Denunziation als Patriarch habe ihn der meisten klassischen Aufgaben beraubt. Dem Vater würden heute allenfalls noch alimentatorische Funktionen zugemessen, das heisst: finanzielle Leistungen, um den Lebensunterhalt des Kindes zu sichern. Seine Präsenz ist nicht vonnöten, vielfach nicht einmal erwünscht.

Jean-Paul Sartre ist ohne Vater aufgewachsen. Er schreibt: «Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache.» Das mag man biografisch als Geburt der Existenzphilosophie ansehen; in der kindlichen Realität war das weitaus weniger produktiv. Der Bub Sartre beschäftigt sich nachgerade zwanghaft mit dem Tod, auch mit dem eigenen Verschwinden aus dieser Welt.

Das unbekannte Wesen

Das Fehlen des Vaters spiegelt sich in den Werken vieler Schriftsteller. Doch die Dramen müssen nicht literarisch sein; sie sind auch ganz alltäglich. Ein absenter Vater ist – so weiss die Therapeutik – eine lebenslange Quelle von Traurigkeit, Ärger, Verbitterung und Scham. Ein Sohn braucht seinen Vater, damit er sinnvoll Mann werden kann. Ohne Vater tritt er in ein Leben, für das er nur unzureichend ausgestattet ist. Er weiss dann nur über Surrogate, wie ein Mann ist, wie er Sinn in seinem Tun findet. Ein Junge benötigt die Gewissheit, einen kompetenten Vater zu haben, um selber das nötige Vertrauen in seine Zukunft als Mann entwickeln zu können.

Die Tiefenpsychologin Marga Kreckel bringt es bündig auf den Begriff: «Bleibt der Vater für den Sohn das unbekannte Wesen, so bleibt der Sohn auch sich selbst fremd.» Die Unterrepräsentation des Vaters und die Überrepräsentation der Mutter haben Folgen: Verwöhnung, Unselbstständigkeit der Söhne, deviantes sexuelles Verhalten wie Homophobie oder pädophile Neigungen, und sie schafft für das spätere Leben die männliche Angst vor der Weiblichkeit. Robert Musil dekretierte: «Die einzige Rettung vor den Frauen, die es gibt, ist Flucht.»

Die amerikanischen Jungen-Therapeuten Dan Kindlon und Michael Thompson berichten, dass es wenig gebe, was einen erwachsenen Mann zu Tränen rühre. Männer könnten in Therapien recht gefasst über gescheiterte Ehen sprechen, über Karriereknicks, Bankrott, Krankheiten. Wenn sie dann aber einmal weinten, dann weinten sie ganz heftig über das, was sie mit ihren Vätern nicht oder zu wenig erleben durften.

Wir wissen empirisch mehr als auch schon; so kennen wir inzwischen die folgende Gesetzlichkeit: Es gibt einen klaren Zusammenhang von Vaterpräsenz und gesunder Entwicklung des Sohnes auf der einen Seite und von Vaterabsenz und der hohen Gefahr von Scheitern auf der anderen; zum Spektrum dieses Scheiterns gehören innere Verwahrlosung, Sucht, Kriminalität, Gewalt, Depression und Suizid der allein gelassenen Söhne. In Parenthese sei angemerkt, dass selbstverständlich auch die Töchter ihre Väter brauchen, zum Beispiel für den Erwerb eines realistischen Männerbildes.

Auf dem 2. Wissenschaftlichen Männerkongress an der Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf berichtete Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut, dass Jungen aus geschiedenen Beziehungen im Gegensatz zu ihren Altersgefährten aus intakten Familien mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren aufweisen als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern. Konkret heisst das: sehr viel häufiger Übergewicht, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Probleme, soziale Probleme mit Gleichaltrigen und Hyperaktivitätsprobleme. Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben auch später noch ein erhöhtes Depressionsrisiko; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Jungen signifikant häufiger selber umbringen als Mädchen.

Dumpf und gewalttätig?

Nun scheinen wir ja auf einem besseren Weg zu sein als die Generationen vor uns. Zeitgenössische Väter beteiligen sich signifikant mehr an Kindererziehung und Hausarbeit als noch ihre eigenen Väter. Das Sorgerecht wird sukzessive modernisiert, sodass auch Väterrechte gestärkt werden. Das politische Angebot der Väterzeit wird immer mehr genutzt. Väter werden auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung wieder zu einer festen Grösse.

Allerdings dräuen schon neue Probleme. Zunehmend wollen junge Männer gar nicht mehr Vater werden.

«Warum sollte ein Mann eine Familie gründen wollen?», fragte ein junger Mann unlängst im Berliner Stadtmagazin «Zitty». Das war nicht bloss rhetorisch gemeint. Männer können ohne Familie «wunderbar leben! Medien und Frauen haben Männern über Jahrzehnte erzählt, sie seien überflüssig, gewalttätig, dumpf und sowieso ein Irrtum der Natur. Da ist es doch kein Wunder, dass sie keine Stützen der Gesellschaft werden wollen. Warum sollten sie denn? Viele haben gemerkt, dass Überflüssigsein eine Menge Freiheit mit sich bringt. Die will man nicht mehr missen.»

Das ist nun nicht die Meinung eines Sonderlings aus der deutschen Hauptstadt, es ist im Gegenteil zunehmend Trend.

Das Statistische Bundesamt in Deutschland hat vor kurzem einen Datenreport über Alleinlebende veröffentlicht. Während seit 1991 die Quote der Singlefrauen um 16% gestiegen ist, erhöhte sich jene der Männer sprunghaft um 81%. Diese Entwicklung betrifft vor allem junge Männer im heiratsfähigen Alter. 27% der 18- bis 34-Jährigen leben allein. Auch im sogenannten «mittleren Alter» – von 35 aufwärts – lag der Anteil der alleinlebenden Männer signifikant über dem der allein lebenden Frauen. Das sind – in absoluten Zahlen - circa sieben Millionen Männer im heiratsfähigen Alter, die sich der Beziehung mit einer Frau verweigern und die auch keine Kinder wollen. Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik in Neuenburg liegen die Zahlen in der Schweiz sogar noch höher.

Das verweist auf eine tiefer liegende Krise jüngerer Männer, die auch empirisch belegt ist. So hat die deutsche Bundesregierung 2007 eine Studie über die Lebensentwürfe und Rollenbilder 20-jähriger Frauen und Männer in Auftrag gegeben. Jungen Männern wird dort «ein deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft» zugeschrieben. Junge Männer heute «befürchten, dass in Wahrheit die Frauen die wichtigen Entscheidungen fällen und sie, die Männer, gar nicht mehr brauchen». Die jungen Männer seien nicht mehr nur «in Bezug auf Berufswahl und Arbeitsmarkt verunsichert, sondern auch im Privaten haben sie alle Sicherheit verloren». So beutelt die jungen Männer die Angst, bald «überflüssig» zu werden.

Mutter, Lehrerin, Tante, Oma

Sie haben das Gefühl, dass heute eigentlich «die Frauen das Drehbuch schreiben». Ein solcher Eindruck, selbst wenn er objektiv falsch oder zumindest einseitig sein mag, speist sich nicht zuletzt aus der biografischen Erfahrung. Im Regelfall ist der Vater in der Familie erwerbstätig und dementsprechend abwesend. Häufig fehlt er ganz – nach Trennung, Scheidung oder Tod.

Die alleinerziehenden Familien haben sich in den letzten Jahren geradezu drastisch vermehrt; alleinerziehend bedeutet aber in nahezu 90 Prozent der Fälle: Leben mit der Mutter. Selbst wenn ein Vater noch vorhanden ist, verbringt ein Bub – laut Berechnungen des Bildungsforschers Klaus Hurrelmann – mehr als 80 Prozent seiner Zeit mit Frauen: Mutter, Oma, Tanten, Freundinnen der Mutter etc. In den gegenwärtigen Bildungseinrichtungen setzt sich diese Frauendominanz fort. Kindergärten, Horte, Primar- und Sekundarschulen sind primär von Lehrerinnen besiedelt. Damit entfällt weithin, was der Düsseldorfer Psychoanalytiker Matthias Franz programmatisch schreibt: «Väter sind unersetzbar bei der Rollenfindung des Jungen. Nur sie können ihm bei der sexuellen Identifikation den Weg weisen – wenn das die Mütter versuchen, bekommen die Jungen Angst.»

Solche Erkenntnisse, die inzwischen zureichend auch empirisch abgesichert sind, beginnen langsam wieder zu greifen. Nicht zuletzt die zunehmenden sozialen Probleme von Gewalt, Vandalismus und Ausschreitungen, die Jungen und junge Männer verursachen, haben dazu beigetragen, dass wohl eine Renaissance der Vaterschaft ansteht.

DerBund.ch/Newsnet

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