So bettelt man erfolgreich im Netz

Mit Biscotti, Charme und nackten Tatsachen: Wann lässt sich mit Crowdfunding Geld verdienen? DerBund.ch/Newsnet hat Berner Beispiele unter die Lupe genommen.

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Schwarmfinanzierung existiert im Internet seit Beginn der Nullerjahre. Das Prinzip ist allerdings altbekannt: Nenne den Leuten einen Grund, weshalb sie für deine Idee Geld spenden sollen. Doch zwischen geistlosem Betteln und dem erfolgreichen Anpreisen einer vermeintlich bahnbrechenden Idee liegen Welten. Seit 2006 bemühen sich scheinbare und wirkliche Avantgardisten auf der Schweizer Crowdfundingplattform Wemakeit.com um die Gunst der Masse. Bereits 203 Projekte aus dem Raum Bern wurden eingereicht – davon waren 147 erfolgreich. Wir haben uns auf dem virtuellen Projektfinanzierungsmarkt nach Berner Projekten umgeschaut. Folgende Kriterien lassen den Rubel rollen:

1. Sei persönlich

Eine Wohngenossenschaft aus dem Rossfeld frönt den Werten der Nachhaltigkeit. Um ihr Dasein ganz danach auszurichten, wollen sie ihre drei Miethäuser mit Solarstrom speisen. «Die letztjährige Häusersanierung ermöglichte uns, eine Fotovoltaikanlage auf den Dächern zu installieren», sagt Initiator Christoph Schafroth. Die landläufig als Solarpanels bekannte Installation verursachte jedoch ungeahnte Kosten. Folglich priesen die Initianten die Vision auf Wemakeit an – doch der Erfolg blieb aus.

Schafroth begründet den Misserfolg mit «mangelnder Identifikation». Sie hätten keine personalisierten Fotos veröffentlicht und somit «nicht ausreichend Substanz» zur Identifikation mit der Materie vermittelt. Gemäss Rea Eggli, Mitgründerin von Wemakeit, sind persönliche Informationen und deren Illustration ein zentraler Faktor. «Idealerweise bestückt man sein Projekt mit einem Video – das erhöht die Erfolgschancen um 30 Prozent», sagt sie.

2. Spiel die Community-Karte

Gesellschaftspolitische Anliegen haben auf Finan­zierungsplattformen ein leichtes Spiel. So beispielsweise die Sammelaktion für das Homosexuellen-Festival Gaywest auf dem Bundesplatz. «Wir profitieren stark vom Einfluss eines grossen nationalen Netzwerks», erklärt die Initiantin Amal Chaoui, die den Anlass mithilfe der Publikumsbeiträge realisieren konnte.

Auch Musiker stossen auf offene ­Ohren. Die zwölfköpfige Balkan-Beat-Blaskapelle Traktorkestar kann in Bern auf eine grosse Fangemeinde zählen. Für eine Finanzspritze zum 2014 erschienenen Album «Les mémoires d’un trottoir» versuchte sie ihr Glück mit Crowdfunding. Gemäss Baltasar Streit, dem Anführer mit der Trompete, hatte sie dabei ein Ass im Ärmel: «Wir konnten auf ein grosses Netzwerk zugreifen und so viele Fans erreichen.»

Laut Rea Eggli sind Musikprojekte bis anhin eindeutig Spitzenreiter auf Wemakeit. Von den gesamthaft auf der Plattform gesammelten rund fünf Millionen Franken sind 51 Prozent für Musikprojekte gespendet worden. Keineswegs erstaunlich, denn Crowdfunding sei 2003 in der Musikbranche entstanden.

3. Mach Geschenke

Als «Zückerli» haben die Mitglieder von Traktorkestar Fanbelohnungen wie signierte Alben, Konzerteinladungen, Erwähnungen im Booklet oder gar ein Privatkonzert in Aussicht gestellt. Die Veranstalter von Gaywest boten CDs, Freigetränke und Festivaleintritte. Laut Eggli sind «ansprechende Entschädigungen oder Produkte, die als Gegenwert fungieren», entscheidend.

4. Brilliere mit einem durchdachten Auftritt

Erfolgsgarant war für Traktorkestar auch die professionelle Aufbereitung: «Wir haben auf verschiedensten Kanälen auf das Projekt hingewiesen und alles von unserem Grafiker illustrieren lassen», sagt der Anführer Streit. Gemäss Expertin sind Hingabe und Sorgfalt wichtig. Wer dem Publikum nichts Spannendes biete, erreiche nicht viel, hingegen stiessen «lustvoll präsentierte Projektideen» auf Anklang.

5. Bleib dran

Das Auge isst mit: Das Berner Start-up-Unternehmen Biscottibox hat sich auf italienisches Feingebäck spezialisiert. Durch Schwarmfinan­zie­rung sammelte es erfolgreich Geld für seinen Startevent. Mitverantwortlich für den Erfolg ist offenbar der Eifer: Während der Aktion dürfe «nie geruht» werden. «Auf allen möglichen Kanälen muss während der Laufzeit auf das Projekt hingewiesen werden», sagt Mitinhaberin Susanna Spagnoli. Laut Eggli ist «ausreichend Kommunikationsengagement» der Schlüssel zum Erfolg.

6. Sei lustig

Auch Absurdem steht die Tür offen. In den USA sorgte ein Mann mit einem Kartoffelsalat für Furore. Seine Crowdfunding-Aktion: Das triviale Versprechen, bei zehn gesammelten Dollar eine Kaltspeise aus dem Knollengewächs zuzubereiten – die Aktion generierte rund 55 000 Dollar. Eggli folgert: «Bei einer guten Story und den richtigen visuellen Instrumenten ist vieles möglich.»

Auch bei Wemakeit bestehe durchaus die Möglichkeit, «etwas Schräges» online zu stellen, wie Eggli sagt. Unvergessen etwa: der im Mai erfolgreich umgesetzte «Spaziergang mit Nacktakzenten» durch die Stadt Biel, inklusive «performativen Handlungen» wie einem «Nacktknäuel» oder der «Prozession der Nackten». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2014, 07:51 Uhr

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www.wemakeit.com

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