Schreiben als langer, ruhiger Fluss

Seit 2002 schreibt er an einem Endlos-Kettengedicht, seit elf Jahren hält er täglich die Namen von Lebenden und Toten fest. Heute erhält Franz Dodel einen kantonalen Literaturpreis für den Prosaband «Von Tieren».

Franz Dodel im «Trouvaille» an der Berner Münstergasse: «Für Löwen zählen nur Sonnenuntergänge.» <br>(Valérie Chételat)

Franz Dodel im «Trouvaille» an der Berner Münstergasse: «Für Löwen zählen nur Sonnenuntergänge.»
(Valérie Chételat)

Auch dieses gigantische Endlos-Gedicht, das mittlerweile über 19 000 Zeilen aufweist, muss einen Anfang haben. Der poetische Urknall aus dem Jahr 2002 ist von einer fast alttestamentarischen Wucht: «das Tun ist älter / als das Hören und reicher / weil es Gewalt ist / und die Dinge aufwiegelt / Freude zu zeigen (...)»

Diesem Bewusstseinsstrom, der sich von lyrischen Natureindrücken über biografische Reminiszenzen und aphoristisch zugespitzte Erkenntnisblitze bis zu philosophisch-religiösen Betrachtungen in alle denkbaren Richtungen ausbreiten kann, verleiht der dreizeilige japanische Vers Haiku mit der Silbenzahl 5/7/5 rhythmische Struktur und gleichförmige Fliessgeschwindigkeit.Am Anfang von Franz Dodels einzigartigem Lyrikprojekt mit dem durchaus mehrdeutigen Titel «Nicht bei Trost» stand also die Tat, die gleichzeitig auch Wort ist. Seit neun Jahren schreibt der 62-jährige Berner am Work in Progress, einem Denk- und Selbstverständigungsprozess mit offenem Ende. Er halte jedoch nicht täglich «mit Sperberaugen» Ausschau nach geeignetem Material für die Haikus, vieles falle ihm im Alltag zu. So ist er etwa auf einer Fahrt nach Bregenz auf ein Werbeplakat inmitten blühender Kirschenbäume gestossen, dessen siebensilbige Aufschrift «Kleiderbügelerzeugung» ihn förmlich ansprang.

Proust als Anker im Textstrom

Die Entwicklung dieses stetig wachsenden Poems lässt sich im Internet (www.franzdodel.ch) verfolgen, neben dem Gedicht wird auch der geistige Kontext minutiös mit Literaturangaben, Fotos und Illustrationen dokumentiert. Vor sieben respektive drei Jahren sind als «Zwischenberichte» bereits je 6000 Zeilen in Buchform erschienen; im kommenden Herbst wird der dritte Band veröffentlicht (vgl. Kasten). Vom Verlag Edition Korrespondenzen herausgegeben, erinnert der schwarze Lederfasereinband mit Dünndruckpapier an ein Kirchengesangsbuch. Dodel macht «praktische Gründe» für diese Gestaltung geltend; das Buch soll auch in einer Hosentasche Platz haben. Seinen Wiener Verlag erachtet er als Glücksfall: «In Österreich ist das Flair für randständige Literatur ausgeprägter als hierzulande.»

Er sei nicht besonders interessiert an «literarischer Produktion», sagt der «randständige» Literat ohne Koketterie, ihn interessiere vielmehr «der Umgang mit Sprache und die Herausforderung, etwas zu machen, das wie einige Werke von John Cage im Prinzip unabschliessbar sei. «Langsam laut sprechen», empfiehlt der Autor seinen Lesern bei der Lektüre. Wenn beim Leser, der an einer beliebigen Stelle in den Textstrom eintauchen kann, die «Grenzen zwischen Gelesenem und Assoziiertem» verschwimmen, entsteht ein Zustand, wie er Dodel vorschwebt: «wacher Schlaf». Lächelnd und gleichzeitig im vollen Ernst erklärt er: «Wenn der Leser einschläft, finde ich das fantastisch. Träumend lässt sich noch freier assoziieren.»Die «Minimalisierung der From» erlebt Franz Dodel als «befreiend», gerade dieses starre formale Gerüst befördere beim «Dialog mit dem inneren Schatten» ein bewegliches Denken. Inhaltliche Vorgaben gibt es nur zwei: Alle 500 Zeilen knüpft Dodel an Marcel Prousts Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» an und erweist so einem Werk der Weltliteratur die Reverenz, «das auch ein in alle Richtungen wachsendes Geflecht darstellt, in dem man bisweilen die Orientierung verlieren kann». Regelmässig ist das Endlosgedicht auch selber Gegenstand von Reflexionen.

Morgens ein Memento Mori

Wer ist dieser schlanke, immer noch jugendlich wirkende Mann, der die Worte im Gespräch sorgfältig abwägt und die Gelassenheit eines Zen-Mönchs ausstrahlt? Der ausgebildete Lehrer wurde früh Vater und studierte mit Ende 30 noch Theologie. «Geschrieben habe ich schon immer nebenbei», sagt Dodel, «aber ich habe das lange nicht besonders ernst genommen.» Die Gedichte druckte der «Selbstversorger», der einst auch Schafe und Kaninchen hielt, mit Bleisatz und Handpresse selber. Heute arbeitet Franz Dodel neben seiner freien Schriftstellertätigkeit als Fachreferent für Theologie und Religionswissenschaft in der Zentralbibliothek der Universität Bern.

Abgesehen vom Haiku-Endlosgedicht zeugt noch ein anders Langzeitprojekt mit Performance-Charakter von Franz Dodels intensiver, manche würden sagen obsessiver Beschäftigung mit dem Thema Zeit, mit Endlichkeit und Erinnern, mit Vergänglichkeit und Vergessen: «I’m not alone». Seit elf Jahren denkt er jeden Morgen in seinem Atelier in Boll während einiger Minuten an Lebende und Tote, die ihm in den Sinn kommen: Die Lebenden werden im Internet in einer Kolonne links, die Toten rechts aufgelistet – einmal im Jahr «visualisiert er dieses Memento Mori in Buchform. Seine Frau kommt dabei übrigens nicht vor: «Ich erwähne sie in meiner Namensliste nicht; ich denke so oft an sie, dass es unangemessen wäre, sie nur einmal täglich zu erwähnen.»

Animalisch anregende Porträts

Liebevolle Erwähnung finden im 2010 erschienenen Prosaband «Von Tieren» 17 Arten: vom Esel («Steht die lebenslange Verdammnis zum Schleppen von Lasten im Zusammenhang mit lasterhaften Charakterzügen?») bis zur Ameise (Die «ersten Urbanisten» mit einem «Hang zu verdichteter Bauweise»), von der Sau (pure «Daseinsfreude» ausstrahlend und für uns doch nur «Abfallverwerter und Fleischvorrat») bis zum Elefanten (dessen «masslose Erscheinung» kontrastiere mit «unscheinbaren Körperteilen» wie dem «lächerlichen Schwänzchen» und wecke beim Homo sapiens die Hoffnung auf Verständnis «für Ungereimtheiten der eigenen Erscheinung»).

Die im Haiku-Endlosgedicht charakteristische Mischung aus sinnlich präziser Wahrnehmung und lustvoll schweifender, aus vielen Quellen schöpfender Reflexion zeichnet auch diese anregenden Tierporträts aus. Er sei weder militanter Tierrechtler noch fanatischer Vegetarier, sagt Dodel, ihn habe vielmehr der «anthropomorphe Blick» auf das Tier interessiert, all die Projektionen und Vermenschlichungen in Märchen und Fabeln. Immer wieder nimmt Dodel in den Tierporträts auch Bezug auf die antiken Autoren Aelianus und Physiologus sowie auf den Biologen Eduard Wilhelm Posner («Das Seelenleben der Tiere», 1851) und setzt diesen meist menschliche Überlegenheit zelebrierenden Tierstudien seinen «staunenden, zweifelnden Blick» entgegen – einen Blick, der Momente der Nähe zum Tier emphatisch beschwört, aber auch Fremdheitserfahrungen nicht unterschlägt. So beobachtet er etwa die vergeblichen Versuche einer Fliege, durchs geschlossene Fenster ins Freie zu gelangen, und stellt leicht wehmütig fest: «Das alles berührt mich und erinnert an mein eigenes, so gänzlich anderes Leben.» Beim herzigen Igel erwähnt er die christliche Allegorik vom Igel, der auf Rebstöcke klettert, Beeren zupft und sie fallen lässt: «Ein hässliches Bild, dieser kahle Weinstock, und wenn man bedenkt, dass Jesus der Weinstock ist und wir die Beeren an ihm, dann ist klar, dass der Igel nur der Teufel sein kann.»

Dem Esel wiederum, oft als Inbegriff der Trieb- und Lasterhaftigkeit missbraucht, rät der Autor zu stoischem Gleichmut, «ob er die personifizierte Trägheit (acedia), die Prunksucht und Schwelgerei (luxuria), eine Ehebrecherin zur öffentlichen Schmähung oder einen Religionsstifter herumzutragen hat». Die Hummel ist Franz Dodel gar «Vorbild», versuche sie doch, «taumelnd ihre Schwere zu überwinden». Das Wesen dieses eigentlich «fluguntauglichen» Insekts weist denn auch eine unübersehbare Verwandtschaft mit der «condition humaine» auf: «das Unmögliche anstreben, sich mit dem Wesentlichen bescheiden – und dann der grosse Liebestaumel».

Wenn er das «Erhabene» erlebe, sagt Franz Dodel, dann scheue er sich nicht, für die Beschreibung solcher Erlebnisse nach Worten zu suchen: «Es braucht jedoch immer die Brechung, das Pathos und die Ironie.» Wenn er, der sich von fernöstlicher Philosophie angesprochen fühlt, in den Haikus in mystische Sphären abhebe, müsse alsbald das Profane zu seinem Recht kommen, etwa mit dem Auftritt einer Bierdose. Die letzten Zeilen seines Endlos-Haikus hat er übrigens schon formuliert. Ob Franz Dodel sie noch selber schreiben wird, muss offen bleiben: «(...) das Ende jedes Textes / ist auch sein Anfang / das kann ja heiter werden.»

Der Bund

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