Schräge Rentner, grüne Untote

Ein bisschen wie zu Omas Zeiten: An der vierten Ausgabe des Hörfestival sonOhr gab es rund 30 Audioproduktionen zu hören.

Hören im Kino: Das

Hören im Kino: Das Bild: zvg

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«Hier gibts Töne, wo gibts Ohren?», fragte einst der deutsche Aphoristiker Manfred Hinrich. An der diesjährigen Ausgabe des sonOhr erübrigte sich diese Frage, denn Ohren waren hier zuhauf vorhanden. Das Berner Hörfestival, welches während drei Tagen im Kino Kunstmuseum und der Stadtgalerie im Progr über die Lautsprecher ging, durfte sich über einen beachtlichen Publikumsaufmarsch freuen.

Es war ein ungewohntes Bild, welches sich im Saal des Kino Kunstmuseum bot: Menschen fläzten mit geschlossenen Augen in den Sesseln und interessierten sich für einmal so gar nicht für die Leinwand. Vielmehr liessen sie sich von den unterschiedlichen Audioproduktionen in die Welt der Imagination entführen, wobei eine enorme Bandbreite an Themen und Macharten geboten wurde. Vom Polit-Feature zur Lage der Kurden in der Türkei bis zur vergnüglichen Vertonung des eidgenössischen Schwing- und Älplerfestes gab es alles zu hören. Der Produzent letzteren Beitrages zeigte sich erfreut, dass viele junge Leute den Weg ans sonOhr gefunden hatten, verschaffe ihm dies doch Hoffnung, dass der Tonjägerverein, bei welchem er Mitglied sei, so bald nicht aussterben werde. Er selber habe übrigens in den Anfängen seiner Tonjäger-Karriere zünftig für Furore gesorgt in besagtem Verein: «Ich habe mit dem Mikrofon aufgenommen, wie eine Katze eine Maus frisst.»

Schleim und Männerwünsche

Viele der aufwendig produzierten Beiträge waren explizit für das sonOhr hergestellt worden. Die Stadtgalerie im Progr bot zudem eine äusserst Hörstück-freundliche und gemütlich Wohnzimmer-Atmosphäre, hatte doch das Brockenhaus Rosa behagliche Sofas, Sessel und Beleuchtung zur Verfügung gestellt. Jung und Alt sassen hier zusammen wie zu Omas Zeiten und hörten sich Dokumentationen zur Entstehungsgeschichte des Dialekt-Raps an oder begaben sich in der Fantasie auf einen atmosphärischen Kleinstadt-Roadmovie-Trip nach Olten.

So viel Schaffenskraft und Ideenreichtum will belohnt sein. Den Publikumspreis erhielten die beiden schrägen Rentner Ruedi und Heinz, die sich im Hörspiel «Der Lismer-Club» in hanebüchene Ermittlungen verstricken. In der Kategorie «Non-Fiction» räumte «Männerträume» ab, ein Hörstück, welches anhand von Einzelinterviews Männerwünsche ergründet. «Childhood Stories», eine Montage von Kindheitserinnerungen, die Einblick geben in den Alltag von chinesischen Familien, wurde als bester Beitrag in der Kategorie «experimentelle Hörproduktion» gewertet, und in der Kategorie «Fiction» wurde «Quarantäne» ausgezeichnet, eine groteske Horrorkomödie, in welcher die Stadt Winterthur von Untoten behelligt wird.

Wer nun der Meinung ist, das sei ja wohl nichts Ungewöhnliches, am Albani-Fest würde es in Winterthur regelmässig von Untoten wimmeln, der höre sich das Hörspiel auf www.quarantaene.ch an. Es gibt da feine kleine Unterschiede. Oder verwandeln sich die Albani-Leichen jeweils auch in grünen Schleim? Eben. (Der Bund)

Erstellt: 17.02.2014, 10:33 Uhr

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