Risotto, Rave und Kinderkörper

Ein üppiges Buffet, ein kontroverses Tanzstück, eine kurzweilige Videoinstallation: Der erste Abend des Dampfzentrale-Saisoneröffnungsfestes war ein kurzweiliges Happening.

Das Dampfzentrale-Publikum wird Teil der eigenen Zerstreuung: Szene aus der Videoinstallation «Instant Fiction».<p class='credit'>(Bild: Franziska Scheidegger)</p>

Das Dampfzentrale-Publikum wird Teil der eigenen Zerstreuung: Szene aus der Videoinstallation «Instant Fiction».

(Bild: Franziska Scheidegger)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Darf man das? Diese Frage stellt sich beim Tanzstück «Enfant» einige Male. Darf man Kinder anfassen, sie wie Puppen herumtragen, mit ihnen über den Boden rollen, sie kopfüber von den Schultern baumeln lassen? Darf man so umgehen mit solchen Knirpsen? Darf man von ihnen verlangen, sich schlafend zu stellen und sich in blindem Vertrauen in die Hände Erwachsener zu geben – der Kunst zuliebe?

Es ist der Eröffnungsabend der Dampfzentrale, und über die Bühne geht die Schweizer Erstaufführung von Boris Charmatz’ viel diskutiertem Stück. «Verstörend» hat eine Vertreterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz in der Fernsehsendung «Kulturplatz» den Anblick der leblosen Kinderkörper genannt, die vom Ensemble über die Bühne geschleift, gewirbelt, geschleudert werden.

Wie Geier über ihrer Beute

Und befremdend ist er, dieser Anblick. Die Nähe zwischen den erwachsenen Akteuren und den Kindern mutet beklemmend an, und als sich zu Trommeln und Tiergeräuschen aus den Lautsprechern auch noch Michael Jacksons «Billie Jean» mischt, ist er in allen Köpfen: der Gedanke an Missbrauch und Pädophilie. Doch hier wird kein einziges Kind unziemlich berührt, keine Szene ist zweideutig. Entlarvend an Charmatz’ Stück ist, wie diese nie sexuell eingefärbte Körpernähe dennoch unbequem und alarmierend auf uns wirkt.

Das wirft dringliche Fragen auf – nicht nur nach unserem Verhältnis zu Kindern, sondern auch nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Körperlichkeit. Charmatz zeichnet starke Bilder: Da sind Körper, die wie Sandsäcke von einem Kran aufgezogen, auf einem bebenden Untergrund hilflos durchgeschüttelt oder auf einem überdimensionalen Fliessband herumgeworfen werden. Immer übt eine höhere Gewalt ihre Macht aus – sei es die Mechanik, die Industrie oder einfach der erwachsene Mensch, der sich über sein Kind beugt wie ein Geier über seine Beute.

Ja, «Enfant» gibt einiges zu reden unter der anwesenden Festgesellschaft, die herausgeputzt und für einmal ungewohnt heterogen in Erscheinung tritt. Denn dem neuen Leiter der Dampfzentrale Georg Weinand gelingt es an diesem Abend, dass sich verschiedene «Publikümmer», wie er in seiner Ansprache die bunt zusammengewürfelte Besucherschaft des Kulturhauses nennt, durchmischen. Diese tummelt sich bald darauf an der «schönsten Bar von Bern» (Weinand) oder verköstigt sich am üppigen Buffet, wo neben Lachsschnitten und Tomaten-Mozarella-Spiesschen auch Risotto mit Bauernwurst serviert wird. Sie wünsche sich, die neue Ära der Dampfzentrale möge ein «Page-Turner» sein, verkündigt zuvor die Vereinspräsidentin Nicola von Greyerz – ein Buch, in dem man nicht aufhören kann, zu schmökern. Was einzelne Gäste in der Dampfzentrale bereits erlebt und gesehen haben, davon erzählt der anrührende Dok-Kurzfilm «Was bleibt» von der Choreografin Lucìa Baumgartner und Sean Wirz. Besucherinnen und Besucher jeglichen Alters kommen darin zu Wort und erinnern sich belustigt bis berührt an spezielle Bühnenmomente.

Kaum haften bleibt an diesem Abend hingegen der spätere Auftritt von Rainbow Arabia, der Band des Ehepaars Danny und Tiffany Preston aus Kalifornien. Trotz schicken elektronischen Dance-Beats und Disco-Synthies wirkt dieser wenig aufregende Schlafzimmer-Rave bald ermüdend.

Unfreiwillige Filmstars

Genauer hinzuschauen lohnt sich währenddessen bei der Live-Videoinstallation «Instant Fiction» von Sarah van Lamsweerde. Auf mehreren Bildschirmen, montiert an verschiedenen Orten im Foyer, überträgt die Belgierin zeitgleich gefilmte Gesprächsszenen, die sich unter den anwesenden Gästen abspielen. Diese werden zu unfreiwilligen Protagonisten, denen van Lamsweerde mittels Untertitel Filmdialoge in den Mund legt. Nicht immer bringt sie dabei Bild und Text zusammen. Doch wenn es funktioniert, entstehen vergnügliche Real-Filmsequenzen, die einem die Zeit beim Anstehen an Bar oder Kasse verkürzen.

Als eine «Zentrale der Kunst» möchte der neue Leiter Weinand seine Stätte positionieren, wie er in der Programmbroschüre schreibt. Ob ihm das gelingt, wird sich noch zeigen. Mit dem Saisonauftakt hat er aber bereits ein erfreulich verheissungsvolles Bouquet der Künste präsentiert.

Der Bund

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