«In Bern muss man Neuerungen homöopathisch dosieren»

Marschhalt mit Stephan Märki: In den ersten drei Jahren hat der Stadttheater-Intendant sein Bild der Stadt revidieren müssen. Viel Vermittlungsarbeit und niederschwellige Angebote sind sein Rezept gegen den Publikumsschwund.

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Herr Märki, seit ein paar Monaten sind Sie auch Präsident des Schweizerischen Bühnenverbandes, der Dachvereinigung der wichtigsten Theater der Schweiz. Geht Ihnen in Bern die Arbeit aus? Nein, ganz im Gegenteil.

Aber warum denn dieses zusätzliche Amt? Der Austausch mit anderen Institutionen ist sehr wichtig. Es bringt nichts, wenn ­jeder für sich allein kämpft.

«Es bringt nichts, wenn jeder für sich allein kämpft.»Stephan Märki

Bisher ist der Bühnenverband in der Theaterszene kaum als Player auf­gefallen. Sie haben sich nun in die Kontroverse um das Zürcher Neumarkttheater eingemischt und sich für die Erhaltung des Orchesters Biel Solothurn stark gemacht. Wollen Sie den Verband zu einem lauten Sprachrohr der Theaterhäuser machen? Zu einem kämpferischen Sprachrohr, ja. Die Kommunikation ist – wie in meinem Job als Intendant – die Hauptarbeit. Im Verband treffen sich auch Marketing- und Kassenchefs, Verwaltungsdirektoren und technische Leiter. Da merkt dann jeder, dass die anderen ähnliche Probleme haben.

Wo brennts denn im Moment? Da ist zum einen die Angst vor Subventionskürzungen, die Diskussionen um das Orchester Biel Solothurn und das Theater am Neumarkt sind gute Beispiele dafür. Zum andern sind es GAV-Verhandlungen und Rechtsgeschäfte. Zurzeit verhandeln wir zum Beispiel mit den Chören.

Ist jene Angst berechtigt? Die Sorge um die Finanzierung des Theaters ist so alt wie das Theater selber. Doch der aktuelle gesellschaftliche Wandel macht es den Theatern nicht einfach, ihre Subventionen zu verteidigen. Das Freizeitverhalten hat sich total verändert, die sozialen Medien sind zur grossen Konkurrenz geworden. Neben dieser können wir nur bestehen, wenn wir uns auf unsere Hauptaufgabe, die vertiefte und unmittelbare Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strömungen, konzentrieren.

Und das wird in der heutigen Zeit zunehmend schwieriger? Ja, weil ein grosser Trumpf des Theaters, das Live-Erlebnis, im allgemeinen Bewusstsein immer weniger präsent ist.

Wie wollen Sie das Bewusstsein dafür wieder schärfen? Wir müssen viel investieren, damit die Einmaligkeit des Theatererlebnisses wieder mehr wahrgenommen wird. Es reicht längst nicht mehr, einfach ein Angebot bereitzustellen. Kommt dazu, dass wir noch die Versäumnisse der 90er-Jahre wettmachen müssen. Da hat man sich – nicht nur in Bern – kaum um neues, junges Publikum bemüht. Das fehlt jetzt.

«Es reicht längst nicht mehr, einfach ein Angebot bereitzustellen.»Stephan Märki

Ihr Rezept für Bern? Gutes Theater, gute Konzerte. Und dazu niederschwellige Angebote und Vermittlung, Vermittlung, Vermittlung. Ein grosser Teil der Bevölkerung geht ja nicht ins Theater, obwohl er es unterstützt. Also probieren wir, potenzielles Publikum abzuholen. Wir machen das heute ja schon buchstäblich, wenn wir mit dem Theaterbus in den Regions­gemeinden unterwegs sind. In Bümpliz einfach einen «Faust»-Flyer zu verteilen, bringt keinen einzigen neuen Zuschauer. Die Vermittlungsarbeit, die wir in den letzten Jahren auf allen Ebenen ausgebaut haben, braucht aber immer mehr Ressourcen, was nicht ganz einfach ist in Zeiten, in denen der finanzielle Rahmen immer stärker verteidigt werden muss.

Kommt Ihnen da der Eigen­finanzierungsgrad von 20 Prozent 
in die Quere, der von der Politik 
verlangt wird? Während des Umbaus des Stadttheaters wird er zum Glück nicht gross thematisiert. Aber solange wir – wie auch dieses Jahr – eine schwarze Null schreiben, ist das auch unnötig, weil es doch unsere Aufgabe ist, mit unseren Mitteln möglichst viele Leute ins Theater zu holen. Niederschwelligere Angebote brauchen aber auch tiefere Eintrittspreise. Wenn dann sogar noch einzelne Forderungen nach 50 Prozent Eigenfinanzierung kommen, heisst das, dass man von unserer Kernaufgabe eine verzerrte Vorstellung hat. Intensiviert haben wir nicht nur die Zusammenarbeit mit den Schulen: Mit den «Berner Reden», der «Berner Bühne» oder den Sitzkissenkonzerten haben wir neue Formate zu günstigen Preisen im Angebot, die rege genutzt werden.

Und lohnen sie sich auch? Die Schülerzahlen haben sich im letzten Jahr verdoppelt, beim Zuschauertotal haben wir 10 Prozent zugelegt.

Besteht bei so viel Aktivismus nicht die Gefahr, dass das künstlerische Profil unscharf wird? Nein, da passen wir sehr auf, und wir sind auf einem guten Weg, wird doch ­unsere Arbeit vermehrt auch ausserhalb von Bern wahrgenommen. Das Schauspiel ist nach Berlin, Heidelberg und Mühlheim eingeladen worden, für das Berner Symphonieorchester planen wir nach England nun eine Tournee nach China. Bei allen neuen Stoffen und bei allem Werben um neues Publikum wollen wir aber auch die Bildungsbürger mitnehmen, die in Bern recht zahlreich sind.

Vor gut drei Jahren sind Sie in Bern gestartet. Wie stark haben Sie Ihr Bild der Stadt revidieren müssen? Wir lernen dauernd dazu. Zum Beispiel, dass die Leute mit der Stadt und sich selbst sehr zufrieden sind und jeder Veränderung erst eher skeptisch begegnen. Theater aber lebt von Selbst- und Gesellschaftskritik. So muss man in Bern Infragestellungen und Neuerungen homöopathisch dosieren. Wir wollen ja nicht, dass sich das Publikum verständnislos abwendet, wir möchten es vielmehr für Entdeckungen begeistern, und das läuft immer besser. Als wir zum Beispiel 2013 das erste Mal ein Musiktheater in der Grossen Halle der Reitschule programmierten, waren die Proteste weit grösser als jüngst bei «Herzog Blaubarts Burg». Ein Teil der ­Zuschauer war übrigens erstmals in der Grossen Halle. Pathetisch gesagt: Wenn die Leute aus dem Theater kommen und sagen, ich habe eine neue Erfahrung gemacht, dann bin ich glücklich.

«Wir wollen ja nicht, dass sich das Publikum verständnislos abwendet, wir möchten es vielmehr für Entdeckungen begeistern.»Stephan Märki

Kommt in diesem Prozess der 
Umbau, der über Jahre den Betrieb beeinträchtigt, nicht im denkbar ungünstigsten Moment? Der Zeitpunkt für einen Umbau ist nie ideal. Ich habe gewusst, dass in Bern viel Arbeit auf mich wartet, das hat mich ja auch gereizt. Mit so vielen Baustellen habe ich allerdings nicht gerechnet. Es wird ja nicht nur das grosse Haus umgebaut, saniert wird auch das Kultur-Casino, wir prüfen die Möglichkeit, die Werkstätten in die Vidmarhallen zu zügeln, in die Billettzentrale kommt ein Café und auf den Waisenhausplatz hoffentlich eine Ersatzspielstätte. Allein diese Aufgaben wären ein Fulltimejob. Auch hätte ich nie gedacht, so lange in Provisorien arbeiten und jede Spielzeit anders planen zu müssen. Aber es gehört ja auch zu meiner Arbeit, Konzert Theater Bern in die Zukunft zu führen. Sind einmal alle Arbeiten auf den fünf Baustellen beendet, wird die Institution ganz anders dastehen.

Dann ist aber wenigstens die Fusion mit dem Symphonieorchester keine Baustelle mehr? Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Theater läuft hervorragend, das Resultat kann man hören.

Sind also alle Konflikte vom Tisch? Auseinandersetzungen gibts immer wieder, die gehören zum Theaterbetrieb, aber manchmal ist die Versuchung gross, sie auf die Fusion zurückzuführen.

Mit dem Weggang von Schauspielchefin Iris Laufenberg nach nur drei Spielzeiten nach Graz war da plötzlich noch eine weitere Baustelle. Hat Sie das nicht geärgert? Graz und ein eigenes Schauspielhaus sind eine einmalige Chance. Die muss man packen. Und es ist nun mal so, dass Leute weiterziehen, diese Erfahrung machen wir auch an anderen Stellen. Die junge Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla ist zum Beispiel nach knapp einem Jahr in Bern nach Salzburg berufen worden, und der Bassist Pavel Shmulevich, der den Herzog Blaubart singt, hat sich nach zwei Jahren selbstständig gemacht.

Kein bisschen Frust wegen solch häufiger Wechsel? Nein, denn es macht auch Spass, neue Talente zu entdecken. Konzert Theater Bern hat auch den Charakter einer Ausbildungsstätte.

«Es macht auch Spass, neue Talente zu entdecken. Konzert Theater Bern hat auch den Charakter einer Ausbildungsstätte.»Stephan Märki

Iris Laufenberg hatte als Leiterin des Berliner Theatertreffens einen Namen. Stephanie Gräve, ihre Nachfolgerin, ist ausser bei Insidern kaum bekannt. Bedeutet das auch, dass Sie im Sinn haben, vermehrt das Schauspiel mitzuprägen? Bei der Neubesetzung der Schauspiel­direktion spielte der Bekanntheitsgrad keine Rolle. Weit wichtiger ist für mich, wie stark vernetzt sie ist und dass sie in unser Vierspartenteam passt. Dieses Jahr habe ich mich bei der Wahl der neuen Schauspieler mehr eingemischt, weil mir ein starkes Ensemble sehr wichtig ist. Es ist ja das Fundament, auf dem wir aufbauen wollen.

Ist eine Stärkung der Ensembles auch bei den andern Sparten geplant? In einem Mehrspartenhaus müssen sich alle Sparten gleichzeitig weiterentwickeln. Beim recht kleinen Ensemble des Musiktheaters planen wir einen Ausbau, und im Tanz haben wir gute Erfahrungen mit Nachwuchstalenten gemacht. Das hat sich übrigens schnell herumgesprochen. Für die nächste Saison konnten wir unter vielen hervorragenden Kandidaten auswählen.

Also werden keine Gaststars 
mit grossen Namen als Lockvögel engagiert? Nein, bei uns entwickeln sich grosse Talente zu Stars. Die Superstars können wir uns im Unterschied zu Zürich und Basel nicht leisten. Ich setze lieber auf ein starkes Team. Nicht von ungefähr hiess das erste Theater, das ich gegründet habe, Teamtheater.

Bei aller Liebe zur Teamarbeit: Haben Sie nicht das Bedürfnis, auch wieder einmal einen künstlerischen Sololauf hinzulegen und selber zu inszenieren? Doch, ich freu mich, in der nächsten Saison zusammen mit Mario Venzago den «Lohengrin» zu machen.

Der Bund

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