Hinein ins offene Meer des Denkens

Eine spektakuläre Uraufführung eröffnet die Schlosskonzerte Thun.

Der Tänzer Jörg Weinöhl im szenischen Konzert «Nicht ich - über das Marionettentheater von Kleist». <br />(Martina Pipprich)

Der Tänzer Jörg Weinöhl im szenischen Konzert «Nicht ich - über das Marionettentheater von Kleist».
(Martina Pipprich)

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Ein Hauch von Welt weht durch das KKThun. Die Schlosskonzerte leisten sich zum Auftakt eine Uraufführung. Die Auftragskomposition würde jedem Festival für Neue Musik zwischen Paris und Darmstadt gut anstehen. «Nicht ich – über das Marionettentheater von Kleist» lautet der Titel. Das szenische Konzert für Sopran (Petra Hoffmann), Tänzer (Jörg Weinöhl), Stimmen (Vokalensemble Zürich), Orchester (Ensemble Recherche) und Zuspielband basiert auf einem philosophischen Aufsatz, den Heinrich von Kleist 1810 publiziert hat, ein Jahr vor seinem Freitod.

Sehnsucht nach dem Anderssein

Der Text ist so rätselhaft und komplex, dass er sich der musikalischen Ästhetik verschliesst. Doch eine Vertonung war eh nicht die Absicht von Isabel Mundry und Jörg Weinöhl. Die deutsche Komponistin und der Choreograf (der einst am Stadttheater Bern tanzte und heute zum Ensemble von Martin Schläpfer an der Deutschen Oper am Rhein gehört) suchen in ihrer Produktion Reflektion und Perspektivenwechsel und lassen Kleists Gedanken sich an der Gegenwart entzünden. Zum Beispiel an Texten von Peter Weber, Roland Barthes oder Inger Christensen.

In Kleists dreiteiliger Marionetten-Erzählung wird das Verhältnis von Mensch und Maschine, Kunst und Natur thematisiert und die Sehnsucht nach dem Anderssein. Im Mittelpunkt steht ein Tänzer, der «perfekt und anmutig» sein möchte wie eine Marionette, weil dieser weder die Schwerkraft noch Müdigkeit oder falsche Ambitionen im Wege stehen. Später erzählt Kleist von einem Jüngling, der schön sein möchte wie die Statue in einem Museum. Im dritten Teil beschreibt er einen Fechter, der seine Meisterschaft im Kampf gegen einen Bären beweisen will und scheitert, weil der Bär sich instinktiv verhält. Der Fechter wünscht sich, seine Zivilisation vergessen zu können. Er möchte natürlich sein wie der Bär. Was er übersieht: Der Bär ist ein Zuchttier und seine wilde Natur genauso unecht wie die Freiheit der Marionette oder die Schönheit der Statue, die nur eine billige Replik ist.

Imaginärer Resonanzraum

Isabel Mundry und Jörg Weinöhl machen die Bühne zum imaginären Resonanzraum, in dem Denken sicht- und hörbar wird. In dem magischen Geviert bilden die Musiker und Sänger ein hervorragendes Kollektiv mit perfektem Timing. Agil und zeichenhaft auch der Tänzer, wie er leitmotivisch eine Sichel in die Luft reisst und den Zeigefinger hebt. Ein Mahnsignal? Oder bloss die Folge eines unsichtbaren Fadens, der seine Glieder fremdbestimmt? Die Musiker hüllen ihn ein mit ihrem Schichtwerk aus rhythmisierten Klängen und Geräuschen. Oder lassen Lacher und Wörter an ihm abprallen, bis ein Tonband ihr Tun mit Klängen totknistert. Sie erinnern an einen Geigerzähler. Die Musiker reiben die Hände an den Noten, zerreissen die Papiere oder zittern im Kollektiv mit Alufolien. Künstliche Klänge für Wolkenohren, es ist das Signet der diesjährigen Schlosskonzerte. Auch da, wo sich Rollen auflösen und Klanggewohnheiten verschieben, behält das Chaos seine Ordnung. Nur eine Grenze bleibt unangetastet in diesem vielschichtigen Konzept, jene zwischen Publikum und Bühne.

Der anspruchsvolle Abend navigiert immer wieder ins Offene. Ins offene Meer des Denkens, wo es ausser der eigenen Verortung keine Sicherheit gibt und sich alles dem Eindeutigen entzieht. Das ist lustvoll und eindrücklich zugleich und zu keinem Zeitpunkt zufällig oder beliebig. (Der Bund)

Erstellt: 06.06.2011, 08:00 Uhr

Schlosskonzerte

Schlosskonzerte bis 25. 6.; mehr Infos unter www.schlosskonzerte-thun.ch

Weitere Informationen zum Kleist-Jahr finden Sie auf der Homepage www.heinrich-von-kleist.org

Kommende Aufführung von «Nicht ich»:
Tonhalle Zürich, 26. Juni 2011, 19.30 Uhr.

«Kunst und Künstlichkeit», ein Symposium zur Musik von Isabel Mundry: Theater Rigiblick, 25. Juni, 18 Uhr. www.zuercher-festspiele.chLink

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