«Hier drin ists lustiger 
als draussen»

Das Schlachthaus-Theater dient an der Biennale als temporäre Gaststätte und schafft einen Rahmen für Begegnungen und kulturelle Aktionen.

Im «Hotel zur fröhlichen Stunde» ist das Zimmer auch ein Installationsraum.

Im «Hotel zur fröhlichen Stunde» ist das Zimmer auch ein Installationsraum. Bild: zvg

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Ein Hotel ist ein Ort, wo Menschen mit verschiedensten Biografien, Anliegen und Absichten aufeinandertreffen. Ein Ort, der auch die Möglichkeit bietet, der Geselligkeit aus dem Weg zu gehen und den Abend alleine auf einem Zimmer zu verbringen. Ein Hotel ist ein Zwischenraum zwischen zu Hause und eben doch nicht zu Hause, und da das Motto der diesjährigen Biennale Bern «Zwischen Räumen» lautet, ist es naheliegend, dass im Festivalzentrum, dem Schlachthaus-Theater, eben ein solches Hotel eingerichtet wurde: das «Hotel zur fröhlichen Stunde».

Als Hotelier betätigt sich das Kollektiv Bern, eine lose Vereinigung unabhängiger Kunsträume. Besagtes Hotel ist aber nicht einfach eine weitere schnöde Gaststätte in der Berner Altstadt, sondern hier dient der Mikrokosmos Hotel vielmehr als System und Rahmen, in welchem verschiedene Lebensrealitäten aufeinanderprallen und kulturelle Leistungen unterschiedlichster Natur stattfinden sollen.

Kunst oder Biertrinken

Wie es sich für ein richtiges Hotel gehört, werden die Gäste an der Rezeption freundlich in Empfang genommen und mit den nötigen Informationen ausgestattet, wo was zu finden sei. Allerdings gibt es im «Hotel zur fröhlichen Stunde» gerade mal zwei Zimmer, die für eine Übernachtung gebucht werden können, wobei die Bezahlung nicht etwa mit Geld, sondern mit einer Rezension ins Gästebuch erfolgt. Die Zimmer sind denn auch eine Mischung aus Unterkunft und Ausstellungsraum, womit die Trennung von Innen- und Aussenraum aufgebrochen wird.

Wer kein Zimmer ergattern konnte, hat mehrere Möglichkeiten, sich die Zeit bis zum angekündigten Late-Night-Programm zu vertreiben. Die Hotel-Broschüre verweist in typisch überbordender Werbetext-Manier auf das hauseigene «Hyperactivity Revival Therapy Center», in welchem sich Symptome wie Manie, Überreizung und Realitätsverlust kurieren liessen. Besagtes HRTC entpuppt sich dann als geheizter Open-Air-Whirlpool.

Drinnen offeriert derweilen ein in der Mitte des Raumes aufgebautes Hotelzimmer, dessen spartanische Ausstattung die eigentliche Herberge-Funktion nur abstrakt andeutet, eine Bühne für visuelle, performative und literarische Arbeiten. Je nach Eingangstüre trägt das Zimmer die Nummer 17, 35 oder 73; ein und dasselbe Hotelzimmer kann also je nach Betrachtungsweise andere Erwartungen schüren und je nach Betätigung eine andere Funktion erfüllen, auch wenn das Zimmer zuweilen bloss zum profanen Biertrinken mit Freunden erobert wird. «Hier drin ists lustiger als draussen», verkündet ein Hotelgast und schliesst resolut die Türe.

Geschichteter Gesang

In der Hotel-Bar flimmert derweilen auf dem überdimensionierten TV-Bildschirm eine Direktübertragung der Kunst-Allmend in der Dampfzentrale über die Leinwand, und genau gleich wie in einer gewöhnlichen Bar mit Fernseher gibt es auch hier diejenigen Gäste, die den Blick nicht von den bewegten Bildern lösen können, egal was sonst gerade in der realen Welt geboten wird.

Und geboten wurde am Eröffnungsabend des «Hotels zur fröhlichen Stunde» im Late-Night-Programm mit dem Auftritt des Spoken-Word-Pioniers Jurczok 1001 doch einiges, denn was dieser Mann mit seinen Stimmbändern und einem Loop-Gerät veranstaltet, ist schon grosses Hotel-Abendunterhaltungs-Kino. Schicht um Schicht legte der gross gewachsene Wädenswiler seinen eigenen Gesang über Beat-Box-Beats, wobei er mal klang wie eine Tuba, dann wieder glockenhellen Soul oder verhallte Gospel-Anleihen von grosser Eindinglichkeit intonierte. Facettenreich, mal abgründig und mal lustig war das, womit auch er der Vielschichtigkeit des Mikrokosmos Hotel Rechnung trug.

«Hotel zur fröhlichen Stunde», 
11.–20. September, Schlachthaus-Theater (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2014, 14:43 Uhr

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