Harte Kekse und weiche Türklinken

Für «Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel ist Glück einfach nur stressig.

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Xymna Engel

Da lag er vor mir: hart, trocken und bleich wie eine rohe Kalbsbratwurst. So ein Glückskeks wirft bei mir immer eine Reihe von Fragen auf: Warum muss ich bei seinem Anblick jedes Mal an Froschschenkel denken? Was sind das für Leute, die darin ihren Hochzeitsantrag überreichen? Gibt es so etwas wie eine Glückskeks-Faltmaschine? Und vor allem: Muss ich diese Backmischung aus Lecithin, Speisestärke und Sojaöl mit dem Nährwert einer Salatgurke nach dem Zerbrechen wirklich essen oder ziehe ich sonst den geballten Zorn Konfuzius’ auf mich?

Beim Studium der darin mitgelieferten Weisheiten werden die Fragen nicht weniger: Von «Folge dem Flussverlauf und du wirst das Meer finden» (Kann ich auch das Flugzeug nehmen?) über «Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern, tu es jeden Tag» (heute Coiffeur, morgen Botox-Behandlung, übermorgen Nasenkorrektur; mein lieber Laotse, das geht aber ganz schön ins Geld) bis zu «Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag» (Wenn ich an einem Tag zweimal lächle, bekomme ich dann einen Tag umsonst?).

Doch bevor ich mich meinem in Plastikfolie eingepackten Schicksal widmen konnte, musste ich an ein Interview denken, das ich vor ein paar Jahren mit einer jungen Berlinerin geführt hatte. Sie hatte gerade ein Buch herausgegeben, in dem sie den Versuch unternommen hatte, das Glück zu finden, und sich dafür allen möglichen Glücksbehandlungen unterzog, von Lachyoga bis Zumba-Tanzen. Sie war es nämlich, die mir die ganze Verlogenheit der Glückskeksindustrie vor Augen führte: Glückskekse haben mit China so wenig zu tun wie Fischsauce mit Vanillepudding. Die rührselige Geschichte der Prinzessin, die mithilfe einer solchen Keks-Botschaft zu ihrem Liebsten fliehen konnte: pure Fantasie. Angeblich war es ein geschäftstüchtiger chinesischer oder japanischer Emigrant in den USA, der die Glückskekse erfand. Und sogar der Versuch, sie in den 90er-Jahren nach China zu exportieren, scheiterte kläglich.

Aber nicht nur die Biskuits ohne Geschmack haben dazu beigetragen, dass mir das Glück in letzter Zeit ziemlich unsympathisch geworden ist. Der einzige Weg, um «Stress wirksam zu bewältigen» und «innere Ruhe, Akzeptanz und Klarheit» zu finden, scheint ja die sogenannte Achtsamkeit zu sein. Nehmen wir zum Beispiel einen ganz gewöhnlichen Montagmorgen. Wenn ich aufstehe, zwickt es zuweilen ein bisschen im Rücken. Als allzeit achtsamer Mensch müsste ich mich also ganz diesem Moment hingeben, der sich in etwa zusammensetzt aus: Ach, Scheisse, aua, nicht schon wieder, aua, aua, auaaaahh. Um ins Bad zu gelangen, würde ich dann nicht nur einfach so die Türklinke runterdrücken, sondern diese Tätigkeit mit liebevoller Zuneigung ausführen: Hand heben, oh, wie leicht das geht, Türklinke anfassen, oh, heute fühlt sie sich aber besonders geschmeidig an, Türklinke nach unten drücken, welch Wunder, sie öffnet sich! Ach ja, und das Atmen nicht vergessen. Also stehen bleiben, einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Und dann schaut man auf die Uhr, merkt, dass man schon ganz schön spät dran ist, findet die Brille und deshalb den Schlüssel nicht – was für ein Stress.

Die Berliner Autorin jedenfalls hat ihre Suche nach dem Glück kein bisschen glücklicher gemacht. Und mein Glückskeks? Darin stand: «In China ist gerade ein Sack Reis umgefallen.» Das ist doch mal eine Botschaft nach meinem Geschmack.

Der Bund

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