Reisen

Goethe, Schiller und die Zwiebel

Der Zippelmarkt von Weimar ist älter als der Berner Zibelemärit – wahrscheinlich.

Zwiebelmarkt auf dem Frauenplan mit Goethes Wohnhaus (hinten rechts) und dem grünen Weissen Schwan.

Zwiebelmarkt auf dem Frauenplan mit Goethes Wohnhaus (hinten rechts) und dem grünen Weissen Schwan. Bild: Foto: Johannes Elze

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Wer hats erfunden? Möglich, dass ein Vorläufer des Berner Zibelemärit schon im Mittelalter stattfand. Einige sehen die Anfänge des Marktes nach dem Stadtbrand von 1405, wie man Wikipedia entnehmen kann: Er sei zum Dank an die Freiburger eingerichtet worden, welche nach der Feuersbrunst Nachbarschaftshilfe geleistet hätten. Dies sei ein «kühnes Märchen», ist dagegen einer Mitteilung von Bern Tourismus zu entnehmen, geboren «vor 60 Jahren in einer Stadtberner Schulstube».

«In der Stadtchronik von Conrad Justinger, der den Brand miterlebt hat, steht nichts von einem Zwiebeldank», schreiben die Berner Touristiker weiter. Und «es wäre auch ein schlechter Dank! Woher hätten die hundert Freiburger Helfer, lauter Städter, Zwiebeln für einen Jahrmarkt hernehmen sollen? Monokulturen bestehen um diese Zeit noch nicht im Seeland. Zudem pflanzen die Bernerinnen damals selbst Gemüse hinter den Häusern. Und wenn der Ertrag nicht reicht, kaufen sie Zwiebeln am Wochenmarkt im Zibelegässli.»Der Berner Zwiebelmarkt ist also eine jüngere Tradition. Bern Tourismus dazu: «Im 18. Jahrhundert bringen Bäuerinnen ihr, oberhalb des Murtensees am Mont Vully kultiviertes, Gemüse auf die Märkte in Freiburg, Murten und Neuenburg. In der Zeit um 1850 tauchen diese ‹Marmettes› (...) am ersten Tag der uralten, vierzehntägigen Berner Martinimesse auch in Bern auf und verkaufen vor allem Zwiebeln, aber auch ‹Sunnewirbel› (Endivien), Lauch und Sellerie, ‹Artefüfi› (Schwarzwurzeln), Nüsse, Kastanien, Stein- und Kernobst. Dank der vorzüglichen Qualität der Produkte und der freundlich fröhlichen Verkäuferinnen blüht der neue Gemüsemarkt rasch auf. Schon 1860 rühmen die Zeitungen, die Messe beginne nun mit einem Zwiebelmarkt (Zibelemärit).»

Seit 360 Jahren

Da haben es die Weimarer bedeutend einfacher. Ihr Markt findet nicht nur früher im Herbst statt als jener von Bern, nämlich jeweils am zweiten Oktoberwochenende; er ist auch geschichtlich rund 200 Jahre früher, nämlich 1653, erstmals als «Viehe- und Zippelmarkt» dokumentiert, und zwar in einem Schreiben des Weimarer Stadtrates an Herzog Wilhelm III.

Deshalb hat man 2013 offiziell die 360. Ausgabe gefeiert. Das ist allerdings auch wieder nicht ganz korrekt: Mehrmals fiel der Markt wegen Kriegen aus. Geheimrat und Grossdichter Johann Wolfgang von Goethe, der das Marktgewusel von seinem Haus am Frauenplan beobachten konnte, erwähnte das Ereignis erstmals 1806, und zwar als «Zwiebelmarkt ohne Zwiebeln»: In jenem Kriegsjahr, als auch Weimar von Napoleons Truppen beschossen wurde, waren die Bauern auf die Schlacht- statt die Zwiebelfelder abkommandiert.

1917 bis 1921 machten der Erste Weltkrieg und seine Folgen dem Markt den Garaus, später auch der Zweite. Während der Herrschaft der Kommunisten im «Ersten (und letzten) Deutschen Arbeiter- und Bauernstaat» waren Zwiebeln Mangelware, wie so vieles. «Man musste früh am Morgen kommen, wenn man einen Zwiebelzopf ergattern wollte», erinnert sich die Journalistin Uta Kühne, die als Pressesprecherin von Weimar Tourismus arbeitet.

Heute bersten die zahlreichen Stände unter der Last der Zwiebeln, die noch immer vor allem von Bauern aus der Gegend von Heldrungen, rund 50 Kilometer nördlich von Weimar, geliefert werden. Wer clever ist, wartet bis Sonntag mit dem Kauf seiner Zwiebelzöpfe, die hier Räspe oder Rispe heissen: Die schönsten sind dann zwar weg; dafür purzeln gegen Marktende die Preise.

Mit offenen Flügeln

Wie in Bern ist die Zwiebel auch in Weimar Anlass für viel Volk aus Stadt und Land, schon frühmorgens ins Zentrum zu strömen. Je nach Dichte der Menschenmasse flaniert man oder drängelt sich in den mittelalterlichen Altstadtgassen, der autofreien, von Alleebäumen in prächtigen Herbstfarben gesäumten Schillerstrasse (wo auch das Wohnhaus des andern berühmten Weimarer Dichters Friedrich von Schiller steht) und auf dem Frauenplan; mit Bier, Weiss- und Glühwein versetzt man sich in Stimmung und geniesst den Altweibersommer.

Und wie in Bern gibt der Markt – der hier drei Tage dauert statt nur einen – den willkommenen Rahmen für gesellschaftliche Aktivitäten. So wie man sich in Bern heute früh zum Apéro im Schweizerhof nebst Verleihung des Bäredräck-Preises trifft, später im Rathaus zur Kür des Zibelegring und schliesslich im Bellevue-Palace zum Mobiliar-Apéro, so treffen sich am Samstagmorgen zum offiziellen Auftakt des Zippelmarktes auch die lokalen Weimarer Honoratioren im Gasthaus Zum Weissen Schwan zum sogenannten Ratsherrenfrühstück.

Goethe persönlich, der nebenan wohnte und jahrzehntelang Stammgast war, hat 1827 den Slogan kreiert, der bis heute in der Schwanen-Werbung verwendet wird: «Der weisse Schwan begrüsst dich jederzeit mit offenen Flügeln.» Folgerichtig ziert eine Statue des Dichterfürsten das Entrée des Gasthauses, in welchem seit mehr als 450 Jahren fast ununterbrochen gewirtet wird.

Cranach und der Kaiser

Einer der ersten Promis, die auf ein Bier vorbeischauten, war 1552 der Maler Lucas Cranach der Ältere. (Ein Jahr später starb er in Weimar.) Exotische Gäste kamen am 16. September 1993: das japanische Kaiserpaar Akihito und Michiko. Auch sonst geben sich schöne und wichtige Menschen die Klinke in die Hand, wie eine Fotogalerie an der Wand belegt. Die Schwanen-Küche übrigens ist gediegen, gutbürgerlich bis deftig: Von der voluminösen Schweinshaxe samt Beilagen zum Beispiel würde eine nicht allzu hungrige Kleinfamilie satt.

Der Besucher aus Bern macht aber auch wichtige Unterschiede aus. So fehlen in Weimar die lästigen Konfetti gänzlich, die in Bern, von Jugendlichen grosszügig über die Festbesucher ausgeschüttet, noch nachts, beim Ausziehen, aus den Kleidern rieseln oder sich bei nasser Witterung überall festpappen. Auch die klebrigen Schlangen aus der Spraydose glänzen durch Abwesenheit, ebenso die kindischen, quietschenden Plastikhämmerchen, mit denen Zibelemärit-Besuchern aufs Haupt geschlagen wird.

Akustische Herausforderung

Hingegen ist der Weimarer Markt akustisch eine Herausforderung: Auf sechs Freilicht-Bühnen, über die Altstadt verteilt, produzieren sich Musikgruppen unterschiedlichster Stilrichtung – von Welt- und Volksmusik, Blaskapellen und deutschem Schlager bis hin zu Jazz, Pop und Hardrock – und unterschiedlichster Qualität. Vor dem Deutschen Nationaltheater blicken Goethe und Schiller, in Bronze vereint, stoisch auf die grell erleuchtete Bühne, doch man fragt sich, wie – ob der von ihr ausgehenden, phonstarken Emission – im klassizistischen Theater überhaupt noch gespielt werden kann.

Die Urheber der ebenso abenteuerlichen wie lautstarken Show nennen sich Dexter Doom and the Love Boat Orchestra. Im Internet beschreibt sich die Band aus Basel treffend als «nicht ganz schottendichte Tanzkapelle von neun verwegenen Musikern, die weder Tod noch Teufel fürchten» und «stoisch groovend und orgasmisch solierend (...) vor den Küsten von Ska, Reggae, Folklore und Filmmusik» kreuzen. Im Hotel Dorint am Goethepark, obwohl ausserhalb des Zwiebelmarkt-Epizentrums gelegen, können sich Gäste noch spätabends von weit weg wummernden Bässen in den Schlaf wiegen – oder sich an diesem hindern lassen.

Königin Anni

Noch einen markanten Unterschied zwischen Bern und Weimar macht man aus: Nach der Wende haben die Weimarer das Amt der Zwiebelkönigin eingeführt, die dem Markt ein Gesicht geben soll. Dieses Jahr schaffte die zweifache Mutter Anika Friedrich, genannt Anni, die Wahl, was ihr umfangreiche Beiträge in der Lokalpresse eintrug. Am Zwiebelmarkt-Samstag musste sie früh aufstehen, denn er wird um sechs Uhr auf dem Platz vor dem Rathaus offiziell eröffnet.

Danach flanierte die 32-jährige Königin Arm in Arm mit Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf, einem aus Berlin importierten Sozialdemokraten, von Stand zu Stand, begleitet von Norbert Engke, dem Bürgermeister der Zwiebelgemeinde Heldrungen, und dem rundlichen Alleinunterhalter Theo Theodor. Dieser, verkleidet als «Mönch Theo» auf Stelzen, beschallte die Festgemeinde von oben herab unablässig mit Selbstgereimtem. Apropos Lokalpresse: Diese ist wie in Bern auf zwei Titel geschrumpft, die «Thüringische Landeszeitung» (TLZ), eine Überlebende aus DDR-Zeiten, und die «Thüringer Allgemeine» (TA). Und so, wie der «Bund» und die «Berner Zeitung» mit der Tamedia dieselbe Besitzerin haben, so gehören auch die beiden Thüringer Blätter zum selben Konzern, der Funke-Mediengruppe aus Essen im Ruhrgebiet. Die Gruppe gibt in Deutschland insgesamt 27 Tageszeitungen und zahllose weitere Publikationen heraus.

Hilfe aus dem Seeland

Daran, ob es ein Reporter der TLZ oder der TA war, der baumlange oder der kleine, mag ich mich nicht erinnern. Jedenfalls war Bern auch auf der Schillerstrasse in Weimar ein Thema. Und das kam so: Die Zwiebelernte 2013 war nicht gerade üppig. Vor allem fehlten rote Zwiebeln. Damit die Rispen nicht allzu monochrom aussahen, mussten also rote Zwiebeln dazugekauft werden. Woher die denn stammten, wollte ich wissen. «Natürlich aus dem Seeland», antwortete der kleine oder der baumlange Berufskollege.

Der Kanton Bern, der dem viel älteren Zwiebelmarkt in der Goethe- und Schiller-Stadt Weimar Entwicklungshilfe leistet – das ist eine schmucke Pointe, auch wenn sie sich mit Zusatzrecherchen nicht wirklich untermauern lässt. (Der Bund)

Erstellt: 25.11.2013, 10:03 Uhr

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