Fulminante Freakshow

Bern rockt: Die «Too Late Show», Berns erste Late-Night-Show in der ausverkauften Turnhalle, bot herrlich absurde Unterhaltung und erfrischenden Blödsinn.

«Is this Rock-City»? Bern beweist sich mit der «Too Late Show» als Kulturhochburg.

«Is this Rock-City»? Bern beweist sich mit der «Too Late Show» als Kulturhochburg. Bild: Rob Lewis/zvg

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Bern hat sie endlich – die Gelegenheit zur Beweihräucherung der hiesigen Kultur-Szene, einen Anlass, um sich grosszutun und zu demonstrieren: Wir sind eine Hauptstadt, eine kulturelle Hochburg, und was wir zu bieten haben, hat Welt- oder zumindest Fernsehformat. Und Bern hat offenbar reichlich Schaulustige, die das sehen wollen.

So hat die erste «Too Late Show» am Freitagabend in der ausverkauften Turnhalle mit einer fulminanten Show die Freien und Wilden Berns gefeiert.

Eine Freakshow wars, und wie zu Zeiten, als die Jahrmärkte mit ihren Menagerien durchs Land zogen, stiegen die Stars der Show einer nach dem anderen auf die Bühne und präsentierten sich dem sensationshungrigen Publikum. Doch einer stahl ihnen allen die Show und stellte sogar den routinierten Moderator Dominik Gysin, der als Talk-Master noch etwas unsicher wirkte, in den Schatten.

«Is this Rock-City?», schrie Matto Kämpf in die Menge. Er kletterte für seinen Auftritt im Höhlenbewohnerkostüm auf das Moderatorenpult und machte Berns Anspruch auf den Titel als Musikmetropole der Schweiz klar. Obwohl er seinerseits neben Gisela Feuz und Raphael Urweider nur als Sidekick fungierte, also als Unterstützer des Talkmasters Gysin, war er doch der Star des Abends. Und nicht nur wegen der Verkleidungen – Kämpf zwängt sich unter anderem in ein hautenges Eidechsen-Kostüm –, sondern auch, weil er die durchgeplante Show mit absurden Performances immer wieder aus ihrem Fundament hob und so zu ihrem ungeplanten Dreh- und Angelpunkt wurde.

Auch übernahm er die obligate Stand-up-Comedy-Eröffnung, die in anderen Late-Night-Shows dem Showmaster vorbehalten ist, gleich selbst. Bald war klar, dass man hier nicht den normalen Weg gewählt hat, sondern dem Format mit etwas Chaos den Ernst des Unterhalten- und Witzig-Sein-Müssens nehmen will.

Genau das schaffte der Berner Musiker King Pepe, indem er in der Kategorie «Probleme des Alltags» eigentlich nichts anderes tat, als eine Schranktüre einzuhängen – auf höchst amüsante Art und Weise.

Samt Werbeunterbruch

Gespannt war man im Vorfeld, ob das Konzept auch hält, was es verspricht. Und skeptisch waren alle, die dachten, dass die SRF-Sendung «Giacobbo/Müller» diese Show-Sparte für die Schweiz bereits unübertrefflich bediene. Weit gefehlt!

Till Könneker, Initiator der ersten Late Night Show Berns, wusste um die Stärke seiner Idee. Für die Erstausgabe lud der Berner Late-Night-Pionier ein Wer ist wer des Berner Kulturschaffens in seine Sendung ein. Und so bot die erste Ausgabe, was so eine Show bieten muss: den adrett gekleideten Talkmaster Gysin, die prominent besetzte Hausband, den griffigen Jingle, den Weltstar als Gast auf dem Sofa in Form von Reverend Beat-Man und die um keinen Kommentar verlegenen Sidekicks. Einzig der Auftritt von Kaspar Weiss im Inder-Kostüm war in seinem Klischeegehorsam eine nicht ganz durchdachte Persiflage auf die aktuelle Blackfacing-Debatte. Die Zuschauer haben trotzdem gelacht.

Die «Too Late Show» kam im Gewand der grossen Vorbilder daher und imitierte sie samt irrwitzigem Werbeunterbruch, in dem den Sponsoren in Form von Gedichten und Tanzeinlagen gehuldigt wurde. Noch drei weitere Ausgaben sind geplant, die allesamt mit illustren Talk-Gästen, unter anderem Adolf Ogi, aufwarten. Wir sind gespannt, zu was dieses Format und seine Gäste sonst noch fähig sind. Doch bereits jetzt ist klar: Bern rockt!

Die erste Ausgabe der «Too Late Show» wird ab Mittwoch auf www.toolateshow.ch/videos zu sehen sein. – Weitere Shows am 20. Februar (Talk-Gast: Bubi Rufener), 27. März (Adolf Ogi) und 24. April (Pablo Nouvelle) in der Turnhalle. (Der Bund)

Erstellt: 02.02.2015, 09:44 Uhr

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