Fondue, Terror und Thermalbäder

«Nicht explosionsartig, aber Schritt für Schritt»: Das Hörfestival Sonohr hat sich über die Jahre stetig weiterentwickelt.

Fehlt das teure Studio-Equipment, ist Einfallsreichtum gefragt: «Thermal» lotet die Klangwelt von Thermalbädern aus.

Fehlt das teure Studio-Equipment, ist Einfallsreichtum gefragt: «Thermal» lotet die Klangwelt von Thermalbädern aus. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Draussen trötet lautstark eine Fasnachtsgugge, drinnen widmet man sich lieber ausgeklügelteren Klängen. Im Büro des Hörfestivals Sonohr laufen die Vorbereitungen für die 6. Ausgabe auf Hochtouren. «Mittlerweile haben wir sogar eine Praktikantin eingestellt», sagt Giulia Meier lachend. Meier gehört zum Quartett, welches vor sechs Jahren das erste Berner Hörfestival ins Leben gerufen hat. Aus nicht ganz uneigennützigen Gründen. Die 34-Jährige ist selber Hörspielautorin und -regisseurin und musste nach der Fertigstellung eines Stücks realisieren, dass es schwierig war, damit ein Publikum zu erreichen. «Meine Produktion wurde einmal bei Radio Bern ausgestrahlt, damit hatte es sich dann aber auch schon», sagt Meier. Veranstaltungen für Hörproduktionen, wie es sie etwa in Deutschland gibt, fehlten in der Schweiz gänzlich, und deswegen hob Meier zusammen mit drei weiteren Höraffinen (This Bay, Lucia Vasella und Cheyenne Mackay) kurzerhand ein eigenes Festival aus der Taufe.

2011 ging die erste Ausgabe von Sonohr über die Bühne, und zwar im Tojo-Theater der Reitschule als Teil des alljährlichen Fests von Radio Bern. Mitglied des Organisationskomitees war und ist auch This Bay, langjähriger Radio-Sendungsmacher sowie Koordinator des Kinder-Filmklubs Zauberlaterne. «Die Umgebung war damals akustisch definitiv nicht ideal für ein Hörfestival», sagt Bay lachend. «Für eine Veranstaltung dieser Art braucht es einen ruhigen Ort, und das ist die Reitschule nun mal nicht und schon gar nicht, wenn Radio Bern nebenan ausgelassen feiert.» Jene erste Ausgabe sei sowieso ein Experiment gewesen, ergänzt Meier. «Wir wussten ja nicht, ob es genügend Produzenten gibt, welche Stücke einreichen würden, und ob für diese Art von Festival überhaupt ein interessiertes Publikum vorhanden ist.» Die Sorgen waren unbegründet, denn während zweier Tage schauten etwa 300 Leute vorbei, welche sich die 20 Hörproduktionen zu Gemüte führen wollten. Somit war für das Organisationskomitee klar: Sonohr soll wieder stattfinden, wenn auch an einem anderen Ort.

Unterbruch und Marathon

Im Theater am Käfigturm, wo dann die zweite Ausgabe des Hörfestivals durchgeführt wurde, kam es zur einzigen technischen Panne in der Geschichte von Sonohr: Ein Hörstück stoppte mitten in der Vorführung aus unerklärlichen Gründen. «Der Unterbruch dauerte nur ein paar Minuten, aber in der Audio-Welt ist das eine Ewigkeit, und die Autoren des Stücks sind seitdem auch nicht mehr gut auf uns zu sprechen», sagt Meier. Legendär ist auch die Vorführung eines dreistündigen Hörstückes an einem Sonntagmorgen im ehemaligen Kino Kunstmuseum (der dritten Sonohr-Spielstätte), der ausser den Jury-Mitgliedern niemand beiwohnte. «Deswegen haben wir die Dauer von Stücken nun auf eine Stunde limitiert», erklärt Bay grinsend.

Schritt für Schritt haben die Macher und Macherinnen im Verlauf der Jahre ihr Festival professionalisiert und das Angebot ausgebaut. Ein Rahmenprogramm wurde auf die Beine gestellt, in dem es zum Beispiel Vorträge von Fachpersonal zu hören gibt, Live-Hörspiele geboten werden oder aber in Zusammenarbeit mit dem MAZ Masterklassen für Audioschaffende durchgeführt werden. Das Sonohr soll eben nicht nur ein Festival sein, bei welchem das Publikum in die Welt der Klänge abtauchen kann, sondern auch ein Ort, wo die aktuelle Hörproduktion thematisiert wird. «Wir wollen einen Rahmen schaffen, in welchem sich Produzenten, Produzentinnen und Interessierte weiterbilden und vernetzen können», erklärt Bay.

Seit der ersten Ausgabe hat sich so einiges verändert: Das Organisationskomitee ist mit acht Leuten auf die doppelte Grösse angewachsen, pro Festivalausgabe werden etwa 1000 Eintritte gezählt, die Zahl der eingereichten Beiträge ist auf rund 50 gestiegen, anstatt nur eines Publikums-Preises werden nun vier Auszeichnungen vergeben, und es gibt nicht nur deutsche oder schweizerdeutsche Produktionen zu hören, sondern solche aus allen Landesteilen. Dabei stehe jede Sprachregion in ihrer eigenen Tradition, was man den Stücken auch anhöre, sagt Meier. So zeigten sich zum Beispiel die Westschweizer experimentierfreudiger und orientierten sich mehr am Live-Radio. Alle fremdsprachigen Stücke – es sind deren sechs – wurden vom Team übersetzt und werden als Skript in zweisprachiger Form an die Zuhörerschaft abgegeben. «Saumässig viel Arbeit war das», sagt Bay.

Vielfältige Formen und Inhalte

Genau gleich wie bei allen anderen Kunstdisziplinen fliesst auch bei den Hörstücken stets das Weltgeschehen mit ein, entsprechend drehen sich einige der diesjährigen Produktionen um die Kernthemen Migration, Krieg und Terror. So gibt es etwa das Radiointerview «Katharsis» zu hören, in welchem der französische Zeichner Luz, ein Überlebender des Anschlages auf die Redaktion von «Charlie Hebdo», ausführlich seine Erlebnisse reflektiert. Daneben wird aber auch viel Unterhaltsames geboten – etwa eine musikalische Hommage an das Schweizer Nationalgericht Fondue oder das elektroakustische Live-Feature «Thermal» (Bild), welches die Klangwelt von Thermalbädern auslotet.

Rund 19 Hörbeiträge laufen bei der 6. Ausgabe im Wettbewerb, wobei die Bandbreite an Formen enorm ist: Von einer partizipativen Sound-Performance über Ton-Collagen, Reportagen, Erfahrungsberichte und Porträts bis hin zu futuristischen Hörspielserien wird alles geboten. Dabei gehört es zur Ideologie von Sonohr, dass nicht nur professionell produzierte Beiträge ein Publikum finden, sondern auch einfache Arbeiten von Neulingen.

Generell erfreuen sich Hörproduktionen zurzeit wieder wachsender Beliebtheit (siehe «Bund» vom 10. Februar), was mit einfacheren Herstellungs-, Distributions- und Abrufmöglichkeiten zu tun hat. Diese Entwicklung freut natürlich auch Sonohr. Denn das Festival möchte auch in Zukunft weiterwachsen. «Nicht explosionsartig, sondern wie bis anhin Schritt für Schritt, dafür mit solider Qualität», sagt Meier. Kino Rex und KulturPunkt Progr Fr, 19., bis So, 21. Februar. Programm: www.sonohr.ch

Fehlt das teure Studio-Equipment, ist Einfallsreichtum gefragt: «Thermal» lotet die Klangwelt von Thermalbädern aus. zvg (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2016, 07:33 Uhr

Artikel zum Thema

sonOhr: wohliges Fläzen zum Kopfkino

KulturStattBern Akustische Roadmovies, Satiren, Features, (experimentelle) Dokumentationen, Klanginstallationen, Radio-Novela und gar ein Live-Hörspiel gab es am Festival sonOhr zu hören. Zum Blog

Ein Filmfestival ohne Film

Mit sprechenden 
Kaffeetassen und 
splatternden Kettensägen begeht das Hörfestival 
Sonohr seine fünfte Ausgabe. Mehr...

Schräge Rentner, grüne Untote

Ein bisschen wie zu Omas Zeiten: An der vierten Ausgabe des Hörfestival sonOhr gab es rund 30 Audioproduktionen zu hören. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Schönheit liegt in den Augen

Blog Mag Liebe und Hass

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...