Fehlende EM-Euphorie? Supergut!

Glosse

Kein Public Viewing, keine Panini-Sammler, keine Alex-Frei-Trikots: Die Fussball-EM wird grossartig.

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Philippe Zweifel@delabass

Die Euro hat noch nicht angefangen, aber bereits steht für echte Fans fest: Es ist die beste Euro seit Jahren. Warum? Weil die Schweizer Nati nicht dabei ist. Und weil die Ukraine und Polen als suboptimale Gastgeber gelten.

Es ist nämlich so: Weil unsere Nationalmannschaft sich nicht für die Endrunde qualifiziert hat, ist das öffentliche Interesse an der Euro gesunken. Konkret heisst das: kein Public Viewing, das einem aufgezwungen wird, weil jede Bar das Gefühl hat, den Hype mitmachen zu müssen. Stattdessen schaut man Fussballspiele wieder in kleiner Runde, vielleicht sogar zuhause, mit ein paar kompetenten Freunden. Und nicht mit 10'000 angetrunkenen Fremden, die eine gepflegte Live-Fachsimplerei verunmöglichen.

Ja, und warum nicht mal einen Match am Radio verfolgen? Das ist für Kenner schon lange ein willkommenes Antiprogramm zu übereuphorischen TV-Moderatoren und Heineken, Mastercard und Playstation in der Werbedauerrotation. Sollte man sich trotzdem aus dem privaten WM-Studio wagen, wirkt sich das Fehlen der Nati auch im öffentlichen Raum positiv aus. Man trifft weder auf weibliche Modefans oder andere eventgeile Zeitgenossen, die auch dazugehören wollen. Keine Kinder, die einem mit zu grossen Nati-Trikots von Alexander Frei im Weg stehen – erfreulicherweise läuft offenbar auch der Fanartikelverkauf nur langsam an. Heuer hält sich sogar die unsägliche Panini-Sammlerei in Grenzen: keine Sammler, die noch während des Penaltyschiessens im Halbfinal Deutschland - England ihre lächerlichen Abziehbilder tauschen!

Was Hype verhindert, ist willkommen

Neben der abwesenden Nati tragen auch die Austragungsorte zur fehlenden Euphorie bei. Die ukrainischen und polnischen Städte lassen keine Ferienstimmung aufkommen. Keine lustigen Paradiesvögel, die es zu porträtieren gibt, keine lärmenden Vuvuzelas. Und zum Glück auch kein pathetisches Geschwafel über ein nationales «Sommermärchen» wie 2006. Im Gegenteil. Stattdessen übt man sich, natürlich vor allem in Deutschland, in Kritik an den Gastgebern: miese Bahnverbindungen, Korruption, Kriminalität, niedrige Renten, steigende Mieten, Menschenrechte etc. Dem echten EM-Fan solls recht sein. Alles was Hype verhindert, ist willkommen.

Apropos Gastgeber. Der ehemalige britische Nationalspieler Sol Campbell befürchtet gar Fremdenhass und Gewalt während der Europameisterschaft – und rät seinen Landsleuten von einer Reise nach Polen und in die Ukraine ab. «Riskieren Sie nichts, sonst könnten Sie am Ende in einem Sarg zurückkommen.» Das ist natürlich Blödsinn. Aber Campbells Fazit («Bleiben Sie zu Hause, sehen Sie sich die Spiele im Fernsehen an») kann man sich getrost anschliessen. Am besten mit dem einzigen Fan, den man ernst nehmen kann: Sich selbst.

Und Sie - wie haben Sie es mit der Euro 2012? Kommentare unten eintragen.

DerBund.ch/Newsnet

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