«Es ist eine neue Evolutionsstufe»

Kulturpessimismus ist nicht seine Sache: Der Ökonom und Unternehmensberater Joël Luc Cachelin sieht sich als «Hofnarr» und ist überzeugt, dass die Digitalisierung der Schlüssel zum Verständnis von Gegenwart und Zukunft ist.

«Jede technologische Innovation hat nun mal Vor- und Nachteile»: Joël Luc Cachelin.

«Jede technologische Innovation hat nun mal Vor- und Nachteile»: Joël Luc Cachelin. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Ihrer Wissensfabrik sind Sie beratend tätig bei der Bewältigung der Herausforderung in der digitalen Wissensgesellschaft. Was für Kunden haben Sie?
Das reicht von der Non-Profit-Organisation über den internationalen Grosskonzern bis zur Post und zur Stadt Zürich. Diese Vielfalt ist einer der Vorzüge meiner Tätigkeit. Ich habe keine Angestellten und arbeite je nach Kundenbedürfnis mit Spezialisten zusammen.

Auf Ihrer Homepage stellen Sie in Aussicht, dass Ihre Wissensfabrik «quer zu bestehenden Lösungswegen» agiert. Das tönt selbstbewusst.
Der interdisziplinäre Aspekt ist wichtig, ich führe verschiedene Fachbereiche zusammen und arbeite in einem Netzwerk. Es ist eigentlich ein Standardspruch, er stimmt aber trotzdem: Man versucht, neuen Problemen mit alten Lösungswegen beizukommen, aber das funktioniert mit der steigenden Digitalisierung immer weniger. Ich vergleiche meine Rolle mit der des Hofnarrs, der mit einer Aussensicht ungewohnte Perspektiven einbringen und neue Fragen stellen kann.

Sie sind nicht nur Unternehmensberater, Sie schreiben auch Bücher. Ihr neues Werk «Schattenzeitalter» ist eine Gesellschaftsdiagnose mit Manifestcharakter. Der Untertitel klingt ziemlich kulturpessimistisch?
Das war eher ein Verkaufsargument, andererseits stelle ich fest, dass sich die Leute zu wenig mit der Thematik der stetigen Digitalisierung beschäftigen. Einer meiner Antriebe ist, die Menschen zu sensibilisieren und wachzurütteln.

Ist nach vielen technischen Innovationen jetzt der Mensch gefragt, seine Einstellungen anzupassen?
Der Mensch war und ist immer aufgefordert, sein Verhältnis zur Technologie zu reflektieren, insbesondere weil sich die Technologie schneller verändert als der Mensch. Wir befinden uns in einer Phase, in der die Schattenseiten des Internets besser sichtbar werden. Ich denke an die negativen Seiten des Multitasking, an die Beschleunigung und die Überwachungsthematik. Gleichzeitig hört der technologische Wandel nicht auf.

Hat Sie das Ausmass des NSA-Abhörskandals überrascht?
Sagen wir es so: Es würde mich nicht überraschen, wenn die Überwachung noch viel perfider und das Ausmass grösser wäre als bisher bekannt. Ich gehe davon aus, dass jeder meiner Clicks irgendwo gespeichert wird. Überraschender ist eher, wie passiv die Menschen auf dieses Ausmass der Überwachung reagierten, die grosse Empörung blieb aus, es gab keine Demonstrationen.

Sie die Leute zu bequem?
Sicher spielt das mit, ich nehme mich da nicht aus. Man kennt die Gefahren und ist trotzdem nicht bereit, seine Mails zu verschlüsseln oder auf alternative Suchmaschinen und Messenger zu wechseln. Viele argumentieren auch, dass sie nichts verbrochen und so nichts zu befürchten hätten. Doch diese Sicht greift zu kurz. Es ist weniger die politische Überwachung, die mir Sorgen macht, als vielmehr die ökonomische. Das Internet macht unsere Bedürfnisse und Kaufgewohnheiten transparent und zementiert damit letztlich soziale Klassen. Diese ökonomische Überwachung bzw. Diktatur wird kaum thematisiert.

Ein Beispiel?
Nehmen wir einen digitalen Anbieter für Hotels. Grundsätzlich sind das fantastische Plattformen. Aber viele Leute wissen nicht, dass jeder, der dort ein Hotel sucht, ein anderes Angebot und ein anderes Preisniveau sieht. Ein Algorithmus bestimmt aufgrund unserer Konsumgeschichte und -möglichkeiten, wo wir in die Ferien gehen und in welchen sozialen Netzwerken wir landen. Das klingt jetzt relativ harmlos, aber wenn man das für den Wohnungs- und Partnermarkt weiterdenkt, erkennt man die Gefahren.

Sie sprechen auch von den «Big 4». Von Wissenschaft, Religion, Politik und Ökonomie habe nur die Wirtschaft als unsere Wirklichkeit prägende Kraft überlegt. Für einen HSG-Absolventen, der in einer Kaderschmiede ausgebildet wurde, werfen Sie einen sehr kritischen Blick aufs ökonomische System . . .
. . . letztlich gilt der Blick dem gesellschaftlichen System. Aber wir müssen uns da nichts vormachen, unser Leben ist heute von der Ökonomie durchdrungen. Die Leute sind sich noch zu wenig bewusst, dass sie durch ihre Information und Kommunikation digital Spuren hinterlassen, selbst dann, wenn sie glauben, sich zu schützen. Wenn ich mit jemandem telefoniere oder im öffentlichen Raum fotografiert werde, dann hinterlasse ich Spuren auf den Geräten anderer, obwohl ich das nicht möchte. Je mehr wir in einer digitalen Gesellschaft leben, desto mehr werden die Spuren ökonomisch verwendet. Jeder Mensch erhält andere Google-Anfragen, er bekommt ein unterschiedliches Sortiment im digitalen Laden angezeigt und in Zukunft vielleicht unterschiedliche Preise aufs Smartphone projiziert.

Sie sprechen den manipulierten Konsumsoldaten an. Mit dem Internet als Instrument der Emanzipation wurden grosse Hoffnungen verbunden nach mehr Demokratie. Gehören Sie auch zu den Enttäuschten?
Ich habe etwas gegen beide Extrempositionen. Jede technologische Innovation hat Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass man sich dessen bewusst ist. Auch die Überwachung und die Datensammlung bringen Verbesserungen der Lebensqualität, die man sich früher nicht hätte vorstellen können. Denken Sie an die Möglichkeit, das Gesundheitssystem durch aggregierte Daten zu verbessern, oder die Möglichkeit, intelligente Abfalleimer effizienter zu leeren.

Alles, was im analogen Raum passiert beim Menschen, bekommt im Internet eine digitale Kopie, sagen Sie, und der Mensch nähere sich der Maschine an. Ein Horrorszenario?
Nein. Die Digitalisierung ist technologischer Fortschritt und damit letztlich auch Evolution. Durch die Digitalisierung verlagert sich alles im analogen auch in den digitalen Raum: vom Restaurantbesuch zum Psychotherapeuten bis zu sozialen Beziehungen und Gefühlen: Alles erhält eine digitale Kopie. Das ist wie die Zivilisierung eines neuen Kontinents. Und die Digitalisierung geht weiter. Nehmen Sie das Internet der Dinge: Jedes Objekt vom Stuhl über die Zahnbürste bis zur Kaffeemaschine wird ins Internet hochgeladen und bekommt einen Datenpool, eine Kopie.

Und der Mensch wird zum Roboter?
Maschinen werden wir mehr im Sinne von Algorithmen. Unsere Gedanken und Daten, die wir hinterlassen, könnten zu einer eigenen Lebensform werden. Ich sage das wertneutral. Wieso soll der Mensch besser oder schlechter als die Algorithmen sein, die einst auf uns folgen? Es sind unterschiedliche Lebewesen, die beide eine Existenzberechtigung haben. Der Mensch ist auch nicht besser oder schlechter als das Tier, er ist anders.

Manchmal spürt man in Ihrem Buch auch eine vorsichtige Sympathie für Gegenentwicklungen wie die Offline- und die Slow-Bewegung.
Ich versuche in einem nächsten Buch aufzuschlüsseln, was das für Kräfte sind, die sich gegen die Digitalisierung wehren. Die Frage wird sein: Werden diese verschiedenen Bewegungen zu einer Gegenkultur zusammenwachsen? Und wenn sie zusammenwachsen, welche Form wird dieser Widerstand annehmen: politische Partei, Terrorgruppe, Aussteigerbewegung? Plakativ ausgedrückt stehen wir vielleicht an einer Weggabelung: Die einen bleiben Menschen, gehen in die Berge oder in die schrumpfenden Städte, und die anderen leben im digitalen System, implantieren sich Miniroboter und leben vielleicht 200 Jahre lang.

Wie sieht Ihr Medienverhalten aus?
Ich experimentiere gerne und beobachte mich dabei auch. Soeben habe ich eine Life-Logging-Kamera bestellt, die man am Hemd anbringt und die alle dreissig Sekunden ein Bild macht. Es ist eine Art Vorläufer der Google-Brille. Mich interessiert, wie die Leute darauf reagieren? Mir geht es auch ums Spiegeln: Mein Leben, und meine beruflichen Aktivitäten sind gut dokumentiert im Internet.

Sie sehen also eher die Chancen?
Ja. Die Digitalisierung ist für mich eine Möglichkeit, um mich für andere zu öffnen oder umgekehrt Menschen besser kennen zu lernen. Ich denke, das Internet ermöglicht die Chance zu einem intensiveren Leben. Man trifft auf Menschen, Gefühle, Orte, die ohne Internet verborgen blieben. Die Vorstellung, dass ich im Sinne der erweiterten Realität in einigen Jahren mit einer Google-Brille durch eine fremde Stadt spaziere und laufend Informationen bekomme, finde ich reizvoll.

Was muss passieren, damit wir die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich meistern?
Die Nachhaltigkeit ist sicher ein ganz fundamentaler Aspekt. Alle Geräte produzieren Abfall und entziehen dem Planeten Ressourcen und Energie. Dann ist die Wahlmöglichkeit für das Individuum zentral. Es sollte wann immer möglich wählen können, wie und ob es an der Digitalisierung teilhaben will. Das setzt voraus, dass klar wird, welche Daten wo gesammelt werden. Im Sinn der Gleichberechtigung, aber auch der Erfordernisse der Arbeitswelt bin ich der Meinung, dass der Staat Internet flächendeckend und kostenlos zur Verfügung stellen muss. Es scheint mir auch wichtig, dass wir uns nicht in die Richtung einer überstrukturierten Gesellschaft bewegen, in der es keinen Platz mehr hat für zufällige Information, zufällige Bekanntschaften. Schliesslich brauchen wir Toleranz und Offenheit für digitale Diversität. Es muss künftig ebenso möglich sein, mit einer Google-Brille herumzulaufen wie ohne Smartphone oder E-Mail-Adresse zu leben.

Das Internet ist also nicht der Heilsbringer für alle?
In einem meiner Projekte stelle ich die These auf, dass das Internet eine Wiedergeburt Gottes ist. Im Sinne einer Komplexitätsanpassung erscheint Gott nun nicht mehr im Menschenkleid, sondern als Lebewesen, das komplexer als der Mensch ist. Es ist ein Gedankenspiel, bei dem die Elemente traditioneller Religionen auf das digitale Zeitalter übertragen werden. Google, Facebook und Amazon sind dann die digitalen Kirchen, Communities die neuen religiösen Gemeinschaften. Nicht zuletzt wird eine neue Perspektive auf das ewige Leben eröffnet. Und wie immer stellt sich die Frage, wer darüber entscheidet, ob ich unsterblich werde. Denn eines ist klar: Nicht alle Menschen werden ihre Gedanken hochladen können. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2014, 11:31 Uhr

Zur Person

1981 in Bern geboren, studierte Joël Luc Cachelin Betriebswirtschaft an der HSG St. Gallen. Er hat über die Zukunft des Managements doktoriert. 2008 gewann er mit dem Text «Ichsuche, Ichsucht» den 3. Preis des Bund-Essay-Wettbewerbs. 2009 gründete er Cachelin’s Wissensfabrik, einen Thinktank für Personal-, Wissens, Daten- und Bildungsmanagement. Sein Buch «Schattenzeitalter. Wie Geheimdienste, Suchmaschinen und Datensammler an der Diktatur der Zukunft arbeiten» ist im Stämpfli-Verlag erschienen und existiert auch als Browserbuch auf www.schattenzeitalter.ch

Artikel zum Thema

Die Wissensfabrik jubiliert

Leeres Herz studiert nicht gern: Anlässlich ihres 175-Jahr-Jubiläums wird die Uni Bern für einen Abend zur Festhütte. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ein Mann für alle Fälle

Blog: Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...