Ein Ingwer-Monument auf Zeit

Martin Beutler ist Künstler und ausgebildeter Architekt. Zusammen mit Esther Hirschi organisiert er die «1st Social Sculpture Days» im Forum Altenberg.

Martin Beutler will das Experiment wagen, verschiedene Positionen der sozialen Plastik parallel zu präsentieren und in offenen Ateliers dem Publikum zugänglich zu machen.

Martin Beutler will das Experiment wagen, verschiedene Positionen der sozialen Plastik parallel zu präsentieren und in offenen Ateliers dem Publikum zugänglich zu machen. Bild: zvg

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Die «Social Scultpure Days» werden als Pilot-Event in Bern angekündigt. Was ist so neu daran?
Soziale Plastik will über die Kunstwelt hinausgehen und gesellschaftliche, politische und ökologische Prozesse in Gang setzen. Jeder Mensch ist ein Künstler, hat Joseph Beuys einmal gesagt. Kunst bedeutet aber nicht bloss, ein Bild zu malen oder Stein zu hauen. Sich selber anders zu denken, die Welt infrage zu stellen und neu zu interpretieren, ist das, was uns zu Künstlern macht. Dies ist menschliche Freiheit und Verantwortung. Wir wollen diesem erweiterten Kunstbegriff in Bern erstmals eine Bühne geben.

Sie betreiben eine Firma für soziale Plastik. Was machen Sie konkret?
Mit meiner Firma bin ich an den Schnittstellen von Planung, Städtebau und gesellschaftlichen Prozessen tätig. «Brachland» heisst zum Beispiel ein Projekt: Quartierbewohner wollen eine leere Fläche als Treffpunkt nutzen. Mit ihnen zusammen entwickle ich konkrete Ideen zu Nutzungen, Gestaltung und Betrieb. Der Schlüssel zu lebendigen Quartieren liegt in der Schaffung offener Räume, die vielfältig und frei genutzt werden können. Bringt man Leute dazu, sich einzubringen, identifizieren sie sich mit den Räumen und übernehmen Verantwortung.

Eine Ihrer sozialen Plastiken heisst «Pananarchistische Verfassungsstelle». Rufen Sie die Revolution aus?
Mit meiner zum Revolutions-Büro umgebauten Vespacar besuche ich öffentliche Plätze und Feste und spreche Leute an. Eine Maxime der Aufklärung besagt, dass der Mensch frei und selbstverantwortlich ist. Deshalb schlage ich den Leuten vor, dass sie sich als einen unabhängigen Staat ausrufen und sich fragen, was für sie wichtig ist in ihrem Leben. Nach welchen Prinzipien wollen sie die paar Jahre auf der Erdkugel verbringen? Ich diskutiere mit ihnen, was in ihrer persönlichen Verfassung stehen soll. Diese Verfassung ist der Gründungsakt dieses Staates. Die Schlussversion wird auf Büttenpapier gedruckt, unterschrieben und gesiegelt. Also das ist schon eine Revolution, in höchstem Masse persönlich geartet.

Welchen Künstlern wird das Publikum an den «Social Scultpure Days» begegnen?
Wir haben aus London mit Shelley Sacks eine starke Persönlichkeit verpflichten können, die von Beuys geprägt wurde. Sie ist auch die einzige Professorin weltweit für soziale Plastik. In einem Seminar wird sie versuchen, die kreativen Fähigkeiten der Teilnehmer im Alltag zu wecken. Der Sozial-Ingenieur Joachim Eckl hat eine Überraschung in petto: Er wird mit Brot, Geld und Wasser arbeiten. Wasser versteht und benutzt Eckl als Grundelement der menschlichen Kommunikation. In einem seiner Projekte hat er mit Helfern zu Eis geformte Körper in der Nähe des Tals der Könige am Rand der ägyptischen Wüste installiert. Bei dieser Aktion ging es um die Erfahrung des Auftauchens und Vergehens von Menschengestalten.

Ingwer spielt offenbar eine wichtige Rolle bei einer der Performances.
Ja, die beiden in Bern lebenden Künstler Valerian Maly und Klara Schilliger werden mit Freiwilligen unter dem Titel «Ginger Society» ein Ingwer-Monument auf Zeit bauen. Gilles Deleuze und Félix Guattari führten den Begriff Rhizom ein, der in der Biologie nicht hierarchische Geflechte benennt, der Ingwer ist so ein rhizomatisches Gewächs. Das Rhizom wurde zur Metapher für ein vernetztes System der Wissensweitergabe, das im Gegensatz zum hierarchischen Wissensbaum steht. Schilliger und Maly arbeiten mit dieser in Vergessenheit geratene Rhizom-Metapher sehr praktisch und konkret. (Der Bund)

Erstellt: 08.11.2012, 11:12 Uhr

Martin Beutler

Der Künstler und ausgebildete Architekt Martin Beutler betreibt in Bern eine Firma für Soziale Plastik. Mit den 1st Social Sculpture Days will er zusammen mit Ko-Organisatorin Esther Hirschi vom 9.-11. November im Forum Altenberg das Experiment wagen, verschiedene Positionen der sozialen Plastik parallel zu präsentieren und in offenen Ateliers dem Publikum zugänglich zu machen. Beutler wird am Sonntag als Schlusspunkt mit dem Publikum über den Satz «Hiermit trete ich aus der Kunst aus» des Aktionskünstlers Joseph Beuys diskutieren: Detailliertes Programm unter: www.forumaltenberg.ch

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