«Die grüne Lüge lullt uns ein»

Für Buchautorin Kathrin Hartmann sind umweltbewusste Konsumenten Bio-Hedonisten. Deren Tun helfe wenig.

Zynisches Marketing: Konzerne zielen mit Bio-Produkten voll auf das Gewissen der Konsumenten. Bild: Urs Jaudas

Zynisches Marketing: Konzerne zielen mit Bio-Produkten voll auf das Gewissen der Konsumenten. Bild: Urs Jaudas

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Was meinen Sie mit «grüner Lüge»?
Die grüne Lüge hat mehrere Ebenen. Auf der einen erzählen uns Konzerne, sie würden keine Umweltzerstörung mehr betreiben. Im Gegenteil, sie seien jetzt praktisch die Retter der Welt – obwohl sie einfach so weitermachen wie bisher. Heute suggerieren Produkte gerne, dass man Umweltaktivist ist, wenn man sie kauft.

Wie sieht das konkret aus?
H & M etwa hat, begleitet von einer grossen Recyclingkampagne, alte Kleider gesammelt. Für die abgegebenen Altkleider gab es allerdings nur Rabattgutscheine – damit die Leute dort neue Kleidung kaufen. Daran sieht man: Es geht bei Greenwashing, also der PR-Methode, ein Unternehmen besonders nachhaltig und umweltfreundlich erscheinen zu lassen, immer darum, das profitable Kerngeschäft zu erhalten. So versichern Lebensmittelkonzerne wie Unilever, dass ihre Produkte nachhaltiges Palmöl enthalten. Für den Anbau des Palmöls betreiben ihre Lieferanten in Indonesien trotz Nachhaltigkeitssiegel aber Landraub. Sie holzen illegal Regenwald ab und lassen auf den riesigen Plantagen Kinder und moderne Sklaven arbeiten.

Was sind die anderen Ebenen der grünen Lüge?
Uns als Konsumenten wird erzählt, wir könnten an diesen Bedingungen etwas ändern, wenn wir im Supermarkt nur die richtige Wahl treffen würden. Die grüne Lüge verschafft einem einerseits ein gutes Gewissen, gleichzeitig macht sie den Menschen dauernd ein schlechtes Gewissen, weil sie die Verantwortung auf die einzelnen Käufer schiebt. Sie sagt: «Wenn ihr nicht das richtige Produkt kauft, seid ihr schuld.»

Was ist falsch an einem Appell an die Verantwortung des Einzelnen?
Es ist zynisch, uns die Entscheidung für oder gegen Ausbeutung und Zerstörung zu überlassen. Die wichtige Frage ist doch nicht: Was sollen wir einkaufen? Die wichtige Frage lautet: Warum dürfen Unternehmen überhaupt so produzieren? Die Politik muss die Unternehmen dazu zwingen, fair und nachhaltig zu produzieren.

«Selbst Grosskonzerne mit katastrophalem Image wie 
Coca-Cola oder Nestlé fahren ungebrochen satte Profite ein.»

Unser Konsum hat also nicht, wie behauptet wird, so viel Einfluss auf die Produktionsbedingungen?
Natürlich kann ich meinen Konsum einschränken, was viele erfreulicherweise auch tun. Aber erstens wird aus einer Ansammlung unterschiedlicher individueller Einkaufsentscheidungen kein grosses Ganzes. Es entsteht kein Markteinfluss, der dazu führt, dass Unternehmen von sich aus besser oder weniger produzieren. Selbst Grosskonzerne mit katastrophalem Image wie Coca-Cola oder Nestlé fahren ungebrochen satte Profite ein, obwohl sie ihre Arbeitsweise trotz heftiger Kritik und Skandale nicht geändert haben. Zweitens gibt es gross angelegte Konsumboykotte sehr selten.

Trotzdem gibt es Erfolge.
Das bekannteste Beispiel ist wohl der Shell-Boykott Mitte der 90er-Jahre. Damals hatte Greenpeace mit einer riesigen Kampagne dazu aufgerufen, weil der Ölkonzern sein schwimmendes Öllager Brent Spar im Atlantik versenken wollte. Die Menschen tankten nicht mehr bei Shell, der Umsatz brach drastisch ein – und tatsächlich entsorgte Shell auf den enormen öffentlichen Druck hin die Plattform an Land. Und die gute Nachricht ist: Der Protest von Greenpeace führte dazu, dass es verboten wurde, Ölplattformen im Nordatlantik zu versenken. Der Boykott an sich war aber emotional und willkürlich: Die Menschen sind nicht weniger Auto gefahren, sondern haben bloss an anderen Tankstellen getankt. So zum Beispiel bei Esso, denen Brent Spar zur Hälfte gehörte.

Das klingt alles sehr pessimistisch.
Ist es auch, weil wir hier nicht über Einzelbeispiele reden, sondern über ein System. Es gibt unzählige Untersuchungen und Enthüllungsberichte sowohl von NGOs als auch von Wissenschaftlern, die belegen, wie Unternehmen agieren. Es geht ja nicht um ein paar schwarze Schafe, sondern um eine Wirtschaftsordnung, in der diese Art des Wirtschaftens legal ist. Spätestens seit Naomi Kleins Buch «No Logo» stehen unzählige Markenkonzerne in der Kritik. Hat es je einen Konsumboykott gegeben, der zu einer fundamentalen Veränderung geführt hätte? Nein. Warum reden wir immer im Konjunktiv: «Wenn alle nur anders einkaufen würden»? Warum haben wir nicht eine andere Utopie?

Wie sieht Ihre Utopie aus?
Ein selbstbestimmtes, solidarisches Leben mit gleichen Rechten für alle. Dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu Gesundheit, sauberem Wasser und zu gutem, gesundem Essen haben. Konkret halte ich etwa Ernährungsunabhängigkeit für einen grossen Hebel für globale Gerechtigkeit: Das heisst, dass Lebensmittel demokratisch produziert werden – nach den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen, ressourcenschonend, ökologisch und sozial gerecht, ohne Ausbeutung und Naturzerstörung. Im Mittelpunkt stehen regionale Märkte – nicht der Export oder Profitinteressen.

«Das Wort ‹nachhaltig› bedeutet eigentlich nichts, es ist kein geschützter Begriff wie etwa ‹bio›.» 

In Ihrem Buch greifen Sie auch die Nachhaltigkeitssiegel an. Warum?
Das Wort «nachhaltig» bedeutet eigentlich nichts, es ist kein geschützter Begriff wie etwa «bio». Das staatlich geschützte Biosiegel hat strenge Standards für den Anbau, es wird kontrolliert, und Verstösse werden geahndet. Nachhaltigkeitssiegel von Unternehmen sind freiwillige Versprechen, es irgendwie besser zu machen. Weil das aber so schwammig ist, kann im Prinzip jede Firma selbst entscheiden, was sie darunter versteht und was sie den Menschen unter dieser Bezeichnung verkauft. Aber immer so, dass es dem Kerngeschäft nicht schadet.

Es gibt aber doch für derartige Produkte inzwischen einen Markt. Die Menschen sind bereit, mehr dafür zu bezahlen.
Biokunden geben mehr Geld aus, richtig. Allerdings auch deshalb, weil sich der Biomarkt dem Mainstream anpasst und suggeriert: Alles ist zu jeder Zeit zu haben. Deshalb findet man Fertigprodukte mit Palmöl, Shrimps aus Bangladesh, südspanische Erdbeeren und Tomaten im Winter auch im Biosupermarkt. Das finde ich trotz bio fragwürdig. Aber Bio ist immer noch eine kleine Nische. Grosskonzerne nutzen ja unverbindliche Nachhaltigkeitssiegel gerade deshalb, weil sie ihre Produkte so ohne Preisaufschlag verkaufen können. Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn diese Firmen wirklich Profit machen würden, wenn sie Dinge ökologisch und sozial gerecht herstellen, warum sollten sie denn etwas anderes tun? Dann könnte man sich diesen Siegelzirkus sparen.

Ihr Buch hat eine polemische Note. Sie bezeichnen die gut gebildeten, umweltbewussten Konsumenten als «grüne Hedonisten». Glauben Sie, dass dies die richtige Art ist, um Menschen auf Ihre Seite zu ziehen?
Natürlich: Ich bin wütend. Dieses ganze harmonische Gerede, dass man die Menschen «positiv abholen» müsse, halte ich für kontraproduktiv – wir sind doch nicht im Kindergarten, sondern mündige Erwachsene. Dieser Antiaufklärung möchte ich mit meinem Buch etwas entgegensetzen. Und ja, mich ärgert, wenn sich Menschen, die es besser wissen könnten, von der grünen Lüge einlullen lassen. Glauben wir im Ernst, dass Nespresso, das jedes Jahr einen 8000 Tonnen schweren Alukapsel-Müllberg verursacht und den Kaffee für 80 Euro pro Kilo verkauft, auch nur irgendwie öko sein kann? Bloss weil George Clooney armen Kaffeebauern in Costa Rica nett auf die Schulter klopft?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 09:38 Uhr

Kathrin Hartmann

Die 1972 in Ulm geborene Autorin nahm für ihr Buch «Die grüne Lüge» Unternehmen unter die Lupe, die vor­geben, nachhaltige Produkte auf den Markt zu bringen.

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