Die drei Leben des Jared Leto

Filmstar, Rockstar und Mode-Guru: Im Interview spricht er über seinen Geschäftssinn, seinen Guinnessbuch-Rekord und seine Vorliebe für Müsli am Abend.

Ist ein Multitalent, fühlt sich als Versager: Jared Leto 2014 bei einem Pressetermin für seinen Dokumentarfilm «Artifact».

Ist ein Multitalent, fühlt sich als Versager: Jared Leto 2014 bei einem Pressetermin für seinen Dokumentarfilm «Artifact». Bild: Jordan Strauss/AP Invision/Keystone

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Jared Leto ist für alle da. Der Amerikaner ist eine Art multidisziplinärer Showgeschäftsmann. Als Schauspieler etwa bekam er viel Lob (und einen Oscar) für seine Rolle in «Dallas Buyers Club», in dem er einen Transsexuellen mehr verkörperte als darstellte; Superhelden-Fans kennen ihn als Joker in «Suicide Squad»; ältere Zuschauer kennen ihn entweder von der letztjährigen Fortsetzung des Klassikers «Blade Runner» oder von ganz früher, von der 90er-Jahre-Serie «Willkommen im Leben», die ihn zum Sexsymbol machte. Das ist er heute mit 46 Jahren immer noch, er gibt ein beliebtes Oben-ohne-Model ab, und auf Konzerten tritt er sehr, sehr exaltiert auf. Musik macht er ja auch noch.

Leto ist Sänger und Songwriter der dramatischen Rockband Thirty Seconds to Mars. Millionen verkaufte Alben, volle Arenen, die Fans haben sich sogar – ein Alarmzeichen für obsessive Guru-Verehrung – einen eigenen Namen gegeben, sie nennen sich Echelons. Leto nimmt das alles bemerkenswert ernst, oder wie der «Guardian» mal schrieb: Würde Derek Zoolander Musik machen, klänge er genau so.

Ein kalter Märztag im Berlin, gerade hat die Band im Soho House etlichen sozialen Netzwerkern Fragen zur aktuellen Tour und zur am 6. April erscheinenden CD beantwortet. Das hat der ausgesprochen höfliche Star noch geschafft, aber jetzt ist er doch kaputt (so eine Chance, Influencer und Influenza tatsächlich mal in einem Atemzug zu nennen, ist rar). Ein guter Anlass, über Gesundheit zu sprechen und mit deren Ende zu beginnen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nicht so sehr. Warum fragen Sie?

Sie wirken so getrieben.
Ich habe mehr Angst vor dem Altern. Mir wird das beim Klettern bewusst. Ein Zwanzigjähriger kann am Berg Dinge machen, zu denen ein Siebzigjähriger nicht mehr imstande ist. Das erinnert mich daran, Sachen zu machen, die ich liebe.

Wie versuchen Sie, sich jung zu halten?
Ich lebe ein einfaches, gesundes Leben.

Wie sieht ein einfaches Leben in Hollywood aus?
Ruhig. Einmal im Jahr gehe ich auf eine Party, bei den Oscars. Da sehe ich alle auf einmal, und den Rest des Jahres muss ich nicht mehr ausgehen. Das mag Sie überraschen, aber wenn ich daheim in Los Angeles bin, verlasse ich nur selten das Haus und esse fünf Abende die Woche Müsli.

Sie sind 46. Kein so gutes Alter für Kletterer, aber ein gutes für Schauspieler.
Allerdings. Man bekommt bessere Rollen angeboten, man hat mehr Leben im Gesicht, in den Augen.

Sagen Sie das mal Ihren Kolleginnen, die in dem Alter keine Jobs mehr kriegen.
Das stimmt, das ist schrecklich. Ageism grassiert gerade überall, nicht nur in Hollywood, sondern auf der ganzen Welt.

«Ich bin die am wenigsten perfekte Person, die ich kenne.»

Dass Schauspieler auch Sänger sind, gibt es oft. So konsequent wie Sie aber ist niemand. Was wird sich länger halten: Ihre Filme oder Ihre Musik?
Ich denke, dass ich mit der Musik mehr Menschen berühre als mit den Filmen. Als Schauspieler dreht man zehn Filme, und erst der elfte ist grossartig. Man hat es nicht immer in der Hand. Aber als Songwriter ist man Regisseur, Kameramann, Schauspieler in einem. Ich mag diese Verantwortung.

Lesen Sie eigentlich Kritiken?
Nein, grundsätzlich nicht.

Was sollte mal auf Ihrem Grabstein stehen: Schauspieler, Sänger, Geschäftsmann?
Träumer. Klingt etwas albern, aber es ist wahr. Oder: Versager.

Sie kokettieren.
Nein, ich bin da nur offen. Ich bin die am wenigsten perfekte Person, die ich kenne.

Sie sind die erfolgreichste Person, die ich kenne.
Aber nur, weil ich durch mein Versagen so viel gelernt habe. Angst und Misserfolge sind grosse Motivatoren, sie lassen uns schneller laufen und härter arbeiten.

Mögen Sie mir ein Beispiel für Ihr Versagen nennen?
Ich habe in fünf Jahren eintausend Lieder für dieses Album geschrieben, und nur zwölf sind übrig geblieben. Und auch jetzt, in diesem Moment, versage ich.

Was meinen Sie?
Ich bin krank.

Was haben Sie?
Ich habe die ganze Nacht geschwitzt, und alles tut mir weh.

Das ist die Grippe, kein Versagen.
Irgendwie doch. Ich kann nicht proben, ich enttäusche die Menschen.

«Es ist populär zu sagen, man bereue gar nichts. Aber ich glaube, dass ich manches hätte besser machen können.»

Aber es ist nicht Ihre Schuld.
Darüber kann man streiten. Es gibt immer zwei Herausforderungen auf Tour: den Jetlag und das Krankwerden. Ich habe mich einfach zu sehr gepusht, habe mir keine Pause gegönnt. Ich arbeite zu viel. Ich müsste mehr Balance in mein Leben kriegen.

Sie sollten sich eine Familie zulegen.
Das sagt mir Elon Musk auch immer.

Sie sind nicht nur privat eng mit dem Tesla-Gründer, Sie machen auch gute Geschäfte in der Tech-Branche, haben früh in Spotify, Uber und Snapchat investiert. Wie passt das zu Ihrem Aufwachsen unter Hippies?
Ich hatte eine turbulente Kindheit und wollte immer etwas Spezielles machen, ich war immer kreativ, aber auch geschäftstüchtig und ehrgeizig.

Wie vertragen sich künstlerisches und ökonomisches Denken?
Sie ergänzen sich. Man kann mit kreativem Denken logische Probleme lösen, und man kann Logik benutzen, um einen Song fertigzustellen. In der Musik gibt es keine richtigen Lösungen, aber es gibt immer eine, die sich richtig anfühlt.

Ihr Fleiss ist offiziell anerkannt, Ihre Band Thirty Seconds to Mars wurde 2011 ins «Guinnessbuch der Rekorde» eingetragen, weil sich die Tour zu einem Ihrer Alben über 300 Konzerte streckte.
Ich habe mich auf die Musik konzentriert und sechs Jahre keinen Film gedreht.

30 Seconds to Mars werden 2011 beim 300. Konzert ihrer «This Is War»-Tour mit dem Eintrag ins «Guinnessbuch der Rekorde» geehrt. Video: Youtube/Guinness World Records

2012 sind Sie zum Film zurückgekehrt und haben «Dallas Buyers Club» gedreht. Während dieses Drehs sind Sie auch abseits der Kamera nie aus der Rolle gefallen. Zur Vorbereitung auf den Film «Requiem for a Dream» haben Sie wochenlang mit Drogensüchtigen auf der Strasse gelebt. Sie sind berüchtigt für dieses Method Acting. Gehört Leiden zum Beruf des Künstlers?
Absolut nicht. Wir alle leiden, das ist die erste Lektion des Buddhismus: Leben heisst leiden. Da draussen auf der Strasse haben die Menschen genauso Probleme wie wir hier drinnen.

Sehr wahrscheinlich noch grössere.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mehr leide als andere, ich habe sehr viel Glück. Ich bin dankbar, ich bemitleide mich nicht. Doch manche Menschen geniessen Ruhm und Erfolg, leiden aber vielleicht unter grossen Ängsten und Depressionen, unter echten Schmerzen.

Was in Ihrem Leben bereuen Sie?
Es ist populär zu sagen, man bereue gar nichts. Aber ich glaube, dass ich manches hätte besser machen können. Ich hätte zuweilen geduldiger, sanfter sein können.

Das klingt alles sehr spirituell.
Ich meditiere zwar, aber ich bin eigentlich nicht sehr spirituell. Das mag sich dumm anhören, aber das Ziel meiner Arbeit ist eher physische Manifestation.

Das machen Sie radikal. Für Ihre Rolle in «Chapter 27 – Die Ermordung des John Lennon» haben Sie mal 36 Kilo zugenommen und Gicht davon bekommen.
Das würde ich nicht mehr machen. Es ist absurd, wenn man drüber nachdenkt. Lächerlich und ungesund. Man kann sich richtig schaden. So was verändert den Körper für immer. Ich rate es wirklich keinem. Macht es bitte nicht.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 26.03.2018, 15:57 Uhr

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Jared Leto als Joker in «Suicide Squad» (2016)

Video: Youtube/Warner Bros. Pictures

Sein neuester Film: «The Outsider»

Video: Youtube/Netflix

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