Die Welt in Kinderhänden

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel mag Kinder. Aber an die Macht lassen sollte man sie vielleicht doch lieber nicht.

hero image
Xymna Engel

Krabbeln auch Sie demnächst? «Noch nicht, aber bald», antworteten auf diese Frage unlängst 23% der Teilnehmer einer «20 Minuten»-Umfrage. Warum bloss? Glauben diese 23% vielleicht, dass sich der Mensch durch seine widernatürliche Schreibtischhaltung bald zu einem Krawatte tragenden Käfer mit verkümmerten Gliedmassen und Riesenkopf hin entwickelt? Nein, ganz im Gegenteil: Krabbeln wie ein Baby gilt als der «grosse Fitnesstrend 2017». Denn das «natürlichste Trainingskonzept aller Zeiten» soll durch den ständigen Links-rechts-Wechsel angeblich nicht nur das Gehirn stimulieren, sondern auch Ausgeglichenheit, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung fördern.

In den USA und in China boomt das Konzept bereits, und auch in Europa sieht es so aus, als wäre die Diskussion über fehlende Männer im Krabbelkurs bald vom Tisch. Es läge mir natürlich fern, gegen dieses Konzept zu schnöden. Dreidimensionale Bewegungsabläufe wie das sogenannte simple Krabbeln (siehe Baby), das Seitwärtskrabbeln (siehe Langbeinkrabbe) oder das fliegende Krabbeln (siehe Faultier auf Speed) sind für unsere Muskeln sicher eine gesunde Abwechslung. Und in meinem Fall wäre der Blamierfaktor immerhin noch um einiges tiefer als bei anderen neumodischen Sportarten wie zum Beispiel dem Pole-Dance-Fitness (siehe Langbeinkrabbe beim Balztanz).

Und trotzdem. Erwachsene, die bei einer heissen Tasse Chai in ihren Malbüchern stundenlang Eulen, Bäume und Feen kolorieren; Erwachsene, die Origami-Frösche basteln und laut Quak rufen, wenn sie fertig sind; Erwachsene, die sich in flauschigen Tierkostümen zum Blind-Date treffen: Die Infantilisierung unserer Gesellschaft scheint so unabwendbar wie die Tränen eines Kleinkinds beim Schnullerentzug. Ich kann das verstehen, es ist ja auch wirklich verführerisch. Anstatt mit scheininteressiertem Blick einer komplizierten Diskussion zu lauschen, könnte man dem Sitznachbarn ins Gesicht sagen, dass seine Ausdünstungen nach Wurstsalat riechen.

Als Gegenargument für jegliche Kritik würde ein simples «Nein, du bist blöd» reichen. Beim Abendessen könnte man Gäste, deren Garderobe einem nicht gefällt, einfach nicht rein lassen. Wenn die Steuerrechnung kommt, könnte man sich auf den Boden legen und so lange heulen, bis sich der Fiskus auf einen Deal einlässt. Und man müsste sich nicht mehr die Zähne putzen, sondern es würde reichen, einfach nur die Zahnbürste nass zu machen.

Zugegeben, die Partnersuche könnte sich in diesem Fall etwas schwieriger gestalten. Aber solch ein Leben würde doch mit Sicherheit mehr Spass machen als eines voller Verantwortung, Ernsthaftigkeit und Selbstreflexion.

Kennen Sie das Lied «Kinder an die Macht» von Herbert Grönemeyer? Die Hauptaussage ist diese: «Gebt den Kindern das Kommando / sie berechnen nicht / was sie tun / Die Welt gehört in Kinderhände / dem Trübsinn ein Ende». Ich mochte den Song bis jetzt immer sehr. Doch in letzter Zeit bin ich mir da nicht mehr so sicher. Denn irgendwie erinnert mich dieses Verhalten auch stark an einen Präsidenten mit uringelbem Haupthaar.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt