Die Wahrheit über Fidel

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury erlebte einen denkwürdigen Besuch in der kubanischen Botschaft.

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Am Tag nach Fidel Castros Tod bin ich in der Länggasse unterwegs und komme an der kubanischen Botschaft vorbei. Es ist totenstill, kein Mensch ist zu sehen. Die Fahne steht auf halbmast, am Gartentor sind einige fotokopierte Bilder des Maximo Lider aufgeklebt, dazu zwei, drei Briefe von Schweizern, die Abschied vom Comandante nehmen. Alles wirkt improvisiert.

Ich sinniere über den vergänglichen Glanz des Ruhms und darüber, dass Che Guevara es schon besser gemacht hat, als er sich als noch einigermassen junger Mann in Bolivien für die Weltrevolution erschiessen liess. Gerade will ich nachdenklich meines Weges gehen, als eine junge Botschaftsangestellte aus dem Haus stürzt und mich, nicht übertrieben, nahezu im Laufschritt auf dem Trottoir verfolgt. In gebrochenem Englisch zeigt sie auf die Briefe und Fotos und lädt mich ein, ins Haus zu kommen.

«Condolerse?», sagt sie fast flehend. Zögernd folge ich ihr, beim Gartentor zeigt sie auf Fidels Konterfei und fragt erwartungsvoll «You know?». Ich bin nahe daran, zu sagen: «Natürlich, das ist doch Santa Claus.» Sie lockt mich zur Treppe, hinter der Tür muss sich, so stelle ich mir vor, auf einem mit riesigen Havanna-Zigarren geschmückten Tisch ein ebenso riesiges Kondolenzbuch befinden. Jetzt macht sie mit der Hand eine schreibende Geste und will mir den Vortritt lassen.

Was soll ich nur schreiben? Fidel, warum nur hast Du in den letzten Jahren Deines Lebens den Kampfanzug an den Nagel gehängt und nur noch Adidas-Trainer getragen, teils sogar kombiniert mit Birkenstock-Sandalen? Wir wissen mittlerweile immerhin, dass es zwischen dem Revolutionär im Casual-Look und dem Sportartikelhersteller keine entsprechenden Abmachungen gab. Das deutsche Unternehmen hatte die kubanische Olympia-Mannschaft während mehrerer Jahrzehnte ausgerüstet. Man gehe davon aus, sagte vor einiger Zeit eine Adidas-Sprecherin, dass sich Fidel aus dem Fundus an Trainingsanzügen bedient habe. Wurdest Du, Fidel, in einer Militäruniform oder im Sportanzug eingeäschert? Aber auch eine solche Frage passt nicht in ein Kondolenzbuch.

Noch etwas treibt mich um, während ich weiter unschlüssig vor der kubanischen Botschaft stehe. Fidel, das Universalgenie, war offenbar über Jahrzehnte der eifrige Lektor von Nobelpreisträger Gabriel García Márquez. Der enge Freund Castros soll dem Comandante jedes Manuskript zur Prüfung vorgelegt haben, ehe er es seinem Verleger schickte. Der beruflich sicher nicht unterbeschäftigte Castro schickte Márquez detaillierte Kommentare mit grammatikalischen Verbesserungen und Hinweisen auf faktische Fehler. Im «Bericht eines Schiffbrüchigen» wies er darauf hin, dass die angegebene Höchstgeschwindigkeit eines Bootes nicht stimmen konnte. Und als kampferprobter Revolutionär konnte er in der «Chronik eines angekündigten Todes» seinen Freund vor der Peinlichkeit bewahren, ein bestimmtes Gewehr mit den falschen Kugeln zu laden.

Die Frau wird langsam ungeduldig vor der Botschaft. «Vamos, señor!» Was ich schliesslich ins Kondolenzbuch geschrieben habe? «Hasta la victoria siempre, comandante!» Nein, natürlich nicht. Plötzlich bekam ich kalte Füsse, die Frau erschien mir wie eine Hexe, das Botschaftsgebäude ähnelte einem Knusperhäuschen. Ich tippte auf die Armbanduhr, machte eine entschuldigende Miene und verliess hastig das kubanische Territorium. Mein Beileid, Fidel!

Der Bund

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