Die NZZ weigerte sich einst, die WoZ zu drucken

Seit heute erscheint die linke «Wochenzeitung» (WoZ) in einem neuen Gewand. Das Blatt schaut frischer und seriöser aus, wird noch immer von einem Kollektiv mit Einheitslohn geführt – und von der NZZ gedruckt.

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Die Zeiten sind vorbei, als die WoZ ein düsteres Kampfblatt war. Als habe Tageslicht erstmals die Redaktionsräume durchflutet mutet das neue Blatt an. Auf dem Titelblatt ist die isländische Hauptstadt Reykjavík abgebildet, der Himmel tiefblau, es könnte sich um ein Postkartenmotiv handeln. Zweifellos, die Zeitung ist schön geworden, mit grossen Bildern, viel Weissraum und einer angenehmen Typografie. Doch darf ein kämpferisches Blatt Postkartenidylle verbreiten, ein ästhetisches Wohlgefühl auslösen? Die WoZ-Macher meinen offensichtlich ja. Und wenn dadurch die Kampfeslust und die Freude an der intelligenten Provokation nicht verloren geht, spricht auch nichts dagegen.

Eine Brise rechter Verschwörung

Die erste Ausgabe macht mit dem Titel «Wie Island geplündert wurde» auf, einer mehrseitigen Analyse zur Finanzkrise auf dem Inselstaat. Einige einfache Isländer werden porträtiert, die zum Teil viel Geld verloren haben. Die Journalistin war vor Ort, die Analyse ist aufwändig produziert und gut geschrieben – wenn auch nach linker Manier verdrängt wird, dass dieselben Menschen, die sich über die bösen Banken beklagen, während des Booms gerne von deren Geldsegen profitiert haben. Der Inland-Teil befasst sich mit dem neuen Chefredaktor der «Basler Zeitung», der Autor spricht mit allen beteiligten Akteuren – oder versucht es zumindest – und spekuliert, dass die rechte Revolution im Journalismus über die «Mittellandzeitung» und die NZZ weiter um sich greifen könnte. Ein spannender Text, gut recherchiert, mit einer Brise rechter Verschwörung darin – genau das wünscht man sich von der WoZ.

Dasselbe gilt für den Hintergrundbericht über Transocean, jenem milliardenschweren Ölbohrkonzern, der vor wenigen Jahren seinen Hauptsitz in den Kanton Zug verlegte und durch die Katastrophe im Golf von Mexiko bekannt wurde. Zwar bohrt die WoZ nicht allzutief, der Bericht über «zweifelhaften Geschäfte» des Konzerns stützt sich vor allem auf andere Presseberichte, doch das Thema ist richtig gewählt. Die Machenschaften der vielen internationalen Konzerne, die in den letzten Jahren ihren Sitz in die Schweiz verlegt haben, könnte zu einem Schwerpunkt der WoZ werden, mit dem auch Leser weit über die linke Klientel angesprochen werden.

Die WoZ und die NZZ

Nicht fehlen dürfen klassische, eher trockene WoZ-Themen wie die Stadtentwicklung im Zürcher Hardturmquartier, liberianische Kautschukbäume oder das Nagelhaus in Zürich. Viel solider, gut gemachter Journalismus also, mit einigen Perlen (zum Beispiel der Kommentar «Mehr Männer in den Bundesrat!») – das Überraschende, das Freche ist allerdings Mangelware. Die WoZ ist zwar schön und seriös geworden, aber auch etwas bieder, zumindest in der ersten Ausgabe. Ecken und Kanten sind vor allem im neuen Logo zu erkennen, das nicht so recht zur wohlgestalteten Zeitung passen möchte.

Dass die WoZ vermehrt auch auf das Äussere achtet und dafür auch Kompromisse eingeht, zeigte sich bereits 2003. Damals beschloss das WoZ-Kollektiv nach heftigen Diskussionen, den Druckauftrag ihrem langjährigen Partner, der Genossenschaftsdruckerei Ropress wegen mangelnder Qualität zu entziehen. Selbst die NZZ-Druckerei kam in der Folge für den Druck infrage, die NZZ weigerte sich allerdings aus ideologischen Gründen, das linke Blatt zu drucken. Die wirtschaftliche Situation liess das Unternehmen von ihren Prinzipien abrücken, 2007 nahm sie den Auftrag an, seither druckt die NZZ die WoZ.

Bei anderen alten Zöpfen bleibt die WoZ allerdings standhaft, so wird noch immer die weibliche Form konsequent mit dem grosse I gepflegt. Die MitarbeiterInnen, JungsozialistInnen und SchiedsrichterInnen waren nie umstritten, wie die Redaktionsleiterin Susan Boos bestätigt. Für die meisten Diskussionen im WoZ-Kollektiv habe die neue Bund-Struktur gesorgt, die vier Bünde wurden auf zwei reduziert. Gut sind diese Diskussionen vorbei, jetzt kann sich die WoZ wieder auf ihre Kernkompetenz konzentrieren: Ein Blatt zu machen, das höchstens in den Bildern Postkartenidylle verbreitet. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2010, 12:41 Uhr

Das WoZ-Kollektiv

Das neue Layout der WoZ hat keinen Einfluss auf die Organisation. Noch immer gilt der Einheitslohn für alle Mitarbeiter, zurzeit brutto 4200 Franken, noch immer werden alle Entscheidungen im Kollektiv getroffen. Seit 2005 hat die Zeitung mit Susan Boos zwar eine Redaktionsleiterin, sie ist aber vor allem für die Organisation der Prozesse verantwortlich, Entscheidungsbefugnisse hat sie nur wenige.

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