Das letzte Glimmen (Warnhinweis: Es schadet Ihrer Gesundheit)

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs mag das Kino - noch.

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Regula Fuchs

Früher war mehr Lametta, hat Loriot gesagt. Und früher war auch eindeutig mehr Rauch. Dieses leise Knistern, das scheue Aufleuchten der Glut, das erlöste Ausatmen des weissen Dunsts: Das ist selten geworden auf der grossen Leinwand. Gerade Hollywood­filme sind seit einigen Jahren eine weit­gehend rauchfreie Zone.

Nun hat eine amerikanische Anti-­Tabak-Organisation auch den Streamingdienst Netflix dafür kritisiert, dass in seinen Serien zu viel geraucht werde – woraufhin die Verantwortlichen versprachen, den Zigaretten­konsum vor allem in jenen Serien, die für Jugendliche frei­gegeben sind, drastisch zu senken. ­Helden, die sich einen Nikotin­kaugummi auspacken? Vielleicht sieht so die Zukunft des Rauchens auf der Leinwand aus.

In Indien, so steht es im letzten ­«Smoke-free Movies»-Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, geht man derweil andere Wege. Hier wollte man zuerst jeglichen Gebrauch von Tabak in einheimischen Filmen verbieten. Da dies die künstlerische Freiheit jedoch zu stark eingeschränkt hätte, haben Filmproduzenten vor Gericht einen Kompromiss erstritten. Dieser sieht vor, dass bei Filmen, in denen geraucht wird, am Anfang und in der Mitte Anti-Raucher-Werbespots (mindestens 30 Sekunden lang) eingefügt werden müssen. Ausserdem wird in jeder Einstellung, in der mit Raucherwaren hantiert wird, eine Gesundheitswarnung eingeblendet. Man muss sich das so vorstellen: Während James Dean an seiner Zigarette zieht und gedankenverloren ins Weite blickt, erscheint am unteren Bildrand die Schrift «Rauchen verursacht Krebs».

Hat denn noch niemand, liebe Freunde von der WHO, daran gedacht, dass Rauchen im Film eigentlich die sozialverträglichste Art von Zigaretten­konsum ist? Es stinkt nicht, es hinterlässt keine Stummel, und Probleme mit Passivrauchen gibts auch keine. Hoch die Aschenbecher!

Aber ernsthaft: Zigaretten verschwinden sowieso mehr und mehr aus dem Alltag, und das dürfte auch Aus­wirkungen auf die Filme haben. Rauchen wird von den künftigen Generationen womöglich als historische Praxis erkannt werden wie das Duellieren in Kostümfilmen. Wozu also dieser Präventionsfuror im Kino? Und was kommt da noch auf uns zu? Film­personal, das auf den Index kommt wegen Fettleibigkeit?

Überhaupt, muss das Kino gesundheitsbewusster oder moralischer sein als seine Kundschaft? Wenn ja, dann kommt mit dem Klimawandel etwas Grosses auch auf die Film­produktion zu. Helden und Sympathieträger werden sich fortan mit elektrischem Antrieb oder zu Fuss bewegen. Ganze Teams von Drehbuchautoren dürften sich die Köpfe darüber zerbrechen, wie James Bond umweltschonend von Kontinent zu Kontinent kommt (während seine Gegenspieler mit ihren Helikoptern und Jets Mega­tonnen von CO2 in die Atmosphäre pusten und dabei diabolisch lächeln). Oder man stelle sich die klimaneutrale Version von «Catch Me If You Can» vor: Leonardo Di Caprio, der vorgibt, Erdgas-Bus-Chauffeur zu sein, und damit alle bezirzt?

Vielleicht sagt es irgendwer dereinst so: Früher war mehr Kino.

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