Das Wundertüten-Kollektiv

Das Berner Künstler-Kollektiv Spiegelkiste strotzt vor kreativem Schaffensdrang und vereint musikalische Projekte unterschiedlichster Natur. Ein Besuch bei den drei Masterminds-Gründern im House-Haus.

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Basslastige Klänge schallen durchs Treppenhaus. «Nume ufe», brüllt es aus dem dritten Stock in einem Haus in der Lorraine, dem Hauptquartier von Montalbana Project und La Onda und Achtung Kinder! und Kommando Trash und, und, und. Die Herren Flat Frederik, Jelipe Jalapone und Santiago Montalbano, aus deren Wohnung die House-Klänge schallen, sind in dermassen viele Projekte verwickelt, dass sie beim Aufzählen selber ins Sinnieren geraten. Alle Projekte sind unter dem Dach der Spiegelkiste vereint, einem unabhängigen Künstler-Kollektiv, bei dem zeitweise bis zu 13 Leute aktiv beteiligt sind. Wichtig ist dabei den drei Gründern die Offenheit des Kollektivs, alles soll möglich sein, alles soll sich entwickeln können: House, Techno, Cumbia, Trash oder auch Chansons. Momentan sind ungefähr sieben Projekte am Laufen. Wo soll man beginnen? Vielleicht einfach bei den drei Bewohnern des House-Hauses selber.

Die Spiegelkisten-Generatoren

Sie sind ein eingespieltes Team, die Herren Flat Frederik, Jelipe Jalapone und Santiago Montalbano, die ihre richtigen Namen lieber nicht an die Öffentlichkeit tragen möchten. Witze und Anspielungen verraten die langjährige Freundschaft, es wird viel gelacht, lebhaft diskutiert, manchmal sprechen zwei oder alle drei gleichzeitig. «We like to surprise and confuse ourselves», ist eines der Spiegelkisten-Credos, und Verwirrung stiften tun sie fürwahr gerne. Man habe sich 1977 kennen gelernt, und zwar in Berlin, wo ja bekanntlich wegen David Hasselhoffs Gesang die Mauer eingestürzt sei. Aha. Plausibler klingt da schon die Version, dass man sich vor rund 10 Jahren an der Uni über den Weg gelaufen sei, und zwar in einem Religionswissenschafts-Seminar. Fakt ist, dass die drei Anfangsdreissiger relativ bald nach dem ersten Aufeinandertreffen mit musikalischen Experimenten begannen und dabei die gleiche kreative Fantasie an den Tag legten wie bei der eigenen Bandbiografie.

Trash-Dada und Hippie-Spirit

Das allererste Projekt, Kommando Trash, sei aus einer Blödelei entstanden, und wie es der Name bereits vorwegnimmt, wird hier ordentlich dem Trash gefrönt. Elektronische Beats werden mit Synthesizer-Klängen angereichert, die nach 80er-Jahre klingen, und mit repetitiver Nonsense-Lyrik ergänzt. Fehler werden absichtlich nicht ausgemerzt, sondern weiterverarbeitet. «Diese Absage an Perfektion hat etwas ungemein Befreiendes», so Flat Frederik. Die dadaistisch anmutenden Wortfetzen stammen allesamt von Verpackungen, Fernsehwerbungen oder allgemeinen Hinweisen und Warnungen. Man verwerte halt einfach den Abfall der multimedialen Konsumgesellschaft. Obschon oder vielleicht gerade weil Kommando Trash eher in der parodistischen Ecke zu verorten ist, geht es bei Live-Auftritten äusserst wild und unberechenbar zu und her. Dies bezeugen Narben an diversen Körperstellen.

Vor sieben Jahren sind die drei Spiegelkisten-Macher zum ersten Mal auf den DJ und Produzenten Tommy Lexxus von Bassism Records getroffen – seitdem kommt der in Berlin lebende Amerikaner jedes Jahr in die Lorraine auf Besuch. Mehrere Releases hat der Dub-Produzent, dessen Name in elektronischen Kreisen wohlbekannt ist, mit den Bernern bereits eingespielt, wobei er diese Zusammenarbeit mit Namen Achtung Kinder! als unkonventionell und deswegen ungemein inspirierend beschreibt: «Ich musste mein Hirn umkehren und zurück zu meinen Punk-Wurzeln.» Die Vorgehensweise bei der Produktion von Achtung-Kinder!-Stücken ist tatsächlich ziemlich ungewöhnlich. Das Studio wurde gleich in der eigenen Wohnung installiert, die House-Tracks werden oft den ganzen Tag über bis tief in die Nacht produziert, wobei ein sympathisches Hippie-Prinzip herrscht: Jeder darf der Reihe nach dem entstehenden Track eine neue Schicht hinzufügen. So werden Richtungen eingeschlagen, die vorher nicht absehbar waren, wobei sich die Dynamik manchmal auch gerade daraus ergibt, dass das, was unmittelbar vorher eingespielt wurde, im ersten Moment ein bisschen quer in der Klanglandschaft zu stehen scheint. Zusammen mit dem technolastigeren Montalbano Project ist Achtung Kinder! wohl das seriöseste und vielversprechendste Projekt aus dem Hause Spiegelkiste.

Raus aus der Kiste

Die eigenen Produktionen sind nun so weit herangereift, dass man sie gerne einem breiteren Publikum präsentieren möchte. Die erste Bekanntmachungs-Aktion ist denn auch schon aufgegleist: Ab Juni wird der Hof des Progr in Beschlag genommen; donnerstags bis samstags werden ab 15 Uhr live elektronische Sets geboten. «Bestimmt von Montalbano Project und Achtung Kinder!. Vielleicht aber auch von unserem Chanson-Projekt ‹Des Pferdehansens Liedermacherei›», sagt Santiago Montalbano und grinst dabei vergnügt, während im Hintergrund die House-Bässe pulsieren.

Achtung Kinder! spielen am Freitag, 11.04. an der Electronica-Partyreihe «Tech Noir Club», Turnhalle Progr, 22 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 11.04.2014, 07:39 Uhr

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