Das Dingdong im Kopf

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs über die permanente Verwunderung in Zeiten von Telefonmarketing, Drohnen und selfie-affinen Stapi-Kandidaten.

hero image
Regula Fuchs

Ruft neulich eine Frau von einem deutschen Zeitungsverlag an: ob mich das Probeabonnement überzeugt habe, ja?, sehr schön, wunderbar, und ob ich in dem Fall gedenke, das renommierte Blatt künftig Woche für Woche in meinem Briefkasten deponiert zu wissen, dann sei ich stets bestens informiert über Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Ach nee, ein Zögern? Ja, dann habe sie noch ein spezielles Extra für mich, sie hätten das noch nirgends publiziert, ganz neu sei das Angebot, ich bekäme also, als Supplement zu einem Jahresabonnement, nein, kein rasierklingenscharfes japanisches Küchenmesser und auch kein Paar hoch­wertige Kopfhörer, sondern, und das sei wirklich kaum zu glauben, einen ganzen Urlaub! Kein Scherz! Eine Woche für bis zu vier Personen, in ausgezeichneten Herbergen in ganz Europa, frei wählbar, auch Winter­destinationen seien dabei, Übernachtung und Frühstück inklusive, einzig die Anfahrt müsse man selber berappen.

Allerhand, dachte ich bei mir, in welcher Filterblase bin ich denn nun gelandet? Da vernimmt man von den Redaktionen seit Jahren nur Stöhnen und Ächzen unter dem Spardruck, und die werfen eine Woche Gratisferien auf für ein Jahresabonnement à Fr. 322.40? Das kann doch nicht wahr sein.

Da war er also wieder, dieser Satz: DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN. Wie das leise Dingdong ständig rotierender Klang­kugeln hallt er seit geraumer Zeit in meinem Kopf, immer wieder drängt er sich in den Vordergrund, ein lästiger gedanklicher Tinnitus, der allmählich chronisch zu werden droht. Und um ihn zu aktivieren, brauchts nicht einmal die Weltpolitik, die lokale reicht vollauf. Wie kürzlich an einem Berner Traditionsanlass auf dem Bundesplatz, einen Tag nach den städtischen Wahlen. Schlängelt sich also ein neu gewählter Gemeinderat und Stapi-Kandidat durchs Gewühl, eine Frau grüsst freundlich und gratuliert, worauf der Kandidat nichts anderes weiss, als die Dame mittleren Alters zu fragen: «Weit Dir es Selfie?»

Ja, da kugelte und orgelte es wieder im Oberstübchen: «Bürgernähe???», schepperte es, und: «das Selfie, die autoerotische Vervielfältigung» (Roger Willemsen). Der unvermittelte Angriff eines Drei­käsehochs mit farbigen Papierschnitzeln stoppte dann das innerliche Kopfschütteln abrupt.

Erstaunlich ist ob der ganzen permanenten Verwunderung, dass anderes wiederum seine Rätselhaftigkeit zu verlieren scheint. Wenn die Migros nämlich weiss, dass man regelmässig Bio-Eier, Recycling-WC-Papier und die Agnesi-Spaghetti Nr. 3 kauft, dann ist es ja auch nicht weiter verwunderlich, wenn der Samichlaus Kenntnis davon hat, was die Kleinen das Jahr über so angestellt haben. Wie mussten wir uns früher für die Kinder Erklärungen ausdenken, warum der Chlaus weiss, dass sie beim Essen sauen, mit dem Schwesterchen grob sind oder brav beim Aufräumen helfen; von Vögelchen faselten wir, die zum Fenster herein­spähen und ihrem Auftraggeber im Wald alles Nötige berichten. Schon mal was von Drohnen mit Kameras gehört?, antworten heute die Kleinen und wedeln mit dem Digitec-Katalog. Und wir stehen da mit unserem DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN und wundern uns über unsere Verwunderung.

Ausser?.?.?. Ja, ausser wir schaffen es, sie weiter­zugeben – wie einen Grippevirus. So war die Frau vom Zeitungsverlag komplett baff, als ich kurzerhand auf Abo, Urlaub und «das gute Gefühl, immer bestens informiert zu sein», verzichtete. Und die Dame auf dem Bundesplatz? Die sagte schlicht: «Nei.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt