Dachfenster und Wutausbrüche

«Wahrheit»-Kolumnistin Lena Rittmeyer hätte früher mit der Wahrheit herausrücken sollen.

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Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

«Rebekka», sagte eine freundliche Männerstimme in Zürcher Dialekt, «Rebekka, die Dachfenster sind da.» Ich sass am Computer, vor mir gefühlte tausend geöffnete Browsertabs, und hatte alles andere als eine neue Deckenverglasung im Kopf. Und nicht zuletzt ist mein Name ja eigentlich auch nicht Rebekka. Aber das alles konnte der nette Herr aus Rapperswil ja nicht wissen, der die Scheiben baldmöglichst bei mir einsetzen wollte.

Wenig kooperativ liess ich seine Sprachnachricht unbeantwortet auf meiner Combox abgespeichert in der Hoffnung, er werde den Irrtum schon selber bemerken. Dem war allerdings nicht so. Über mehrere Tage leuchtete die unbekannte Nummer hartnäckig immer wieder auf meinem Handydisplay auf. Und hin und wieder hinterliess man mir auch eine weitere Botschaft, in der man mich zu überzeugen versuchte, die Fenster zeitnah montieren zu lassen, jetzt, wo das Wetter noch gut sei. Kurz darauf fing es übrigens an zu schneien.

Es klingt vielleicht wie eine Ausrede, und es ist im Prinzip auch eine, aber meistens erreichten mich die Anrufe tatsächlich in ungünstigen Situationen, in intensiven Schlaf- oder Arbeitszuständen etwa. Wie dem auch sei, es plagte mich irgendwann das schlechte Gewissen, den Herrn so lange im Ungewissen gelassen zu haben. Es war zu spät. Ich musste Rebekka werden. Nur so kam ich da wieder heraus.

Doch dann witterte ich meine Chance. Vielleicht war nun endlich die Gelegenheit gekommen, die Flucht nach vorne anzutreten. Unkontrolliertes Schreien und Fluchen sollen ja befreiend sein, und es hatten sich doch einige Spannungen angestaut in letzter Zeit. Ausserdem standen die Zeichen günstig: Ich hatte den Schutz der vollkommenen Anonymität und auch ansatzweise einen Grund, die Stimme zu erheben, schliesslich hatte man mich nicht nur verwechselt, sondern mich auch noch wiederholt mit schnöden Fensterscheiben behelligt.

Ungeheuerlich. Oder um es mit dem Schauspieler Klaus Kinski zu sagen: «Ist das zu fassen so was, ist das zu fassen?» Bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs «Fitzcarraldo» im südamerikanischen Dschungel hat er damals so lange herumgebrüllt (Auslöser war anscheinend ein unbefriedigendes Catering), bis die indianischen Stammesangehörigen Herzog beiseite nahmen und ihm das Angebot unterbreiteten, Kinski für ihn zur Seite zu schaffen. «Danke, aber den brauche ich noch», soll der Regisseur geantwortet haben.

Ein ganzes Volk will ich nicht gleich verärgern. Aber ich würde zum Beispiel inspiriert von Kinski in den Hörer schreien: «Dann mach doch deinen Scheiss!» (Gemeint wären die Fenster.) Oder auch: «Weisst du überhaupt, mit wem du sprichst?» (Gemeint wäre ich.) Und dann: «Das wird Folgen haben!» (Gemeint wäre nichts Konkretes.) Fast zwei Wochen nach dem ersten Anruf kam dann eine Textnachricht. «Grüezi Rebekka», schrieb der Absender. «Wir möchten nun endlich die Fenster einsetzen.» Ich holte tief Luft. Warum meldet sich diese Rebekka nicht endlich von alleine? Will sie keine neuen Scheiben? Warum gibt sie dem Mann überhaupt eine falsche Handynummer? Wollte er mit ihr ausgehen? Sind die Fenster nur ein Code?

«Sie haben die falsche Nummer», tippte ich. «Sorry!», kam es zurück. Problem gelöst.

Der Bund

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