Diese Postkarte belohnte Schreibfaule

Wer früher in weniger als fünf Wörtern jemanden grüsste, fuhr günstiger. Noch immer sind ältere Postkarten im Umlauf, auf denen sich dieser kuriose Portorabatt findet.

Viele herzliche Grüsse aus Zürich: Diese Textmenge ermöglichte in den 70er- und 80er-Jahren den Billigtarif.

Viele herzliche Grüsse aus Zürich: Diese Textmenge ermöglichte in den 70er- und 80er-Jahren den Billigtarif. Bild: TA Grafik

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Die A-Post soll ab 2020 teurer werden. Entsprechende Pläne kündigte Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller kürzlich an. Schwaller sprach von einer Preisanpassung von 1 Franken auf 1.10 Franken, entschieden sei aber noch nichts.

Was heute kaum mehr bekannt ist: Vor der Einführung der schnellen A- und der langsameren (oder weniger schnellen) B-Post im Jahr 1991 gab es bei den Portokosten für Postkarten noch ein weiteres Kriterium: «Bis 5 Grussworte und beliebig viele Unterschriften als Drucksache (verbilligtes Porto)», heisst es im Briefmarkenfeld einer Ansichtskarte aus Zürich aus den 80er-Jahren. Kein Einzelfall: Der Vermerk auf einen Spezialtarif für Wortkarge findet sich auf vielen Schweizer Postkarten aus den 70er- und 80er-Jahren.

Tatsächlich gab es zu Zeiten der guten alten PTT – der Post, Telefon- und Telegrafenbetriebe – diese Taxierung der Postkarten, wie Post-Sprecher Oliver Flüeler in feinem Postdeutsch sagt: «Damals waren die Sendungstaxen inhaltlich begründet. Dies hat sich im Lauf der Zeit auch weltweit geändert, weil nicht der Inhalt für eine Verrechnung der Kosten entscheidend sein kann, sondern der dazu notwendige Transportaufwand für das Format und Gewicht und die gewünschte Geschwindigkeit der Übermittlung der Sendung.»

Der Rabatt ist nicht mehr gültig

Die Zäsur kam am 1. Februar 1991. Damals führte die PTT, die bis 1998 existierte, die noch heute gültigen zwei Transportgeschwindigkeiten ein: die ­A-Post mit der Zustellung am Folgetag und die B-Post mit der Zustellung spätestens am dritten Werktag nach der Sendungsaufgabe.

Postkarten und Briefe werden heute formatbedingt gleichbehandelt, die Inhalte oder die Länge der Meldung sind heute kein Taxierungskriterium mehr. Die Postkarten mit der Möglichkeit zum Portorabatt bei weniger als fünf Wörtern sind zwar noch vereinzelt im Umlauf, aber die Vergünstigung ist nicht mehr gültig, wie Flüeler sagt.

Kommt hinzu, dass klassische Postkarten, die per Briefpost verschickt werden, eine starke Konkurrenz erhalten haben. Laut Flüeler werden Postkarten heute immer häufiger gratis und online verschickt: «Heute können Sie jeden Tag mit dem Smartphone und der PostCard-Creator-App gratis eine Postkarte kreieren und ausgedruckt als physische Postkarte zustellen lassen.» Die aktuellsten Zahlen zur PostCard-Creator-App zeigen, dass sich diese Postkarten einer rasant wachsenden Beliebtheit erfreuen. Wurden 2015 erst 4,5 Millionen ­Gratispostkarten über diese App verschickt, waren es 2016 bereits 6,7 Millionen und letztes Jahr sogar mehr als 9 Millionen Onlinepostkarten. Ein Detail nebenbei: Seit einiger Zeit verschickt die Post die Gratiskarten per B- und nicht mehr per A-Post. Die App wurde über 1,6 Millionen Mal heruntergeladen. «Tendenz steigend», sagt Flüeler.

Laut dem PTT-Kenner Karl Kronig vom Museum für Kommunikation in Bern galt der Drucksachentarif für Ansichtskarten mit Kurzgrüssen mehrere Jahrzehnte lang. «Die Postverwaltungen versprachen sich von der Vergünstigung einen Anreiz zum vermehrten Versand von Postkarten», sagt er.

Doch wie wurde die 5-Wörter-Regel kontrolliert? Theoretisch bedeutete dies ja, dass Postangestellte den Text auf Postkarten auf die Anzahl Wörter überprüfen mussten, was mit Blick auf das Postgeheimnis Fragen aufwarf. Und was geschah, wenn jemand die Karte als Drucksache frankierte und dennoch mehr als die erlaubten fünf Wörter schrieb?

Laut Karl Kronig war das Postgeheimnis zwar bei der Einführung der Postkarte ein Thema und ein Argument gegen diese neue Sendungsart, dürfte aber in diesem Fall betreffend Kontrolle der Textlänge keine Rolle gespielt haben. «Bezüglich des Inhalts war der Postangestellte ja ohnehin an das ­Postgeheimnis gebunden.»

Kronig geht ­davon aus, dass im Übertretungsfall der Kartenempfänger ein Strafporto ­be­rappen musste. Wie streng die Ahndung dieses Vergehens umgesetzt wurde, ist ihm nicht bekannt. Das Strafporto machte in der Regel den doppelten Tarif aus.

Das Porto war teurer als die Karte

Laut Gion Schneller, Vertriebsleiter von Photoglob, dem grössten Postkarten­verlag der Schweiz, hat seine Firma damals ebenso wie viele andere Verleger den 5-Wörter-Vermerk auf Ansichtskarten angebracht, «um potenziellen Käufern das Schreiben schmackhaft zu machen». Das Thema Portokosten für Ansichtskarten habe die Verleger seit je beschäftigt, weil das Porto immer teurer gewesen sei als die Karte selbst. Bei Verhandlungen habe sich die Post stets «äusserst zurückhaltend geäussert».

Da geschätzt 50 Prozent der geschriebenen Karten ins Ausland gingen, wurde der Verband der Kartenverleger gemeinsam mit Schweiz Tourismus aktiv und konnte zeitweise die Produktion von zwei vergünstigten Briefmarken anstossen. Leider habe sich diese Marke nie durchgesetzt, der Preisvorteil von 10 Rappen sei auch nicht wirklich attraktiv gewesen, sagt Gion Schneller.

Umfragen von Photoglob bei potenziellen Kunden zeigten, dass nicht das Porto entscheidend ist, sondern die ­Verfügbarkeit der Frankatur beim Kauf der Karten. Die von der Post angebotene Onlinelösung hält Gion Schneller für «sensationell».

Dass sie einen Boom erlebt, sei auf die Gratisversion zurückzuführen, aber es zeige auch, dass die Postkarte «immer noch ein attraktives Kommunikationsmedium» sei. «Gerne würden wir Verleger und Wiederverkäufer ebenfalls einen solchen Null-Porto-Bonus für unsere Titel in Anspruch nehmen», so Schneller. (Der Bund)

Erstellt: 10.10.2018, 18:12 Uhr

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