«Die Wahrheit ist doch total egal»

Radio zum Zuhören: Im Berner Kino Rex lädt der Journalist This Wachter zu seinem «Bühnen-Podcast». Und eilt damit einem Hype voraus, ehe der die Schweiz erreicht.

Ein Schelm webt sein erzählerisches Gespinst von der Bühne herab: This Wachter, flankiert von Manuel Schüpfer (Visuals, links) und Martin Bezzola (Sounds).

Ein Schelm webt sein erzählerisches Gespinst von der Bühne herab: This Wachter, flankiert von Manuel Schüpfer (Visuals, links) und Martin Bezzola (Sounds).

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Es ist schon ein seltsames Vor­haben: Live-Podcasting auf einer Bühne. Man muss sich also in die Öffentlichkeit begeben, um dieses intimste aller Medienprodukte zu konsumieren. Und dann ist es nicht irgendeine Bühne, auf der das Programm «Was wahr war» stattfindet, sondern ausgerechnet ein Kino. Audio im Bildertempel – wenn die Leinwand über weite Strecken dunkel bleibt, liest sich das fast als Kampfansage gegen die Augen, gegen die aufmerksamkeitsökonomische Abbildungs-Industrie.

This Wachter, langjähriger Wissenschaftsjournalist unter anderem beim «Bund», später Radioproduzent bei SRF 4, lädt zu diesem «Bühnen-Podcast» in die Kinosessel. Einzig die Tageszeit deckt sich im Kino Rex mit jener, die auch «klassische» Podcast­hörer bevorzugen: nach dem Abendessen, vor oder während des Einschlafens. Wegdösen ist auch hier nicht ausgeschlossen, Zurückspulen oder Pausieren hingegen schon. Noch viel weniger kann man zum tollen Ende springen oder das Ganze für unterwegs portionieren. Wachter holt Audio-on-Demand zurück in die geteilte Echtzeit, wie in den USA schon längst geschehen.

Geduld und Misstrauen

Beraubt sich da jemand, dem das Podcasting am Herzen liegt, seiner Geschäftsgrundlage und lässt dieses zeitversetzte Hoffnungs-Format, ehe es hierzulande wirklich angekommen ist, schon wieder hinter sich? Nein, vielmehr wirkt es wie ein öffentliches Sampling, eine Kostprobe dafür, was Wachter noch ausheckt.

Flankiert von Manuel Schüpfer (Visuals) und Martin Bezzola (Sounds zwischen Mandoline und Schreibmaschine), sitzt Wachter am Moderatorenpult und gibt präzise Stichworte für ein Feuerwerk aus O-Tönen, Songschnipseln und Soundeffekten. So webt er um seine Geschichten herum ein erzählerisches Netz, das verspielt und verdichtet ist wie ein aufwendig produziertes Radiofeature. Zeitweise auch ähnlich andächtig und etwas träge, doch diese Strecken sind nur Geduldsproben: Wachter beherrscht das Collagieren und die überraschende Wendung.

Häufig springt er innerhalb eines Satzes vom Live-Erzählen zum Zeitzeugenbericht – und zurück. Ein stoischer Schelm sitzt da am Mikrofon und kostet es aus, dass hinter diesem Abend eine lange und vertiefte Arbeit steckt.

Es ist nämlich die Auseinandersetzung mit der Erzählkunst selbst, die «Was wahr war» auszeichnet: Sie bezieht das Misstrauen gegenüber der eigenen Erinnerung immer mit ein. So wird eine Sprayerei an der Kantonsschule im zürcherischen Wetzikon zunächst als kriminalistisches Indiz behandelt; dazu befragt Wachter Lehrer und ehemalige Mitschüler, die vielleicht dafür verantwortlich sind, dass der Schriftzug «Nur ein Kuss» nach dreissig Jahren immer noch sichtbar ist – man hat sogar das Efeu zurückgeschnitten und überlegt, diesen «poetisch provokativen Akt» zu restaurieren.

Den Zeitgeist beschwören 80er-Jahre-Atmos, Bezzolas Live-Sprühdose und Carl Carltons Song «Just one Kiss». Nicht nur die individuelle, auch die kollektive Erinnerung entlarvt This Wachter aber als fehlbar, wenn er auf einen Bildfund in der Nationalbibliothek zurückgreift und den Schriftzug schon Monate vor dem erinnerten Zeitpunkt dokumentiert.

Bereit für die Welle

Ähnlich funktionieren die darauffolgenden Geschichten. Erst entblättert Wachter die vermeintliche Wahrheit, dann werden Kuriositäten und Verwandtschaftsbeziehungen (meistens zu Wachter selbst) offenbar, schliesslich lässt er den Mythos wieder Mythos sein. Und die Geschichte Geschichte, denn: «Die Wahrheit ist total egal», so lautet ein Schlusssatz.

Bedrückend wird es, wenn Wachter eine Nierenpatientin, die die Dialyse verweigert, verblüfft am Sterbebett begleitet. Helvetisch-kafkaesk, wenn ein Jurist im Nachgang des Fichen­skandals die Entschädigung für einen Einkommensausfall mit Bundesrat Otto Stich persönlich aushandelt. Und wenn eine Jugendliebe nach über sechs Jahrzehnten Abstand zwei etwa 90-Jährige wieder zusammenbringt, ist Wachter fasziniert und lässt das Paar auf der Leinwand ihrer eigenen Geschichte lauschen – oder eben seiner herzhaft entarteten Fantasie, wie es sonst hätte kommen können. Hier kulminiert dieser Live-Podcast grandios. This Wachter steht mit seinem «Audio Story Lab» bereit – für die erhoffte Podcast-Welle, die nun wirklich langsam mal in die Schweiz überschwappen darf.

Zusatzvorstellung am Sonntag

Die Nachmittagsvorstellung am Sonntag, 28. April ist bereits ausverkauft. Deshalb gibt es gleichentags um 20 Uhr eine Zusatzvorstellung.

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