Die vorsichtige Feigheit der Väter

Dieser Film erzählt von einem Vater und seinem Sohn – und davon, wie die Situation in Palästina sie entzweit.

«Wajib» ist einer der besten Filme über die nahöstliche Zerrissenheit – und über Väter und Söhne.

«Wajib» ist einer der besten Filme über die nahöstliche Zerrissenheit – und über Väter und Söhne. Bild: Trigon-Film

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Für einmal will ein Urteil sich vordrängen: Dies ist einer der besten Filme über jenes Palästina, das in Israel liegt; über jenes Israel, das Palästina ist; über Juden, Christen und Muslime, die von der Geschichte gezwungen wurden, Nachbarn zu sein; über den Willen zur friedfertigen Normalität; über eine unbefriedete Realität. Und über Väter und Söhne. Besser ist dieser Film als manche der respektablen, aber oft etwas zu eindeutigen Tragödien der nahöstlichen Zerrissenheit (denn das unterscheidet «Wajib» von ihnen: Das Tragische lauert hier in der Vieldeutigkeit). Besser als die Komödien der listenreichen Menschlichkeit, in denen Feinde sich verstehen lernen (denn das Komische ist in «Wajib» nicht Konfliktlösung, sondern höchstens so etwas wie Atemholen). In einer simplen Fiktion scheint Wirklichkeit zur komplexen Wahrheit destilliert.

Der Ort der Handlung ist Nazareth, das alte, wo die arabisch-israelische Bevölkerung, muslimische und christliche Palästinenser, mit sich selbst auskommen muss, und das neue «Ober-Nazareth», wo vor allem ein jüdischer Mittelstand für seine eigene Ordnung sorgt. Es ist eine Welt des Unten und des Oben, der Ressentiments, der Kränkungen, des starken Familiensinns, aber auch der freundlichen Gewohnheiten. Der Palästinenser Abu Shadi, Lehrer, Christ, kommt dort der Verpflichtung («wajib») nach, die Einladungen zur Hochzeit seiner Tochter jedem Eingeladenen persönlich zu überbringen, so wills die Tradition. Auf der Einladungstour hilft ihm sein Sohn Shadi, ein Designer, extra aus Italien angereist, wo er längst in besseren Emigrantenkreisen verkehrt.

Der Vater schämt sich deswegen ein wenig, er hat den jungen Mann ohnehin ungern ziehen lassen seinerzeit und möchte ihm das Heimkommen schmackhaft machen. Einen langen Tag lang, zwischen charmanten, kuriosen, melancholischen Besuchsszenen, ist dann Zeit, in Scherz und Ernst das Für und Wider der Heimat und der Sesshaftigkeit zu bereden. Das rührt schmerzhaft an offenen Wunden und führt in diesem Israel, diesem Nazareth, zwischen diesem Vater und diesem Sohn zum Streit über Opportunismus und Opposition. Und allein für die eine zentrale Erkenntnis wäre dieser Film zu empfehlen: dass Söhne sich den Mut zur Aufmüpfigkeit manchmal nur leisten können dank der vorsichtigen Feigheit ihrer Väter. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2018, 06:51 Uhr

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