Die Schweiz und ihre Gräben

«Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen erklärt seiner brasilianischen Gemahlin die Schweiz - und Liegevelofahrer.

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Ane Hebeisen

Die Schweiz wird ja landläufig ganz gerne als Einheit gedacht und geträumt. Und genau so war das schliesslich auch von unseren Gründervätern gewollt. Schon im Bundesbrief von 1291 stand nämlich geschrieben, man habe – «im Hinblick auf die Arglist der Zeit» – einander «Beistand, Rat und Förderung mit Leib und Gut» zugesagt. Und zwar «in Gottes Namen Amen».

Gut möglich, dass die Zeit mit den Jahren noch ein bisschen arglistiger geworden ist. Jedenfalls ist die Schweiz für ihre Grösse mittlerweile doch von recht vielen Gräben zerfurcht. Da ist zunächst der bekannte Stadt-Land-Graben, dessen Ausprägung allein deshalb erstaunt, weil es in der Schweiz ja eigentlich gar keine richtige Grossstadt im globalen Massstab gibt. Als ich meiner brasilianischen Gemahlin einst erklären musste, dass Köniz in der Schweizer Grossstadt-Hitparade mit 40'000 Einwohnern auf Platz 12 rangiert, war ihr Erstaunen nicht gering. Wie da ein Stadt-Land-Graben entstehen konnte, war ihr jedenfalls sehr schleierhaft.

Ich versuchte es so zu erklären: «Auch wenn es hier keine wirkliche Grossstadt gibt, fühlen sich eine Krienserin (27'000 Einwohner / Rang 25) oder ein Usterer (Platz 19 / 33'000 Einwohner) durchaus ein bisschen so, als zählten sie zur globalen urbanen Bourgeoisie und führen sich auch dergestalt auf. Viele Menschen vom Lande betrachten solche städtischen Kaprizen mit Argwohn. Aus Trotz wählen sie die Partei, die sich am weitesten weg von urbaner Weltgewandtheit positioniert. Und voilà, schon haben wir einen Stadt-Land-Graben.»

Meine Gemahlin sah mich verständnislos an. Doch weil es in ihrem Heimatland gerade noch ein bisschen rätselhafter zugeht als hier, blieb sie ruhig. Aber im Aufzählen weiterer Gräben steigerte sie sich in einen regelrechten Rausch hinein. Zum Thema Gräben zwischen den Sprachregionen notierten wir: Die Welschen machen den Deutschschweizern zum Vorwurf, dass sie konservativ abstimmen und den Volksrock erfunden haben, und distanzieren sich deshalb von diesem ungastlichen Landesteil. Die Tessiner fühlen sich ohnehin chronisch von allen und allem vernachlässigt, und die Walliser wollen in ihrer ländlichen Knorrigkeit traditionell mit niemandem etwas zu tun haben. Dann gibt es den Graben zwischen Zürich und Aargau, weil die Zürcher die Aargauer als kulturell unterentwickelt betrachten, es gibt einen Graben zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern, zwischen Fahrradfahrern und Elektro-Fahrradfahrern, zwischen Elektro-Fahrradfahrern und Liegefahrradfahrern, zwischen Fleisch- und Pflanzenessern, zwischen Schreibern und Kommentarspaltenschreibern, zwischen SCB und SCL, Samsung, iPhone, Männchen, Weibchen und so weiter und so fort.

Und einstweilen gibt es ja auch wieder einen Graben zwischen Jung und Alt. Früher hat sich dieser noch in differenten Ansichten zu Musik, Mode und Haarschnitt manifestiert. Heute ist die Zankfrage ein bisschen fundamentaler: Es geht darum, ob man die Welt retten soll oder nicht. Die Fronten sind auch hier ziemlich verhärtet: Auf dem Land und unter den Volksrockern spricht man von Hysterie, die Städter beobachten minutiös, ob die Klimajugend an ihren Manifestationen den Abfall brav entsorgt, und die Liegevelofahrer finden ohnehin, dass die Welt nur noch in der Horizontalen zu ertragen ist. Und die SRG? Die lässt gegenwärtig bei jeder Gelegenheit Exponenten der Jugend Sendungen moderieren und gestalten, wohl um herauszufinden, wie diese so tickt und was sie sonst noch so im Schilde führt. Beistand und Rat sind teuer. Und die Zeit ist arglistiger denn je. In Gottes Namen Amen.

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