Die Menschheit in ihrer elastischsten Form

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs erklärt, wie aus einer Bergsteigerin eine Barbie wurde.

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Regula Fuchs

Warum im nächsten Leben nicht als Barbie wiedergeboren werden? Schliesslich ist die Puppe mittlerweile viel mehr als nur blond und etwas hüftsteif. Barbie hat richtig spannende Berufe: Sie ist Richterin mit schwarzer Robe und Plastikhämmerchen, Astrophysikerin, Fussballerin oder Ärztin. Und sie scheint ihren Besitzerinnen zuzurufen: «Du kannst alles sein, was du willst!»

Barbie ist zwar nicht erst seit gestern kein Püppchen mehr. Jetzt aber, im Alter von sechzig Jahren, hat die Beauty des Herstellers Mattel ihren Daseinszweck gefunden – und es ist nicht bloss das Frisiert- und Angezogenwerden. Sie ist zum Vorbild geworden, und darum bringt Mattel regelmässig sogenannte «One of a Kind»-Puppen heraus, Unikate, die Frauen zeigen, welche Aussergewöhnliches geleistet haben. Kürzlich durfte die Bergsteigerin Evelyne Binsack als erste Schweizerin ihr Barbie-Ebenbild in Empfang nehmen. Es ist gekleidet in jenen Skianzug, den Binsack trug, als sie ganz allein zum Südpol stapfte.

«Die Willenskraft kann wie ein Muskel trainiert werden», sagte Binsack bei dieser Gelegenheit den Mattel-Werbeleuten. (Dabei ist jener Muskel bei Kindern ja sowieso besonders ausgeprägt, wie mir scheint, aber item.) Und Binsack weiter: «Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, verfolge ich dieses konsequent. Als ich beispielsweise als junge Frau mit dem Leichtathletiktraining begonnen hatte, konnte ich mich auch an schlechten Tagen stets dazu überwinden, die vorgegebene Trainingsstrecke zu absolvieren.»

Ärztinnen widmen sich dem letzten verbliebenen Bereich der Medizin,der plastischen Chirurgie.

Eine Frau, die sich überwindet, die ihren Willensmuskel stählt, sich an Steilwänden hochpickelt und durch Eiswüsten spurtet – da drängt sich ein böser Verdacht auf. Womöglich ist Frau Binsack vor allem darum ein ideales Gesicht für Barbies Selbst­verwirklichungskampagne, weil sie selber nicht aus Fleisch und Blut ist. Sondern aus einem zäheren Material – Plastik etwa?

Ja, man muss kein Verschwörungs­theoretiker sein, um zu erkennen, dass Mattel nur ein kleiner Akteur ist in einem grossen Masterplan: der allmählichen Plastifizierung des Menschen. Jüngst wurde publik, dass jede und jeder pro Woche so viel Mikroplastik zu sich nimmt, wie eine Kreditkarte schwer ist. Im Jahr sind das stattliche 250 Gramm, und wer sich schon immer gefragt hat, warum die Waage stets etwas mehr anzeigt, hat hier die Antwort: Wir werden zu Makroplastik. Und Barbie gewöhnt uns und unsere Kinder schon mal an die Vorstellung, dass wir dereinst adrett und faltenlos durch die Gegend oder die Polarregionen spazieren und die Elemente uns nichts anhaben können. Wir sind temperaturresistent, elastisch, leicht abwaschbar und sehr genügsam, knabbern bloss ab und zu an einer Kreditkarte.

In der plastifizierten Zukunft fällen reissfeste Richterinnen wasserdichte Urteile, Astrophysikerinnen aus Kunststoff reisen ohne jegliche Abnützungs­erscheinungen zum Mars, für plastifizierte Fussballerinnen sind Fouls kein Thema mehr, und synthetische Ärztinnen widmen sich dem letzten verbliebenen Bereich der Medizin, der plastischen Chirurgie.

Und was ist mit dem plastifizierten Mann in der Zukunft, fragen Sie? Nun, hier sieht es ein bisschen düsterer aus. Ken, Barbies Freund, hat ein ziemlich eingeschränktes Berufsspektrum. Er ist vornehmlich «Fashionista». Sorry, guys.

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