«Die lokale Tanzszene ist irre lebhaft»

Anneli Binder ist in der Dampfzentrale zuständig für Tanz und Performance und Teil der Geschäftsleitung.

Anneli Binder ist seit 2016 in der Leitung der Dampfzentrale tätig.

Anneli Binder ist seit 2016 in der Leitung der Dampfzentrale tätig. Bild: Manu Friederich

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Seit einem Jahr bildet Anneli Binder gemeinsam mit Roger Ziegler (Musik) und Till Hillbrecht (Club) auch die künstlerische Leitung. Am Jubiläumswochenende gibts neben dem ausverkauften Konzert der Young Gods auch die Bühnenproduktion «Das Ritual» von Chris Leuenberger und Simon Ho zu sehen, die mit mehr als 30 Laien arbeiten. Zudem auf dem Programm: eine Festrede von Tom Kummer sowie die Gelegenheit, einen Blick in die Büros zu werfen, wo es zu künstlerischen Interventionen kommt.

Das Jubiläumswochenende steht unter dem Motto «30 Jahre Zuversicht». Braucht es Zuversicht in einem Haus wie der Dampfzentrale?
Ein Jubiläum ist ja ein Ritual, wie es viele gibt, ein runder Geburtstag etwa oder auch das Feierabendbier. Oft sind solche Rituale sinnentleert. Dem wollten wir etwas entgegensetzen, und darum nennen wir unser Jubiläum nicht Jubiläum, sondern besetzen es mit einem Begriff, der sowohl in die Vergangenheit weist, als auch in die Zukunft strahlt. Ich finde, «Zuversicht» passt gut zur Dampfzentrale, weil sie ja eine ruckelige Geschichte hatte, aber auch immer wieder grandiose Kultur in diese Stadt brachte. «Zuversicht» steht auch dafür, dass das bitte noch sehr, sehr lange möglich sein möge.

Die Unruhe war tatsächlich eine Konstante in der Geschichte der Dampfzentrale. Spüren Sie das in Ihrer täglichen Arbeit?
Freie Theater bringen immer Unruhe mit sich. Die muss nichts Negatives sein: Es geht darum, permanent zu überprüfen, was der Kunst am besten dient. Aber natürlich gehen Leitungswechsel, wie sie die Dampfzentrale erlebt hat, nicht spurlos vorbei. Im vergangenen Jahr hat der Vorstand entschieden, dass die Dampfzentrale von einem mehrköpfigen Leitungsteam geführt werden soll.

Wohin steuern Sie nun das Haus?
Roger Ziegler, Till Hillbrecht und ich, wir brechen das Spartendenken in der Kultur gerne auf – wie jetzt am Jubiläumswochenende. Trotzdem ist klar, dass Tanz und Performance der dickste Bereich im Haus ist, und das wird auch so bleiben.

Für die lokale Tanzszene ist die Dampfzentrale die wichtigste Bühne in Bern. Was bieten Sie ihr?
Die Berner Szene ist irre lebhaft, und ich bin noch immer daran, sie bis in die letzten Winkel kennen zu lernen. Unser Studio steht ihr offen für Residenzen und Proben jeglicher Art. Gerne würde ich auch mehr Stücke als momentan koproduzieren, allerdings gehören für mich dazu nicht nur die künstlerische Begleitung oder die Gage, sondern auch ein Beitrag an die Produktion. Und das können wir derzeit etwa vier Mal im Jahr bieten. Ich freue mich aber, wenn Berner Tanzschaffende auch an anderen Orten auftreten und wenn sich Häuser anderen Sparten gegenüber öffnen. Und die Dampfzentrale soll das Haus der Performing Arts sein: So möchte ich in Zukunft gern mehr Theater programmieren.

Warum das?
Es geht mir nicht um klassisches Sprechtheater. Der Tanz war schon immer sehr mobil, hat Unverschämtes gemacht, Grenzen übertreten. Dieser Entwicklung versuche ich Rechnung zu tragen.

Seit es die Berner Tanztage nicht mehr gibt, finden manche das Tanzprogramm der Dampfzentrale elitär. Was tun Sie gegen Schwellenängste?
Ich habe die Tanztage selber nicht erlebt, aber ich vermute, sie haben es geschafft, den Begriff «Festival» zu beleben. Und das werde ich bei der nächsten Ausgabe des Festivals Tanz in Bern auch tun. Rund um die Aufführungen soll ganz vieles passieren, es wird unter anderem Podien, Filme und Kulinarisches geben.

Was hat es mit dem Jubiläumsstück «Das Ritual» auf sich?
Es ist die erste eigene Bühnenproduktion der Dampfzentrale. Statt internationale Künstler einzufliegen, die nichts mit uns zu tun haben, setzen wir mit Chris Leuenberger, Lea Martini und Simon Ho auf lokale Künstler und bringen sie mit Laien zusammen, die einen Bezug zum Haus haben. Das macht grossen Spass. Und es wird scheppern! (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2017, 06:53 Uhr

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