Die Königsdisziplin

King Pepe, den unberechenbarsten unter den Berner Mundart-Barden, zieht es auf seinem neuen Album auf den Tanzboden. Dort ist er oft umwerfend – manchmal aber auch etwas gar ulkig.

King Pepe hat sich neuerdings der Strommusik verschrieben.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

King Pepe hat sich neuerdings der Strommusik verschrieben.

(Bild: zvg)

Ane Hebeisen

Vermutlich ist das die Paradenummer im heutigen Popzirkus: eine Musik zu erschaffen, die so unvereinbar scheinende Pole wie Tanzbarkeit, Aberwitz, Melancholie und Furor in sich vereint. Die Risiken sind mannigfaltig, das Scheitern fast eine Zwangsläufigkeit: Aus Aberwitz wird ganz schnell Slapstick, und dann ist es flugs vorbei mit Tanzeslust und dem Aufbringen jedwelchen tieferen Interesses.

Wenn man das Gelingen eines solchen Vorhabens jemandem in dieser Stadt zutrauen würde, dann ganz bestimmt King Pepe. Der Rätselmann des bernischen Mundartpop hat in seinem Musikerdasein schon etliche Haken geschlagen und ist nahtlos vom Heimwerker-Rumpel-Popper zum Jazz-Crooner mutiert – keiner beherrscht die Kunst des Verblüffens so meisterhaft wie er. Und kaum einer schafft es so vortrefflich, gesungene Plaudereien mit überraschender Lebensschlauheit zu spicken. Tauchgänge im Seichten waren seine Lieder bis anhin, mal gings tiefer, mal wurde ohne Aussicht auf weiterreichende Erkenntnisse im Bächlein des Lebens geschnorchelt. Zu guter Musik jeweils.

Wohliges Schnurren

Und die neueste Häutung geht so: King Pepe wechselt ins Milieu der nicht ganz ernst gemeinten elektronischen Club-Musik. Von der Street-Jazz-Kapelle Le Rex, mit der er die letzten beiden Alben eingespielt hat, ist nur der Schlagzeuger und Elektrofrickler Rico Baumann übrig geblieben, der – neben vielem anderem – unter dem Namen True herrliche, strombetriebene Soulmusik produziert.

«Karma OK» heisst das neue King-Pepe-Album, das also im Duo entstanden ist. Und nähert man sich dem Werk von der technischen Seite her, dann stellt sich bald ein Glücksgefühl ein. Was hier zusammengetrommelt, programmiert und produziert wurde, strotzt vor bestechenden, oft reichlich übermütigen Ideen. Wie beispielsweise im Tanzbodenknaller «Lütmerufmis­handya» der Subbass neben Glas-Perkussion und einer wunderlich groovenden Schnarrtrommel wummert, ist von froh machender Grossartigkeit. Und die absolut inakzeptable Sample-Orgie, die im Instrumental «Krunkfunk» gefeiert wird, macht am Ende dann eben doch irgendwie Spass.

King Pepe – Lütmerufmis­handya

Der Zeitgeist ist allgegenwärtig auf diesem Tonwerk. Aus den Kunstnebelschwaden winken Melker und Jeans for Jesus freundlich zu, die Töne sind so gesetzt, dass sie jedem Freund neuzeitlicher Indie-Elektro-Musik ein wohliges Schnurren entlocken. Das Spektrum reicht von hipper Analog-Synthie-Discomusik («Machtnütmirsihigh») über Auto-Tune-Ohrwurmpop («Lambrusco») bis zum Nachdenk-Soul («Au die fründleche Lüt»).

Grübelnder Charakter

King Pepe, der im richtigen Leben Simon Hari heisst und dem Theaterschaffen wie dem Texten frönt, spricht, jammert und singt dazu über mannigfaltig Rätselhaftigkeiten des Daseins. Er gewährt tiefe Einblicke in seinen unaufgeräumten Gefühlshaushalt, er verkündet das Ende der Geduld, oder er greift destruktiv ein, wenn die Welt um ihn herum zu freundlich und zu makellos wird. Das ist dann umwerfend, wenn dieser verschrobene, grübelnde Charakter mitten auf dem Dancefloor essenzielle Fragen zu stellen beginnt («Was söui mit ere Sändig / wo Lüt im Seich im Dschungu si / I weiss doch sälber wies isch / Wed am Arsch und duss im Dschungu bisch»). Oder wenn King Pepe wieder einmal lustvoll den Irrsinn streift («I bi identisch mit mir / I ghöre immer Stimme / u die Stimme ghöre mir»).

«Was söui mit ere Sändig / wo Lüt im Seich im Dschungu si»: King Pepe – Ende der Geduld

Doch es gibt halt eben doch auch Szenen auf diesem Album, in welchen der Spass zum bedauerlichen Ulk mutiert. Unglücklicherweise ballen sich diese Tracks gleich im ersten Drittel des Werks, was den Zugang etwas beschwerlich macht. Es sind Lieder, in denen etwas gar ungeniert mit lustigen Samples jongliert wird, in denen der Falsettgesang zum Running Gag verkommt und drollige Orgeln zum Einsatz gelangen. Diese musikalische Akzentuierung der humorigen Seite von King Pepe erscheint unnütz. Am meisten Spass macht das Werk dann, wenn King Pepe die gute alte Ustinov-Weisheit beherzigt: «Humor ist einfach eine komische Art, ernst zu sein.»

King Pepe: Karma OK (Gesunder ­Menschenversand)

Der Bund

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