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«Die Grenzen des Museums sprengen»

Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee warten 2018 mit Experimenten auf. Eine Ausstellung wird gemeinsam mit Menschen mit Down-Syndrom konzipiert, in einer anderen rufen Künstlerkollektive eine «République géniale» aus.

Alexander Sury
«Touchdown» ab Januar im Zentrum Paul Klee: Johanna von Schönfeld, Ohrenkuss-Ausgabe «Superkräfte».
«Touchdown» ab Januar im Zentrum Paul Klee: Johanna von Schönfeld, Ohrenkuss-Ausgabe «Superkräfte».
Martin Langhorst

Das Modell der Ausstellung wird auf einem Wägelchen hereingefahren, und Fabienne Eggelhöfer, Chefkuratorin im Zentrum Paul Klee, lädt gleich zum «virtuellen Rundgang» ein. Die szenografische Grundidee von «Touchdown» (ab 24. 1.) lautet: Astronauten landen auf der Erde und entscheiden darüber, ob sie länger auf dem blauen Planeten verweilen wollen. Zum ersten Mal wird in einer Kunstausstellung die Geschichte des Down-Syndroms erzählt.

Gezeigt werden in der von der Bundeskunsthalle Bonn übernommenen und an Schweizer Verhältnisse angepassten Schau Spuren von Menschen mit Trisomie 21 in verschiedenen Ländern und Zeiten. Tandem-Führungen mit Vermittlern mit und ohne Down-Syndrom erklären Werke und einzelne Bereiche der Ausstellung. Schliesslich zeigt die Ausstellung auch Werke von Künstlerinnen und Künstlern mit Down-Syndrom – unter ihnen ist die Bernerin Pia Heim. «Es ist ein durch und durch partizipatives Projekt», sagt Nina Zimmer, Direktorin von Zentrum Paul Klee und Kunstmuseum, bei der Präsentation des Jahresprogramms 2018.

Diese «Infragestellung der klassischen Museumsausstellung» schliesst für Zimmer auch an Hausherrn Paul Klee an, «an sein Interesse für Integration und für Werke von nicht professionellen Künstlern».

Hodlers «Parallelismus» erleben

Auch Kathleen Bühler, Kuratorin für Gegenwartskunst im Kunstmuseum, kann für das kommende Jahr ein besonderes Format ankündigen, «das unsere Institution hoffentlich an Grenzen bringen und Grenzen des Museums sprengen wird». In «République géniale» (ab 17. 8.) wird 50 Jahre nach dem Aufbruchsjahr 1968 eine Idee des Fluxuskünstlers Robert Filliou aufgenommen. Gemeinsam mit der Dampfzentrale wird ein ständig sich wandelndes Ausstellungsprojekt mit Kunstkollektiven entstehen, mit Tanz- und Musikperformances sowie öffentlichen Unterrichtsklassen. Zur Ausstellung soll eine digitale Publikation erscheinen, welche sich aus wöchentlichen Beiträgen von und mit den Beteiligten zusammensetzt.

Zu den weiteren Höhepunkten 2018 gehören im Kunstmuseum neben dem zweiten Teil der Gurlitt-Ausstellung (ab 13. 4., mit einem Fokus auf den NS-Kunstraub) eine monografische Schau zur impressionistischen Berner Malerin Martha Stettler (ab. 4. 5.) und eine grossen Schau zum 100. Todestag von Ferdinand Hodler (ab 14. 9.). Die gemeinsam mit dem Musée d’art et d’histoire in Genf realisierte Ausstellung stellt erstmals Hodlers künstlerische Philosophie des «Parallelismus» ins Zentrum. Mit zahlreichen Werken von privaten Leihgebern und aus Sammlungen soll erlebbar werden, wie Hodlers «Welterklärungsformel» (Nina Zimmer) sich auch in kompositorischen Prinzipien des Malers niederschlug.

Im Zentrum Paul Klee ragen neben den Sammlungspräsentationen «Kosmos Klee» (ab 1. 6.) und «Klee &Friends» (ab 19. 10.) zwei Ausstellungen heraus: Einen Höhepunkt bildet das farbenfrohe Werk der libanesischen Künstlerin Etel Adnan (ab 15. 6.), die in den 1960er-Jahren Paul Klees Werk und seine Tagebücher entdeckte und davon nachhaltig inspiriert wurde. Zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts gehört der deutsche Expressionist Emil Nolde (ab 17. 11.). Den Meister der Farbintensität verband eine enge Künstlerfreundschaft mit Paul Klee. Die Ausstellung konzentriert sich auf Leitmotive in Noldes Schaffen, auf das Groteske, Fantastische und Exotische.

Gespräche mit Hansjörg Wyss

«Wir sind gut unterwegs», bilanzierte Jürg Bucher an der Jahrespressekonferenz. Der Präsident der Dachstiftung von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee belegte dies unter anderem mit den aktuellen Besucherzahlen: «2017 haben wir in beiden Häusern zusammen die Marke von 200 000 Eintritten deutlich überschritten.» Zu einem Publikumsmagneten entwickelt sich die aktuelle Gurlitt-Ausstellung (bis 4. 3.). Bereits wurden über 28 000 Eintritte gezählt, 160 Führungen durchgeführt und etliche Gruppenreisen aus dem süddeutschen Raum und aus Österreich registriert. Auch mit der internationalen Medienresonanz auf die erste Gurlitt-Ausstellung zeigte sich Bucher zufrieden – sogar ein Kritiker der «New York Times» sei eigens angereist.

Wegen der aus der Berner Architektenszene geäusserten Kritik an der Vergabepraxis hat die Dachstiftung bekanntlich das Projekt aufgegeben, den Atelier-5-Anbau des Kunstmuseums gleichzeitig zu sanieren und innen zu erweitern. Mehr Platz für die Gegenwartskunst sei aber nach wie vor ein dringendes Bedürfnis: «Wir brauchen ein grösseres und ein saniertes Kunstmuseum», sagte Bucher. Zunächst werde nun eine «minimale Sanierung» angegangen, um den Atelier-5-Bau aus dem Jahr 1983 weiter für Ausstellungen offen halten zu können.

Mitte Oktober war zudem bekannt geworden, dass der Milliardär und Mäzen Hansjörg Wyss bereit ist, zehn Jahre nach dem gescheiterten Projekt «angebaut» erneut 20 Millionen Franken für einen Anbau zu spenden. Die Dachstiftung hat mit Wyss Kontakt aufgenommen: «Die Gespräche über das grosszügige Angebot sind angelaufen, über Ergebnisse werden wir informieren, sobald es etwas zu sagen gibt.» Bucher machte auch klar, dass bei den Verhandlungen neben der Dachstiftung der Kanton als Subventionsgeber und die Stadt am Tisch sitzen müssen. Das Siegerprojekt eines Architekturwettbewerbs war 2007 am Einspruch der städtischen Denkmalpflege gescheitert

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