Die Fassade als blosse Hülle

Nüchtern und anonym: Der Verdichtungsbau am Breitenrainplatz ist ein typisches Beispiel für modernen Städtebau.

Der Neubau orientiert sich mit seinem hellen Betonfachwerk und den orangen Backsteinen an Vorbildern aus dem Quartier.

Der Neubau orientiert sich mit seinem hellen Betonfachwerk und den orangen Backsteinen an Vorbildern aus dem Quartier.

(Bild: Nicole Philipp)

Mit der Verwissenschaftlichung der Architektur im 19. Jahrhundert hat sich auch der Städtebau zu einer wissenschaftlichen Disziplin entwickelt. Seither haben sich unzählige Stadtvorstellungen immer wieder abgelöst. Ging es zunächst um das rationale Anlegen der Erschliessungsstrassen, waren es später malerische Gassen- und Platzwirkungen, womit sich die Stadtplaner beschäftigten.

Die Modernen bekämpften die Korridorstrasse und setzten ihre abstrakten Baukörper aufs Grüne und richteten sie nach der Sonne. Zudem wollten sie das Wohnen, das Arbeiten, die Erholungsgebiete und den Verkehr entflechten und voneinander trennen. Ende der 1960er-Jahre begann die Kritik an dieser modernen Stadt. Seither überschlagen sich die verschiedenen Rezepte und Konzepte. Noch kaum je ist so viel über Städtebau geschrieben worden wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Ein aktuelles Stadtverständnis kann man seit kurzem am Breitenrainplatz studieren, wo gerade ein Gebäudekomplex vor der Fertigstellung steht. Er belegt ein für Bern sehr grosses, unregelmässiges Viereck, auf dem zuvor nebst einer einstöckigen Migros ein grosser Parkplatz, ein Gewächshaus und zwei kleinere Mietshäuser gestanden haben. Diese ehemalige Bebauung ist zuvor nicht als einheitliches Geviert gelesen worden. Auf einer zu grossen Fläche standen die nicht sehr grossen Häuser eher unvermittelt: ein nie vollendetes, vergessen gegangenes Stück Stadt, das nun abgeräumt und durch eine verdichtete Neubebauung ersetzt worden ist.

Der Neubau orientiert sich in seiner Setzung an Vorbildern aus dem Quartier, folgt mit seinem hohen Sockelgeschoss unmittelbar den Strassen mit ihren Trottoirs und umschliesst einen Hof. Der ganze Komplex erweist dem Breitenrainplatz die Reverenz, indem er hier mindestens ein Geschoss höher ist als überall sonst, indem er den grossen Eingang in die Migros hier formuliert, indem die obersten zwei Stockwerke wie aufgesetzt und damit herausgehoben wirken.

Im Quartier hat es mehrere sehr schöne Backsteinbauten aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Die prominentesten stehen am Schnittpunkt einer von der Moserstrasse abzweigenden Querstrasse und betonen ihre Ecke durch ein oder gar zwei Türmchen, durch vorgestellte Rundbalkone, durch einen prominenten Eingang.

Die Backsteinflächen bilden stets die neutrale Grundfläche der Fassade, aus der die Fenstergewände, die Stockwerkbänder oder die Vertikalbetonungen andersfarbig im Kontrast stehen und damit rhythmisierend und schmückend wirken. Der Neubau mit seinem hellen Betonfachwerk und der orangen Backsteinausfachung passt sich auch hierin seinen älteren Nachbarn an, allerdings wirkt er ohne dunkles Dach, ohne natursteinernen Sockel und ohne keckes Türmchen deutlich nüchterner und anonymer.

In dieser Feststellung versteckt sich kein Vorwurf an die Architekten, die durchaus sorgfältige Arbeit geleistet haben, sie beschreibt lediglich eine Eigenschaft heutigen Städtebaus. War die Fassade, wie die italienische Herkunft des Wortes noch andeutet, einst das Gesicht (Facciata = Fassade; Face = Gesicht), das die Hinwendung zum öffentlichen Raum ausdrückte, so ist sie seit der Moderne bloss noch die Hülle und seit den Energiesparanstrengungen der «Winterpullover» des Hauses geworden. So haben wir denn heute in unseren Verdichtungsneubauten die alte Stadtstruktur im anonym-abstrakten Kleid.

Dieter Schnell ist Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur sowie Leiter des MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams.

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